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Schutzengel und Regenschirme
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Leben 618 – Freitag, 10.09.10
Es war einmal ein Zauberer. Der konnte alle Dinge schweben lassen, egal wie schwer sie waren. Er ließ seine Zuschauer durch die Manege schweben. Besonders unterhaltsam war es, wenn er am Ende seiner Vorstellungen Säcke mit Konfetti auf dem Boden ausstreute und das Konfetti, das ja eigentlich für’s runterschweben gemacht ist, ganz langsam aufsteigen ließ, um es schlussendlich doch unter dem tosenden Beifall seines Publikums der Schwerkraft zu übergeben und sich im Regen der rieselnden Schnipsel zu verabschieden. Er hatte auch bewiesen, dass er richtig schwere Dinge empor steigen lassen konnte. Beliebt waren Autos und Zirkustiere, sogar Elefanten waren ihm nicht zu schwer. Als mal ein Sattelschlepper eine Autobahnböschung hinuntergerutscht war, richtete er das verunglückte Fahrzeug nur mit seiner Magie wieder auf und stellte es ganz behutsam auf der Standspur ab. Marius, so hieß unser Zauber, hatte sein Handwerk bei einem Großmeister gelernt, einer der sich hervorragend mit Illusionen und übernatürlichen Kräften auskannte. Und eines Tages war Marius so weit, dass er ohne fremde Hilfe die Menschen mit seinen Vorstellungen verzaubern konnte. Marius wurde immer wieder gefragt, wie das denn funktioniere, was denn sein Trick sei. Nun verraten Zauberer ihre Geheimnisse nicht, aber Marius antwortete trotzdem wahrheitsgemäß: „Ich konzentriere mich auf das, was ich tue. Ich konzentriere mich so sehr, dass es gelingt.“ So richtig nahm ihm das niemand ab. Was dazu führte, dass immer mehr Besucher in seine Vorstellungen kamen, um es herauszufinden, sein Geheimnis. Nun liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte. Ja, der Marius konnte wirklich zaubern. Weil der daran glaubte. Und, weil er von seinem Schutzengel tatkräftige Unterstützung bekam. Wann immer der Marius schwächelte, war nämlich sein Schutzengel zur Stelle. Die geneigte Leserin, der geneigte Leser, beide ahnen, was jetzt kommt, ja kommen muss. Eines Tages war der Schutzengel krank. Es kam zwar ein Vertreter, aber wie es so mit Vertretern ist, bis die mal eingearbeitet sind. Der Marius ließ gerade mal wieder ein Auto in die Höhe steigen, als er auf einmal spürte, dass ihm da irgendwas fehlte. Irgendwie Kraft. Weil sein Vertretungsschutzengel absoult nicht wusste, wie man denn so ein Auto schweben lässt. Böse Welt. Das sollte jetzt der Augenblick werden, an dem sein Kunststück nicht mehr funktionieren würde. Das spürte der Marius. Als er sich urplötzlich an seine Interviews erinnerte und seinen Standardsatz, den er bei diesen Gelegenheiten immer gern zum Besten gab: „Ich konzentriere mich auf das, was ich tue. Ich konzentriere mich so sehr, dass es gelingt.“ War es nicht so, dass er genau diese Worte gewählt hatte? Dann wollte er jetzt noch mehr dran glauben. Das Publikum schrie gellend auf, weil das eben noch schwebende Auto für einen kurzen Augenblick völlig unerwartet im freien Fall gen Erdmittelpunkt unterwegs war. Aber nur für einen kurzen Augenblick, den Marius dafür brauchte, seine Konzentration mehr noch als sonst auf sein schwebendes Objekt zu richten. Als die Anstregung aus Marius‘ Gesicht wich, einem wissenden und dankbaren Lächeln Platz machte, ging ein Raunen durch die Reihen, das von einem nichtendenwollenden Applaus gefolgt wurde. Als Marius beim Abschminken saß, dachte sich sein Vertretungsschutzengel, dass er dem Marius jetzt ein Riesenkompliment machen müsse. „Du Marius, ich bin’s, Dein Schutzengel, oder besser gesagt, Dein Vertretungsschutzengel! Ich wollte Dir eigentlich helfen bei Deinem Kunststück, aber irgendwie habe ich gepatzt. Ja, und ich will Dir eigentlich sagen, dass Du vermutlich heute zum ersten Mal ganz alleine gezaubert hast. So ganz ohne Schutzengel. Wow, ich bewundere Dich!“ Als Marius die Worte seines Ersatzschutzengels verstanden hatte, als ihm auf einmal bewusst war, dass er die ganzen Jahre nicht alleine, sondern oft mit übernatürlicher Begleitung seiner Zauberei nachgegangen war, da war es aus mit seiner Magie. Kein Blatt Papier mehr wollte sich vor ihm in die Lüfte erheben. Ja, das ist sie die Geschichte von Marius, der sein Selbstvertrauen verloren hatte, als ihm bewusst geworden war, dass er auch auf göttliche Unterstützung angewiesen war, und dass er sich ganz auf sie einlassen muss. Er häbe schlecht geschlafen, meinte Hugo zum Frühstück. Er häbe geträumt, er sei ein Zauberer. Irgendwie habe er das aber doof gefunden, dass er just in dem Augenblick, wo er auf einmal mehr gewusst habe über sich und die Welt, wo er auf einmal kapiert habe, dass man Schutzengel wirklich braucht (und bitte keine schlechten Vertreter), dass er just in diesem Augenblick unfähig gewesen sei, an sich selber zu glauben. Am liebsten würde er den Traum jetzt noch mal träumen. Und immer wenn er ein Erfolgserlebnis hätte, würde er seinem Schutzengel wissend und dankbar zuzwinkern. Und immer wenn er eine Herausforderung zu bewältigen hätte, würde er so tun, als gebe es keine Schutzengel. Würde er so tun, als könne er nicht scheitern. Wohl wissend, dass ein Schutzengel wie ein Regenschirm ist, den man immer dabei hat, damit man ihn nicht braucht. © Ulf Runge, 2010 |



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