Archiv

Archiv für Oktober 2009

Geheimnis

28. Oktober 2009 Ulf Runge 16 Kommentare
Leben 511 – Mittwoch, 28.10.09

Was ein Geheimnis ist? Als Kind habe ich gelernt, dass ein „richtiges“ Geheimnis etwas ist, das nur einer weiß. Wenn zwei es wissen, dann sei es keines mehr.

Nun, so „päpstlich“ will ich „jetzt“ mal nicht sein.

Heute habe ich ein Geheimnis erfahren. Ich müsse es die nächsten zwei Tage für mich behalten. Dürfe mit niemandem darüber reden. Solle dies sozusagen als besonderen Vertrauensbeweis auffassen. Da sage ich natürlich erst einmal „Danke!“.

Was fange ich jetzt an mit diesem Geheimnis? Es ist glücklicherweise nichts Schlimmes, Sittenwidriges, Trauriges. Ja, was fange ich jetzt mit meinem Wissensvorsprung an? Niemand sieht mir selbigen an…

Also, erst einmal für mich behalten! Sowieso! Natürlich werde ich nichts ausplaudern. Ehrensache!

Bis übermorgen, dann, wenn es „alle“ erfahren. Und dann ist es ja auch kein Geheimnis mehr. Interessiert niemanden mehr so richtig brennend. Weil nicht geheim.

Und jetzt grüble ich darüber, ob ich überhaupt darüber schreiben darf, dass ich ein Geheimnis weiß. Aus diesem Grund werde ich diesen meinen Artikel erst übermorgen veröffentlichen. (Wenn Du dies liest ist übermorgen. Oder noch später. Und dann ist das hier alles gegenstandslos. Weil nicht mehr geheim.)

Wobei, dann stellt sich immer noch die Frage, ob ich „danach“, also wenn es „alle“ wissen, ob ich dann einräumen darf, dass ich es „schon vorher“ gewusst habe. Oder ob selbst das geheim ist?

Weil es vielleicht nicht okay ist, dass andere erfahren, dass man für Stunden zu denen gehört hat, die „es schon gewusst“ haben.

Und dann wird es womöglich diejenigen geben, die sagen, dass ich mit dem, was ich erfahren habe, dass ich mit diesem Wissen im Gepäck hätte handeln müssen. Eskalieren. An die Presse gehen. Um unter allen Umständen zu verhindern, was da geplant sei. (Das ist nun ein bisschen dramatisiert, okay, okay.)

Es ist ziemlich schwierig, Geheimnisse anvertraut zu bekommen. Und diese dann mit sich herumzutragen. Also, ich werde nichts verraten. Bleibt die Frage, ob ich diesen Artikel veröffentliche. Nicht um damit anzugeben, dass ich für Stunden Geheimnisträger war. Sondern um den Konflikt aufzuzeigen, in den mich das mir anvertraute Geheimnis gebracht hätte, wenn ich es nicht mit meinem Gewissen hätte vereinbaren können.

Wissensdurst, bisweilen auch Neugierde genannt, liegt in der menschlichen Natur. Ich vermute mal, dass Du schon ganz gerne wüsstest, welches Geheimnis ich mit mir herumgetragen habe. Aber behalte ich lieber für mich.

So, DAS also ist mein Geheimnis . Und ich vertraue es Dir nicht nur für zwei Tage an. Sondern für immer.

© Ulf Runge, 2009

Macht

26. Oktober 2009 Ulf Runge 21 Kommentare
Leben 510 – Montag, 26.10.09

Was Macht ist, weißt Du, oder?

Etwa im Überholverbot die vorgeschriebene Geschwindigkeit fahren. Obwohl die Straße, die Witterung und die Verkehrslage Dich und die riesenlange Schlange in Deinem Rückspiegel dazu einladen würden, etwas schneller zu fahren.

Etwa im Aufzug stehen, und die Aufzug-Schließen-Taste drücken, obwohl Du siehst, dass da noch jemand heraneilt und gerne mitgefahren wäre…

Über Macht also soll dieser Beitrag handeln.

Wir sitzen im Restaurant. Die Speisen sind geordert, der einzige, der eine Suppe möchte, bin ich. Die Getränke sind serviert, als recht bald schon meine Suppe vor mir steht.

Ob sie wüssten, was Macht sei, frage ich meine Tischnachbarinnen? Höflicherweise ermutigen sie mich durch Achselzucken, doch meine Erklärung bezüglich der Macht zum Besten zu geben.

„Macht ist zum Beispiel, wenn ich meine Suppe jetzt gaaanz gaaanz laaangsam esse. Wenn Ihr deshalb mit Eurem Essen warten müsst, bis meine Suppentasse abgeräumt ist.“

Die eine Tischnachbarin gibt mir zu bedenken, dass ich mich darauf mal nicht verlassen solle, die würden hier servieren, wie es kommt.

