Robert

Leben 463 – Freitag, 10.07.09

Bei Kilometer 11 war ich mir sicher, dass es auch sein erster Marathon war.

Meiner war es definitiv. Ich hatte keine Ahnung, ob ich ankommen würde. Nach 6 Stunden würden sie die Strecke schließen, dann, wenn der „Besenwagen“ die Strecke abgefahren hätte. Ankommen, gesund ankommen, und zwar möglichst unter 6 Stunden, das war mein Ziel.

Bei Kilometer 4 sah ich ihn das erste Mal. Wir sprachen nicht miteinander, schauten einander auch nicht an, wir liefen nur nebeneinander, das gleiche Tempo, aber mit unruhigem Schritt. Bis wir dann schon bald im gleichen Rhythmus unterwegs waren. Unglaublich, aber statt schwindender Kräfte verspürte ich auf einmal, wie ich eine unerwartete Energie aufsog. Ihm musste es wohl ähnlich gehen, denn plötzlich schaute er mich von der Seite an. Wie lächelten einander zu. Ahnten, dass uns der Gleichklang der Füße eine unvermutete Kraftquelle eröffnete.

Nach meinen – total theoretischen Vorherberechnungen – war ich viel zu schnell unterwegs. Dieses Tempo würde ich niemals durchhalten. Doch die vielen Läufer um einen rum, das schob einen förmlich in einen Temporausch. Die Begeisterung der Zuschauer, die Trommeln und das Klatschen der Hände, all das putschte uns richtiggehend auf.

Immer wieder riefen uns die Menschen an der Seite zu, dass wir das schaffen würden, dass es jetzt nur noch 36 Kilometer seien, das wir „super“ oder „spitze“ sein. „Mami, Du bist die Größte“ Plakate säumten die Strecke, aber auch „Lauf, Du fauler Sack“ Comics.

Die „11“ war in Sicht, ein Viertel der Strecke fast gelaufen, als das Unglaubliche geschah. „Robert, ich will ein Kind von Dir!“ rief uns eine ausgelassene junge Dame zu. Da ich nicht Robert heiße, konnte sie nur meinen Zufallslaufpartner gemeint haben. Der sich sichtlich belustigt mit kräftigem Zurückwinken bei der Ruferin bedankte.

„Sag mal!“ raunte er mir dann zu. „Woher weiß die, wie ich heiße?“ Während ich nach innen vor Lachen fast geplatzt werde, verzog ich keine Miene. Und raunte nur zurück zu ihm: „Weißt Du das nicht mehr? Unter der Startnummer, da steht Dein Vorname!“

© Ulf Runge, 2009

  1. 10. Juli 2009 um 08:46 | #1

    Lieber Ulf, schöne Geschichte und noch immer bin ich voller Bewunderung, dass Du Marathon läufst…
    Ich mache jetzt 3-4 mal abends eine schöne Runde um den See und spüre, wie gut mir das tut.

    Manchmal laufe ich mich auch so richtig in meinen Rythmus, dann geht alles ganz fliessend und manchmal – naja, da hakt es dann doch noch ein wenig. Aber das ist völlig ok, die schöne Landschaft, das gute Gefühl die eigenen Muskeln zu spüren und meine Musik auf dem Ipod, das motiviert mich immer, weiterzulaufen.
    Laufende Grüsse Andrea

  2. Ulf Runge
    12. Juli 2009 um 01:08 | #2

    Liebe Andrea,

    danke, für Deinen lieben Kommentar.
    Es mag sich blöd anhören: Ein Marathon ist sehr wohl eine körperliche Anstrengung. Eine zumutbare, wenn man vorher regelmäßig und intensiv geübt hat.
    Aber die wirkliche Herausforderung liegt im Kopf. Du fragst Dich, spätestens bei ungefähr km35, wenn Dein Stoffwechsel umstellt von Kohlenhydrateverbrennung, nämlich wenn die alle alle sind, also umstellt auf Fettverbrennung, wenn es Dir dann gelinde gesagt nicht wo wirklich gut geht, Du fragst Dich in diesen Augenblicken, die nicht mehr aufhören wollen, warum Du den ganzen Sch… hier machst, warum Du nicht stehen bleibst, immerhin bist Du doch schon eine Riesenstrecke gelaufen, das könnte doch reichen…

    Und wenn Du diesen Kampf gegen Dich selber gewonnen hast, wenn Du vorsichtig genug gelaufen bist und Dein Kreislauf okay ist und Dich keine Krämpfe ärgern,
    dann ist das wie hoch über den Wolken schweben…

    Marathon läuft man nicht so oft.
    Viel wichtiger ist, wenn man einfach nur so joggt, dass es dann so ist, wie Du beschreibst: Die Schönheit der Landschaft genießen (da bist Du im Vorteil!!!), das gute Gefühl der ermattenden und zugleich kraftschöpfenden körperlichen Belastung verspüren. Und man mag, so wie Du, dazu wunderschöne Musik aufzusaugen. Letzteres verbietet sich bei mir, da ich meinen Hund bei mir habe, so dass immer wieder Rücksicht auf Fußgänger, Inliner, Radfahrer zu nehmen ist, vor allem wenn die schnell von hinten herankommen.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  3. 12. Juli 2009 um 11:57 | #3

    Schöne Geschichte *grins*…..und seid ihr gemeinsam angekommen im Ziel?

  4. 13. Juli 2009 um 08:18 | #4

    Lieber Ulf, das hört sich GAR NICHT blöd an, selbst mein „Hobbyjoggen“ findet auch im Kopf statt- den inneren Schweinehund überwinden, loszulaufen, durchzulaufen, gegen den Wind zu laufen, sich zu steigern…. Es wäre ja so leicht, einfach zu gehen zwischendurch, wenn ich ausser Atem gerate usw.

    Danke Dir für den Einblick in Deine Gedanken!
    Und ja, so wie Du das joggen beschreibst, so erlebe ich es und die Musik, die ist so leise eingestellt, dass ich Fussgänger und Radfahrer noch immer hören kann, sonst würde ich mich selber unsicher fühlen.

    Weiterhin viel Spass beim Laufen, liebe Grüsse Andrea

  5. Ulf Runge
    15. Juli 2009 um 01:11 | #5

    nein, irgendwann haben sich unsere wege getrennt
    aber ich felsenfest überzeugt,
    dass ihn riesenkräfte ins ziel getragen haben…

  6. Ulf Runge
    15. Juli 2009 um 01:32 | #6

    Liebe Andrea,

    wie immer, das hast Du schön erklärt mit dem „Im-Kopf-statt-finden“.

    Lautstärke: Du meinst, so einen Jogman kann man einfach gut gebrauchen?

    Liebe Grüße,
    Ulf

  7. 17. Juli 2009 um 22:59 | #7

    Lieber Ulf, also MICH beschwingt die Musik und sie lässt mich einfacher durchhalten… Liebe Grüsse Andrea

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