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Der Hauptgedanke

28. Juli 2010 10 Kommentare
Leben 602 – Mittwoch, 28.07.10

die Seele baumeln lassen

die Seele baumeln lassen

Er, von dem hier die Rede sein soll, war sich ziemlich sicher, dass er etwas Besonderes war, etwas Einzigartiges. Im Augenblick seiner Geburt war ihm bereits klar, dass er in der Menge Zigtausender sozusagen eine Führungsrolle würde übernehmen müssen, wollen. Sonst wäre er ja nicht er selbst.

Er, von dem hier die Rede ist, war sich im Augenblick seiner Schöpfung bewusst, dass er in sich selber die wahre Inkarnation des Widersprüchlichen war. Und ist. Hatte er doch sich selbst, den Sinn seiner Existenz so verstanden, dass es sein Anspruch sein müsse, genau der Gedanke zu sein, der sich darum kümmert, nichts und nicht zu denken. Wenigstens mal ganz kurz. Um mal Ruhe zu kriegen im Kopf. Wahrlich, was für ein Anspruch, dachte sich dieser Gedanke, dem es trotz seiner Außergewöhnlichkeit immerhin doch egal war, einen eigenen Namen zugesprochen zu bekommen.

Nun, er hatte also bemerkt, dass es ihn selber gab, und was sein Zweck sei. Nämlich der Person, der er entsprungen war, dergestalt dienlich zu sein, dass diese einfach an nichts würde denken können, Ruhe haben würde vor der Kakophonie einer Unmenge von Gedankenblitzen, die einem Pressefotographenblitzlichtgewitter gleich sein Hirn durchfluteten, ohne auch nur einen einzigen Gedanken so richtig fassen, so richtig festhalten zu können.

Wie also würde dieser unser Gedanke, wir wollen ihn fürderhin den Hauptgedanken nennen, auch weil er sich selber nun schon als sehr wichtig entdeckt hat, wie also würde unser Hauptgedanke, sein Ziel des An-Nichts-Denkens erreichen können?

So am Rande sei verraten, dass jener unser Hauptgedanke bei der Beantwortung dieser Frage auf den sachdienlichen Sachverhalt stieß, dass es weiterer mehrerer kluger Gedanken bedürfe, wollte man zur Lösung kommen. Etwa den Grübelgedanken. Und den Zweifelgedanken. Mit Hilfe des Trickgedankens schließlich kam er auf die zündende Idee: Er würde sich selber immer wieder in verkappter Form auf die Reise schicken, indem er etwa alle 30 Sekunden sein Hirn die Frage stellen lasse wolle: „Was denkst Du als nächstes?“ Worauf die Antwort: „An Nichts!“ als einzig wahre Antwort zu gelassen sein sollte.

Während unser Hauptgedanke sich mit Hilfe des Lächelgedankens über sich selber amüsierte, wurde ihm gleichzeitig bewusst, dass er selber eigentlich zwei Gedanken sei: nämlich der, der ans Nichts-Denken denkt, und ebenso der, der permanent die Frage stellt, ob denn der nächste Gedanke einer sei, bei dem man an nichts denke…

Und während er, der Hauptgedanke, darüber sinnierte, wie er diesen dualen Konflikt würde jemals lösen können, da vergaß er, sich laufend die Frage zu stellen, was denn der nächste Gedanke sein würde.

Die Person, der unser Hauptgedanke vor gut einer Stunde gekommen war, fühlte sich zunehmend besser und besser. Es war ein schöner Spaziergang gewesen…

© Ulf Runge, 2010

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