Ja, und es kam. Es kam so, dass mir meine Augen fast ausfielen. Während ich meine Markklöschenkraftbrühe stolz wie Oskar und im festen Glauben, ich hätte Macht haben können, wenn ich nur gewollt hätte, Löffel für Löffel sichtlich und sichtbar genoss, währenddessen also ergab es sich, dass auf einmal alle meine sieben BegleiterInnen eine Suppenterrine vor sich stehen hatten. Eine freundliche Geste des Gastgebers. Tagessuppe für alle.

Nur für mich nicht. Ich hatte ja „meine“ Suppe.

Macht. Was mir dazu einfällt? Nun, Macht ist vergänglich. Und zwar ganz schön schnell…

© Ulf Runge, 2009

Fensterwort

25. Oktober 2009 Ulf Runge 2 Kommentare
Leben 509 – Sonntag, 25.10.09

Ich stehe ziemlich unter Strom, weil ich terminliche Dinge fertigstellen muss. Worauf ich dabei besonders angewiesen bin, ist eine funktionierende Textverarbeitung. Und die hat jetzt seit zwei Tagen Mucken gemacht. Um es genau zu sagen: Wann immer ich in meinem Fensterwort auch nur ein Zeichen eingetippt habe, ist Fensterwort sofort abgestürzt.

Jetzt, nach zwei Tagen, in denen ich sicherlich auch so sinnvolle Dinge wie Lebensmitteleinkaufen, Staubsaugen oder Joggen vollbracht habe, nach zwei verlorenen Tagen also, tut mein Fensterwort wieder. Hurra!

Ich weiß noch nicht wirklich, was passiert ist, aber ich verrate mal, was ich getan habe, damit ich jetzt endlich wieder arbeiten kann.

Und als Absacker dann: Was ich vermute, warum es überhaupt so weit gekommen ist.

Also: Wenn Dein Fensterwort nicht mehr tut, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Fensterwort ist kaputt. Oder das Dokument mit dem Du arbeitest.

Da ich mir sicher bin, dass mein Fensterwort nicht kaputt sein kann, vermute ich, dass mein Dokument, vermutlich durch vermehrte Sonnenfleckenaktivitäten kaputt gegangen ist. Was tue ich? Genau! Ich öffne ein anderes Dokument, und siehe? Genau, es ist auch kaputt. Als sich herausstellt, dass das dritte und das vierte, sprich, dass alle meine Dokumente einen Macken haben, was vermute ich da? Nö! Ich will nicht glauben, dass Fensterwort kaputt ist. Es wird wohl ein Virus sein, der die Dokumente befallen hat. Oder?

Ich lasse also die Festplatte samt Hauptspeicher samt, was man sonst noch so prüfen kann, prüfen. Fehlanzeige. Kann ja nicht sein, dass da kein Virus oder sonstwas ist, denke ich. Aktualisiere meinen aktuellen Virenscanner. Scanne noch mal. O.B. Ohne Befund. Das sind die Augenblicke, in denen eine gute Nachricht zur schlechten zu mutieren scheint.

Wer wie ich schon viele Fensterwort-Jahre auf dem Buckel hat, weiß, dass es manchmal helfen kann, die Vorlagendateien zu löschen oder umzubenennen. In der Hoffnung, dass da irgendwo eine kaputte dabei ist. Ich benenne also sämtliche dieser Vorlagen so um, dass sie jetzt die Dateierweiterung „tod“ haben. Schauder!

Nix. Nix passiert. Fensterwort stürzt ab.

Nachdem also die Lebensmittelvorräte aufgefüllt sind, der Fußboden gesaugt und der Kreislauf durch Joggen angeregt, fange ich an zu denken. Es muss irgendetwas sein, was dadurch passiert, dass ich etwas tue. Nur ein einziges Zeichen, das ich eingebe. Und schon stürzt dieses … Programm ab.

Und so schreite ich zur Totaloperation: Ich deaktiere sämtliche automatischen Sicherungsaktivitäten, ferner die Rechtschreibprüfung und die Grammatikprüfung. Ich klemme sämtliche Wörterbücher ab. Das automatische Ersetzen von Irgendwas durch Irgendwasanderes schalte ich ebenfalls ab.

Es ist Nacht. 1:00 Uhr morgens. UND MEIN FENSTERWORT TUT WIEDER. HURRA!

Dass ich ich extrem viel Zeit verloren habe, finde ich schade, das ist nun halt man so. Dass ich ab sofort wieder produktiv arbeiten kann, das bringt so viel Energie zu mir, dass ich schlussendlich positiv aus dieser Begebenheit herausgehe.

