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Buchmesse ist am schönsten…
| Leben 506 – Sonntag, 18.10.09
Buchmesse ist am schönsten, wenn man … … den Zug verpasst hat und dann unerwarteterweise beim Australier sitzt (man muss ja nicht gleich Kängurus essen), also beim Australier SITZT. Und seine Beine ausruht. Der Reihe nach. Wir fahren in die Nachbarstadt, um mit dem schnelleren Regionalexpress zu fahren. Wer mich kennt, weiß, dass wir nicht mehr als zwei Minuten zu früh am Bahnsteig sind. Das Signal ist verwunderlicherweise noch rot. Ich blicke Süden, dort, wo der Zug herkommen soll. Die Strecke ist zugleer. Überhaupt sind hier sehr wenige Menschen, die diesen Zug nehmen wollen. Genau genommen sind hier nur drei Menschen, die diesen Zug nehmen wollen. Diesen Zug, der an „Schlägel und Eisen“ fährt, „außer Sa“. Schlägel und Eisen, so heißen die beiden, das hat mir Wikipedia soeben gesagt, und sie stehen für Werktag. Ein Symbol aus der Bergbauwelt. Werktag. Das heißt Montag bis Samstag. „Außer Sa“ heißt: Pech gehabt. Heute nicht. Denn heute ist Samstag. Okay, es fahren noch mehr Züge. In der nachfolgend verkehrenden Regionalbahn entnehmen wir der ZEIT-Beilage zur Buchmesse, dass Hella von Sinnen etwas zu Donald Duck Comics zum Besten geben wird. Da wollen wir hin, beschließen wir. Hallo? Wir fahren auf die Buchmesse, um Hella von Sinnen zu sehen und zu hören? Zum Thema Donald Duck? Ob wir noch ganz knusper sind? Doch, wir finden die Idee witzig. Und fangen an, uns schon ganz diebisch auf diesen Event zu freuen. Die Messe ist voll. Das haben wir erwartet. Aber nicht so voll, wie auf dem Weihnachtsmarkt. Das hat wohl auch seinen Grund, wie wir recht schnell feststellen. Morgen, da wird es hier richtig rund gehen. Weil an fast allen Ständen ein Schild prangt: „Verkauf erst ab Sonntag.“ Ich möchte gar nicht wissen, wieviel Geld wir hätten sparen können, wenn wir morgen auf die Buchmesse gefahren wären. So sparen wir heute nur eine ganze Menge, weil es nichts zu kaufen gibt. Dort, wo gleich Hella von Sinnen ihren Auftritt haben wird, unterhalten sich vier Herren in höchstem Tempo auf englisch über die Bedeutung der Verfilmung von Comics. Aha. Es ist gerammelt voll hier, aber nicht weil die Leute wirklich Interesse an dieser Podiumsdiskussion haben. Nein. Die warten alle auf Hella. Umringt von vielen Bodyguards nähert sich Hella dem Ort des Geschehens. Und während ich feststelle, dass ich jetzt ein Mensch bin, der schon mal nicht mehr als 10 Meter entfernt von Hella gestanden hat, fällt mir ein, dass ich mal jemanden kannte, der anlässlich von Gorbatschows Stuttgart-Besuch nicht weiter als 30 Meter von Gorbi gestanden hat. So weit dazu. Wir erfahren, dass Hella in ihrer Kindheit gar nicht Donald & Co. lesen durfte, dafür aber Mecki, den Igel, und dass wohl einen Fliegenpilz als Kumpel gehabt hat. Während wir uns von der total aus den Nähten platzenden Podiumsdiskussion aus dem Staub machen, erfahren wir noch von jenem seltsamen Weihnachtsessen, an dem die Ducks unterm Weihnachtsbaum sitzen, und eine Gans essen. Und daran sind zwei Dinge bemerkenswert: Numero 1: Ente isst Gans. Unglaublich! Numero 2: Vier Enten (Donald, Tick, Trick und Tack) essen eine Gans. Und jeder hat einen Schlegel auf dem Teller. Damit ist bewiesen: Im vergangenen Jahrhundert muss es vierbeinige Gänse gegeben haben! Eine Folge der amerikanischen Atomtests? Genmanipulationen lange bevor Dolly überhaupt gedacht wurde? Wir tigern durch Halle 3.0. Halle 3.1. Die Schritte werden langsamer. Halle 4.1. Warum geht man eigentlich auf eine Buchmesse? Bücher, Bücher, Bücher. Von denen Du nicht weißt, was sie taugen, weil Du sie ja erst selber gelesen haben musst. Bücher: Das ist wie Streichhölzer. Erst wenn Du es angezündest hast, weißt Du, ob es brennt. Autogrammstunde mit Peter Maffay. Huch, der ist ja kleiner als ich, denke ich mir. Klein. Fünftagebart. Unscheinbar. Einfach total normal natürlich. Das ist eine tolle Erfahrung: Jemand, der so viel bewegt hat, der so voll von vielen Musen geküsst ist, und dann sieht der einfach so, ja, ich sag mal, so nahbar aus. Umkehrschluss: Du musst nicht „groß“ aussehen, um Großes zu bewirken. Halle 4.2. Die Füße werden langsamer. Wir beschließen, heim zu fahren. Den 18 Uhr 6 kriegen wir nicht mehr. Aber den 18 Uhr 20 Intercity. Und mit dem überholen wir den 18 Uhr 6 und kommen dann recht schnell heim. Um 18 Uhr 8 sind wir am Bahnhof, viele Menschen sind hier, teilweise buchmessebedingt, teilweise aber auch eintrachtbedingt. Da muss wohl gerade ein Spiel zu Ende gegangen sein. Der 18 Uhr 6 ist pünktlich raus, der 18 Uhr 20 fährt samstags nicht (toll, der Ulf kennt ja richtig super den Fahrplan), und so haben wir eine Stunde Zeit, um vielleicht noch was zu uns zu nehmen. Die Nordsee und benachbarte Bahnhofslokalitäten sind überfüllt, fußballspielendebedingt, und so laufen wir zum Australier, bestellen kein Känguru, reden über die Beuteltierfauna des fünften Kontinents, reflektieren, was uns am besten auf der Messe gefallen hat. Und fahren im 19 Uhr 6 zurück. Ich, der ich viel zu wenig lese, nutze die Rückfahrt, um in der aktuellen Literaturbeilage der ZEIT ein Interview mit Toni Morrison (never heard before, muss ich zu meiner Schande gestehen) zu lesen. Kluge Frau. Weise Frau. In diesem Artikel drückt sie ein Wahrnehmungsgefühl aus, das auch ich habe, vermutlich viele von uns: Während wir leben, während wir beobachten und während wir einfach nur sind, da arbeiten wir schon an unserer nächsten Story, überlegen, ob die gelebte Wirklichkeit nicht auch zugleich Stoff ist für das, was wir schreiben wollen und werden. Ich weiß nicht, warum man auf eine Messe geht. Im besonderen eine Buchmesse. DIE Buchmesse. Aber nicht dort gewesen sein wollen hätte ich auch nicht. © Ulf Runge, 2009 |


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