Ich fasse zusammen: Fensterwort tut wieder. Ich habe so ziemlich alles an Automatismen deaktiviert, aber das ist mir erst mal egal. Aber ich weiß nicht hundertpro, warum „es“ wieder geht.

So, und nun will auch noch meine Vermutung loswerden, warum mir das alles passiert ist.

Du weißt, was SPAM ist? Genau. Da schickt Dir etwa Guido.Merkel eine E-Mail und empfiehlt Dir den Kauf hochwertiger Plagiat-Uhren. Oder den Bezug von Spielzeugen, die man unter drei Jahren nicht verwenden sollte.

Nehmen wir mal an, Du heißt Rudi Ratlos. Und eines Tages schickt Dir Rudi.Ratlos@Kaffee-Online.de eine E-Mail. Du schickst Dir also selber so eine E-Mail?! Mit Inhalten, über die Du Dich schämen würdest, wenn Du sie wirklich abgeschickt hättest. Da bist Du einfach nur empört, über die Absenderfälscherei im Netz.

Aber es kommt dicker. Du, Rudi Ratlos, hast eine Kollegin, nennen wir sie mal Genoveva, die bekommt ne E-Mail von Dir. So ne SPAM-Mail. Da ist ein Anhang drin, den soll sie anclicken, öffnen, und dann würde irgendwas ganz tolles passieren.

Und Genova, lieber Rudi, was macht Genoveva? Sie schickt Dir „Deine“ E-Mail, die Du nie abgeschickt hast, und sie schickt Dir auch den Anhang mit, von dem sie vermutet, dass er gefährlich ist. Und sie schreibt Dir, dass sie ihn nicht angeclickt hat, und sie schreibt Dir, dass sie jetzt wissen will, wie es weiter geht.

Und Du, lieber Rudi, Du willst Ihr eine Antwort schicken, dass das alles SPAM sei, sie solle es vergessen, und Du, lieber Rudi, Du verclickst Dich dabei. Clickst auf diesen bescheuerten, wahrscheinlich verseuchten Anhang. Brichst sofort alles ab, als Du Deine Missetat bemerkst. Und es ist ja augenscheinlich auch nichts passiert.

Dass Dir Dein Fensterwort Stunden später abbricht, nimmst Du nicht weiter ernst. Wirst ja unterbrochen von noch was Wichtigerem.

Tja, für zwei Tage war ich jetzt Rudi. Und Genoveva werde ich nichts davon erzählen. Weil, Sie würde mir immer wieder diesen Anhang zuschicken. Weil sie ja glaubt, ich hätte wirklich diese blöde SPAM-Mail wirklich verschickt.

© Ulf Runge, 2009

STOPp 2.0

21. Oktober 2009 Ulf Runge 2 Kommentare
Leben 508 – Mittwoch, 21.10.09

STOP“ stand auf dem Stoppschild.

Nachdem mir dieser Gedanke durch den Kopf gehuscht war, als ich das mir wohlbekannte STOP-Schild so bewusst wie vorher noch nie wahrgenommen hatte, dachte ich zunächst, dies hier wird der kürzeste aller meiner Blog-Beiträge.

Ist es nun doch nicht geworden, da ich es nicht bei der Kuriosität gelassen habe. Sondern schon wieder auf dem besten Wege bin, mich zu erklären.

Fairerweise muss ich sagen, dass ich nicht der erste bin, dem solche Gedanken kommen. Deshalb hier gugelseidankenderweise ein Link auf einen Artikel, warum das Stoppschild gar nicht das Stoppschild ist, sondern ein Bild, und zwar das Bild 206. Und warum auf den deutschen / deutschsprachigen Stoppschildern auch weiterhin „STOP“ steht.

© Ulf Runge, 2009

Das Vermächtnis der aussterbenden Witze

21. Oktober 2009 Ulf Runge 4 Kommentare
Das Vermächtnis der aussterbenden Witze

Leben 507 – Mittwoch, 21.10.09

Gestern war ein historischer Tag. Ein trauriger Tag. Ich nehme ihn zum Anlass, nicht nur auf den Grund für die Traurigkeit hinzuweisen, sondern auf ein damit einhergehendes Phänomen, nämlich das der aussterbenden Witze.

Wer mich kennt, vermutet jetzt schon wieder etwas Skurriles, Witziges, Doppelsinniges. Dem ist in der Tat so. Und ich möchte aber gleich hinzufügen, dass ich mich über die Menschen, die jetzt extrem traurig sind, absolut nicht lustig mache. Im Gegenteil, ich fühle mit ihnen und ihren existenziellen Sorgen.

Aussterbender Witz Nummer 1 (Der Euro ist schuld, Nummer 1):

Diesen Witz habe ich bereits zum besten gegeben. Und zwar hier.

Wer nicht clicken möchte, braucht es auch nicht. Hier ist er:

Ich riskiere einen Österreicher-Witz, den ich selber immer gerne erzählt habe, als man die Utensilien hierfür noch mit sich rumgetragen hat. (Dieser Witz könnte sich aber genauso gut über andere liebe Nachbarn der Deutschen lustig machen. Hauptsache, die anderen sind die Doofen.)

Bayerisch-österreichische Grenze. Der österreichische Grenzer sieht etwas am Boden liegen. „Ja mei, wos is denn des?“ sagt er laut zu sich selber. Hebt die beiden runden Dinger vom Boden auf und wiederholt seine Frage: „Ja mei, wos is denn des?“

„Des han zwoa Groschn. Mit dena konn man bei uns telefoniern.“ ruft ihm der bayerische Grenzer zu, der das die ganze Zeit beobachtet hat. Worauf der Österreicher die eine Münze vor seinen Mund hält, die andere ans Ohr und laut vernehmlich ruft: „Servus Zenzi, kannst Du mi hörn?“

Hinweis: Der Witz ist hier zu Ende. Im Radio und Fernsehen würde durch Lacher-Einspielungen jetzt klar sein, dass das lustig war. Wem in Österreich und Deutschland kann man diesen Witz heute noch erzählen? Groschen, was ist das? Was ist eine Telefonzelle? Wie funktioniert das mit Münzen in einer Telefonzelle? Wobei die schönste Frage, die ich mir von jungen Menschen wünschen würde: Was ist eine Grenze?

Hinweis: Für die Übersetzungen vom Hochdeutschen ins Bayerische habe ich mich seinerzeit eines Übersetzers bedient.

Aussterbender Witz Nummer 2 (Der Euro ist schuld, Nummer 2):

Auch diesen Witz habe ich bereits zum besten gegeben. Und zwar ebenfalls hier.

Wer nicht clicken möchte, braucht es auch nicht:

Der zweite Witz ist ein Tünnes- und Schäl-Witz, bei dem ich mich aber nicht ins Kölsche verkünsteln will, sondern die wörtliche Rede hochdeutsch halte. Auch dieser Witz ist so heute nicht mehr erzählbar:
Tünnes und Schäl haben Falschgeld gedruckt. Als sie ihre Scheine zählen, merken sie, dass es die 15-D-Mark-Scheine, die sie gedruckt haben, in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Tünnes weiß Rat. „Wir fahren in die Eifel zu den dummen Bauern, da kriegen wir das Geld los!“ Gesagt, getan. Im erstbesten Eifel-Dorf sagt der Schäl: „Pass auf, da vorne ist ne Gaststätte, da geh ich rein und kauf ne Packung Zigaretten.“

Fünf Minuten später kommt der Schäl freudestrahlend aus der Kneipe raus, in der einen Hand eine Packung Zigaretten, in der anderen das Wechselgeld. „Du glaubst es nicht“ sagt der Schäl, „die haben mir doch tatsächlich ne Packung Stollwesand verkauft und zwei 7-Mark-Stücke rausgegeben!“

Auch hier darf jetzt bei Bedarf gelacht werden. Dass Peter Stuyvesant, ein Niederländer seinerzeit New Amsterdam, das heutige New York gegründet hat, das habe ich seinerzeit von den Zigarettenpackungen bei uns zu Hause abgelesen. Diese Zigarettensorte ist, glaube ich, heute auch nicht mehr so angesagt wie früher, als in der Zigarettenwerbung (Was ist das?) noch der River-Quai-Marsch gespielt wurde. Dass eine Packung Zigaretten mal eine Mark gekostet hat, das glaubt heute auch keiner mehr. Und was ne Mark ist? So was ähnliches wie ein Groschen, bloß „größer“. Siehe oben.

Statt der ausländischen Nachbarn sind es diesmal die „dummen Eifelbauern“, die hier als Gegenstand der Belustigung herhalten müssen. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mit einem leichten Grinsen zugebe, dass ich beide Witze seinerzeit gerne erzählt habe.

Aussterbender Witz Nummer 3 (Der Mammon ist schuld, Nummer 1):

Meinen „StammleserInnen“ ebenfalls nicht gänzlich unbekannt sollte dieser Witz hier sein. Auch den wiederhole ich gerne noch einmal hier:

Hertie

Die Mainzer einst gingen zum Hätti,
und kauften wie Krehti und Plehti.
Doch wo kauften ein,
die rechts wo vom Rhein?
„Oh je, bei Härtjeeh“, sprach die Betty.

Hinweis: Es gab einmal eine Warenhauskette namens „Hertie“. Während die Mainzer als bodenständig gelten und deshalb zu „Hätti“ (betont auf der ersten Silbe) gingen, sagte man den etwas vornehmeren Wiesbadenern nach, sie würden zu „Härtjeeh“ (betont auf der langgezogenen zweiten Silbe) gehen.

Aussterbender Witz Nummer 4 (Der Mammon ist schuld, Nummer 2):

Ich habe immer meinen Argwohn gehabt, wenn Geschäftsleitungen der Globalisierung wegen sich ganz schnell eines traditionsreichen Firmennamens entledigt haben. Seit gestern steht es fest: Quelle macht dicht. 7.000 Menschen verlieren ihre Arbeit. Das ist so unsagbar bitter, wenn man bedenkt, dass dies vor nicht allzu ferner Zeit ein gesundes Unternehmen war. Dass soviel Know-how nun den Bach runter geht. Und jede Menge Familien vor dem finanziellen Ruin stehen.

Ich mache mir den Übergang zum nun vierten und letzten Witz angesichts dieser Schicksale nicht leicht, aber mit Quelle (und zuvor Neckermann) geht auch dieser Witz „über den Jordan“:

Martin hat heute seinen ersten Arbeitstag. Bei Neckermann. Sein Chef sagt ihm, dass der Firmengründer, der Herr Neckermann persönlich, einmal am Tag durch die Gänge gehe und dass Martin ihn schön ordentlich grüßen soll.

Am Nachmittag kommt es zur ersten Begegnung, und Martin grüßt voller Freude: „Guten Tag, Herr Nackermann!“
„Nackermann? Sie sind wohl neu hier! Ich heiße Neckermann, merken Sie sich das bitte!“
„Entschuldigung, jawohl!“ stammelt Martin heraus.

Am nächsten Tag kommt es wieder zur Begegung und Martin konzentriert sich ganz fest, um dann freudig herauszurufen: „Guten Tag, Herr Nackermann!“
Dieser wiederum weist Martin zurecht und geht verärgert weiter.

Dritter Tag. „Guten Morgen, Herr Nackermann!“ Herr Neckermann schickt Martin ins Lohnbüro, er solle seine Papiere abholen und nach Hause gehen.

„Aber Martin, warum kommst Du denn so niedergeschlagen nach Hause?“ fragt ihn seine Frau, als er zu Hause ankommt.

„Du glaubst es nicht! Du glaubst es nicht!“ Unter Tränen dann: „Das gleiche wie beim Qualle!“

© Ulf Runge, 2007-2009

Buchmesse ist am schönsten…

18. Oktober 2009 Ulf Runge 12 Kommentare
Leben 506 – Sonntag, 18.10.09

Buchmesse ist am schönsten, wenn man …

… den Zug verpasst hat und dann unerwarteterweise beim Australier sitzt (man muss ja nicht gleich Kängurus essen), also beim Australier SITZT. Und seine Beine ausruht.

Der Reihe nach. Wir fahren in die Nachbarstadt, um mit dem schnelleren Regionalexpress zu fahren. Wer mich kennt, weiß, dass wir nicht mehr als zwei Minuten zu früh am Bahnsteig sind. Das Signal ist verwunderlicherweise noch rot. Ich blicke Süden, dort, wo der Zug herkommen soll. Die Strecke ist zugleer. Überhaupt sind hier sehr wenige Menschen, die diesen Zug nehmen wollen.

Genau genommen sind hier nur drei Menschen, die diesen Zug nehmen wollen. Diesen Zug, der an „Schlägel und Eisen“ fährt, „außer Sa“. Schlägel und Eisen, so heißen die beiden, das hat mir Wikipedia soeben gesagt, und sie stehen für Werktag. Ein Symbol aus der Bergbauwelt.

Werktag. Das heißt Montag bis Samstag. „Außer Sa“ heißt: Pech gehabt. Heute nicht. Denn heute ist Samstag.

Okay, es fahren noch mehr Züge. In der nachfolgend verkehrenden Regionalbahn entnehmen wir der ZEIT-Beilage zur Buchmesse, dass Hella von Sinnen etwas zu Donald Duck Comics zum Besten geben wird. Da wollen wir hin, beschließen wir.

Hallo? Wir fahren auf die Buchmesse, um Hella von Sinnen zu sehen und zu hören? Zum Thema Donald Duck? Ob wir noch ganz knusper sind? Doch, wir finden die Idee witzig. Und fangen an, uns schon ganz diebisch auf diesen Event zu freuen.

Die Messe ist voll. Das haben wir erwartet. Aber nicht so voll, wie auf dem Weihnachtsmarkt. Das hat wohl auch seinen Grund, wie wir recht schnell feststellen. Morgen, da wird es hier richtig rund gehen. Weil an fast allen Ständen ein Schild prangt: „Verkauf erst ab Sonntag.“

Ich möchte gar nicht wissen, wieviel Geld wir hätten sparen können, wenn wir morgen auf die Buchmesse gefahren wären. So sparen wir heute nur eine ganze Menge, weil es nichts zu kaufen gibt.

Dort, wo gleich Hella von Sinnen ihren Auftritt haben wird, unterhalten sich vier Herren in höchstem Tempo auf englisch über die Bedeutung der Verfilmung von Comics. Aha. Es ist gerammelt voll hier, aber nicht weil die Leute wirklich Interesse an dieser Podiumsdiskussion haben. Nein. Die warten alle auf Hella.

Umringt von vielen Bodyguards nähert sich Hella dem Ort des Geschehens. Und während ich feststelle, dass ich jetzt ein Mensch bin, der schon mal nicht mehr als 10 Meter entfernt von Hella gestanden hat, fällt mir ein, dass ich mal jemanden kannte, der anlässlich von Gorbatschows Stuttgart-Besuch nicht weiter als 30 Meter von Gorbi gestanden hat. So weit dazu.

Wir erfahren, dass Hella in ihrer Kindheit gar nicht Donald & Co. lesen durfte, dafür aber Mecki, den Igel, und dass wohl einen Fliegenpilz als Kumpel gehabt hat. Während wir uns von der total aus den Nähten platzenden Podiumsdiskussion aus dem Staub machen, erfahren wir noch von jenem seltsamen Weihnachtsessen, an dem die Ducks unterm Weihnachtsbaum sitzen, und eine Gans essen. Und daran sind zwei Dinge bemerkenswert:

Numero 1: Ente isst Gans. Unglaublich!

Numero 2: Vier Enten (Donald, Tick, Trick und Tack) essen eine Gans. Und jeder hat einen Schlegel auf dem Teller. Damit ist bewiesen: Im vergangenen Jahrhundert muss es vierbeinige Gänse gegeben haben! Eine Folge der amerikanischen Atomtests? Genmanipulationen lange bevor Dolly überhaupt gedacht wurde?

Wir tigern durch Halle 3.0. Halle 3.1. Die Schritte werden langsamer. Halle 4.1. Warum geht man eigentlich auf eine Buchmesse? Bücher, Bücher, Bücher. Von denen Du nicht weißt, was sie taugen, weil Du sie ja erst selber gelesen haben musst. Bücher: Das ist wie Streichhölzer. Erst wenn Du es angezündest hast, weißt Du, ob es brennt.

Autogrammstunde mit Peter Maffay. Huch, der ist ja kleiner als ich, denke ich mir. Klein. Fünftagebart. Unscheinbar. Einfach total normal natürlich. Das ist eine tolle Erfahrung: Jemand, der so viel bewegt hat, der so voll von vielen Musen geküsst ist, und dann sieht der einfach so, ja, ich sag mal, so nahbar aus. Umkehrschluss: Du musst nicht „groß“ aussehen, um Großes zu bewirken.

Halle 4.2. Die Füße werden langsamer. Wir beschließen, heim zu fahren. Den 18 Uhr 6 kriegen wir nicht mehr. Aber den 18 Uhr 20 Intercity. Und mit dem überholen wir den 18 Uhr 6 und kommen dann recht schnell heim.

Um 18 Uhr 8 sind wir am Bahnhof, viele Menschen sind hier, teilweise buchmessebedingt, teilweise aber auch eintrachtbedingt. Da muss wohl gerade ein Spiel zu Ende gegangen sein. Der 18 Uhr 6 ist pünktlich raus, der 18 Uhr 20 fährt samstags nicht (toll, der Ulf kennt ja richtig super den Fahrplan), und so haben wir eine Stunde Zeit, um vielleicht noch was zu uns zu nehmen.

Die Nordsee und benachbarte Bahnhofslokalitäten sind überfüllt, fußballspielendebedingt, und so laufen wir zum Australier, bestellen kein Känguru, reden über die Beuteltierfauna des fünften Kontinents, reflektieren, was uns am besten auf der Messe gefallen hat. Und fahren im 19 Uhr 6 zurück.

Ich, der ich viel zu wenig lese, nutze die Rückfahrt, um in der aktuellen Literaturbeilage der ZEIT ein Interview mit Toni Morrison (never heard before, muss ich zu meiner Schande gestehen) zu lesen. Kluge Frau. Weise Frau.

In diesem Artikel drückt sie ein Wahrnehmungsgefühl aus, das auch ich habe, vermutlich viele von uns: Während wir leben, während wir beobachten und während wir einfach nur sind, da arbeiten wir schon an unserer nächsten Story, überlegen, ob die gelebte Wirklichkeit nicht auch zugleich Stoff ist für das, was wir schreiben wollen und werden.

Ich weiß nicht, warum man auf eine Messe geht. Im besonderen eine Buchmesse. DIE Buchmesse. Aber nicht dort gewesen sein wollen hätte ich auch nicht.

© Ulf Runge, 2009

Messen und berühren

17. Oktober 2009 Ulf Runge 8 Kommentare
Leben 505 – Samstag, 17.10.09

Als Evangele im katholischen Köln sozusagen in der Diaspora aufgewachsen, habe ich zuerst einmal gelernt, dass „Messe“ ein Synonym für Gottesdienst ist. Für Gottesdienste, die einen sehr viel in Bewegung hielten zwischen Stehen und Knien, seltenst auch Sitzen. Und bei denen man stark sein musste, wenn ein Totalangriff auf das Atmungssystem in Form von Weihrauchattacken statt fand.

Ich hab’s überlebt und finde es gut, dass ich zusätzlich zur evangelischen Nüchternheit und starken Bibelwortorientierung auch das Rituelle und Prunkvolle der Konkurrenz kennenlernen durfte.

Aber Messe, das ist mehr. Habe ich so mit ca. 12 Jahren erfahren. Da gab es in Deutz ein ganzes Gelände, nicht zum Beten, sondern wo sich ganz viele Menschen trafen, um sich gegenseitig was zu zeigen, kennen zu lernen, Geschäfte abzuschließen. Noch nicht wirklich meine Welt als zwölfjähriger Steppke.

Später dann habe ich es in die große „Fressmesse“ Anuga leider nie geschafft; vermutlich hätte ich wegen meiner seinerzeitigen Gertenschlankheit nie den Status „Fachbesucher“ erreicht. Aber Fahrräder und Motorräder, das interessierte mich schon, und Fotographieren, das fand ich auch ganz riesig. Und so ging ich, sooft ich konnte, auf die IFMA und auf die photokina. Letztere fand ich immer ganz besonders gigantisch. Unvergessen ist für mich das damalige Begleitprogramm, bei dem ich leibhaftig Mr Acker Bilk mit seinem phantastischen Klarinettenspiel kennenlernen durfte.

Im Beruf habe ich mich dann hauptsächlich auf der Hannover Messe rumgetrieben, bevor für die Datenverarbeitung, als sie noch EDV hieß und sich erst langsam zur IT entwickelte, eine eigene Messe, die CeBIT, ausgegliedert wurde. Und ich ging möglichst alle zwei Jahre nach München zur Systems, bei der ich die ausgezeichneten Fachvorträge geliebt habe. 1991 durfte ich für meine damalige Firma sogar Standdienst machen, und statt Interessent mal Aussteller sein.

Spannend fand ich die zwei Besuche auf der Didacta in Stuttgart und Hannover, weil ich gerade beim Lernen und beim Lehren ganz wichtig finde, immer wieder neue Wege und Methoden zu finden.

Messe macht müde. Nach einem Messebesuch brauchst Du ein paar neue Schuhe, oder musst Deine Treter neu besohlen lassen. Wahrscheinlich hast Du Blasen an den Füßen. Du hast Sodbrennen von der Messewurst mit dem Messesenf. Du hast ausgekugelte Arme, weil Du irgendwann doch nicht widerstehen konntest, selbst im papierlosen Zeitalter zu Materie gewordene Information in Plastik- und Jute-Taschen zu sammeln. Du wirst diesen Stapel Papier wahrscheinlich die kommenden drei Monate nicht mehr angucken und spätestens in einem Jahr leicht eingestaubt in die grüne Tonne werfen…

Heute ist Messe angesagt. Meine erste Buchmesse. Meine erste Buchmesse als Privatbesucher. Und da stelle ich mir ganz unbescheiden die Frage: Werde ich jemals auf die Buchmesse gehen als Fachbesucher? *lach* Ich plädiere dafür, dass Blogger als Fachbesucher zur Buchmesse dürfen *nochmallach* Aber im Ernst. Ich spekuliere immer noch ein bisschen aufs Schreiben. Auf ein bisschen mehr als „nur“ das Bloggen. Mal sehen was draus wird.

Das liegt sicherlich zu einem großen Teil in meiner Hand. Welche Vision zu sehen und zu gehen ich bereit bin. Welchen Fleiß ich für das Thema aufzubringen gedenke.

Ohne meine lieben Leserinnen und Leser wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Dafür sage ich ein ganz dickes Danke!

Gestern nun habe gestern bei Gaba gelesen, dass sie kürzlich einen Ultramind-Mind-Workshop bei Nora durchgeführt hat.

Und bei Nora habe ich die nachfolgenden Zeilen entdeckt, die mich tief beeindruckt haben:

Berührung ist immer gegenseitig.
Wir können sehen, ohne gesehen zu werden.
Wir können riechen, hören, fühlen -
so mit allen Sinnen.
Aber niemand kann berühren,
ohne berührt zu werden.
Daher kommt die Ehrfurcht,
die echter, wacher Berührung eigen ist.”
(David Steindl-Rast)

Und so wie Nora mit ihren (physischen) Berührungen Menschen positiv beeinflusst, so habe ich in den vergangenen zweieinhalb Jahren eine Idee davon bekommen, was es bedeutet, wenn ich Menschen mit meinen Zeilen berühren darf. Im Gegensatz zum Sehen, Riechen und Hören ist genau dieses schreibende Berühren etwas Gegenseitiges, das ich durch Clicks und (viel lieber noch) durch Kommentare zurückspüren darf. Nochmals danke sag!

Ich freue mich auf meine erste Buchmesse.

© Ulf Runge, 2009

Dreieins

14. Oktober 2009 Ulf Runge 14 Kommentare
Leben 504 – Mittwoch, 14.10.09

Als der Gedanke
bemerkte,
dass nicht er es war,
der da dachte,
sondern dass er gedacht wurde,
da beschloss er,
Wort werden zu wollen.

Und als der Gedanke
bemerkte,
dass er es war,
der da gesprochen wurde,
und als das Wort
bemerkte,
dass nicht es es war,
das da sprach,
sondern dass es gesprochen wurde,
da beschloss es,
Tat werden zu wollen.

Und als der Gedanke
bemerkte,
dass er es war,
der da Gestalt annahm,
und als das Wort
bemerkte,
dass es es war,
das nun Tat-Sache wurde,
da fühlte der Denker des Gedankens,
der Äußerer des Wortes,
der Macher der Tat,
da fühlte er sich dreieins glücklich.

© Ulf Runge, 2009

Inspiriert durch Andrea und den hierzu angemerkten Kommentar von Chris

Under cover

14. Oktober 2009 Ulf Runge 2 Kommentare
Leben 503 – Mittwoch, 14.10.09

Sie sei aber aufmerksam, meinte mein Gegenüber zu seiner Banknachbarin, als diese ihn gefragt hatte, ob er denn an der nächsten Station aussteigen wolle.

Er häbe gerade seine Zeitung zusammengefaltet und in die Tasche gesteckt. Da sei es ihr ja ein leichtes, seinen Ausstiegswunsch zu vermuten.

Wirklich aufmerksam sei sie, wiederholte er, um dann fortzufahren: „Sie sind bestimmt beim Verfassungsschutz, oder?“

Amüsiert ob dieser Frage lächelte mir meine Kollegin zu, offenkundig genug für ihren Nachbarn, meinem Gegenüber. Und so blieb mir keine andere Wahl als die Flucht nach vorne: „Im Vertrauen, wir sind beide beim Verfassungsschutz! Aber wir dürfen es nicht sagen!“

© Ulf Runge, 2009

Das Geschäftsessen

12. Oktober 2009 Ulf Runge Kommentieren
Leben 502 – Montag, 12.10.09

Man kannte sich nur vom Telefon. Hatte einige wenige Geschäfte zur gemeinsamen Zufriedenheit abgewickelt. Und nun wollte man sich endlich mal kennenlernen. Brunos Kollege hatte ihn auf die E-Mail des Lieferanten aufmerksam gemacht, der sich für heute Mittag angesagt hatte.

Bruno wollte seinen Kollegen noch angesprochen haben, wohin sie denn mit dem Lieferanten essen gehen würden. Italienisch? Oder zum Thai um die Ecke? Egal. Hauptsache was zum Beißen.

Brunos Magen knurrte schon heftig, es war fünf vor eins, und draußen kündigten dunkle Wolken einen heftigen Regenguss an. Also mal lieber den Schirm mitnehmen, dachte sich Bruno und ging zum vereinbarten Treffpunkt am Gebäudeeingang.

Die beiden Herren von der Lieferfirma warteten dort bereits und Bruno tauschte mit ihnen, solange man noch auf seinen Kollegen wartete, erste Höflichkeiten und die Visitenkarten aus.

Als Harry leicht verspätet auftauchte, begrüßte Bruno ihn mit den Worten: „Wir haben uns noch gar nicht abgestimmt, wohin wir gehen!“ Und zu den beiden Herren gewandt: „Oder haben Sie etwa einen Vorschlag?“

„Och, wir sind da ganz anspruchslos! Wir brauchen nur einen Tisch zum Drumrumsitzen. Wir haben für Sie zwei Ausdrucke von unserer Präsentation!“

Während Bruno immer noch gedanklich dabei war, die verschiedenen Restaurants zu sortieren, kapierte Harry ziemlich schnell und schlug vor: „Wir können ja in mein Büro gehen!“

© Ulf Runge, 2009