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Bis später!
| Leben 453 – Samstag, 27.06.09
Die Metzgerei war dann doch nicht so voll wie erwartet, als Kurt sich in die Warteschlange einreihte. Etwas Grillgut für das Klassenfest heute Abend wollte er noch kaufen, überflog noch einmal die Einkaufsliste und spürte auf einmal eine Frau so halb neben, halb hinter sich. Spürte ihren Blick auf ihm ruhen, erkannte sie aus den Augenwinkeln und fing an zu grübeln. Bei gut 30 Elternpaaren konnte man nicht alle kennen, vielleicht die Gesichter, ja, aber die Namen? Kurt fixierte seine Einkaufsliste dermaßen, dass fast die Buchstaben rausfielen, nur um sich nicht nach rechts drehen zu müssen und zu seiner Schande der Dame einzugestehen, dass er ihren Namen nicht kenne. Er beschloss, sie erst nach dem Zahlen angucken zu wollen, ein überraschtes „Hallo!“ auszurufen und wegen des gemeinsamen Grillfestes heute Abend mit einem „Bis später!“ den Laden zu verlassen. Die Dame war nicht alleine hier, das war wohl ihr Mann, dessen Gesicht war Kurt nun absolut nicht vertraut. Er hasste solche Situationen. In denen der Tritt ins Fettnäpfchen der Peinlichkeiten sozusagen vorprogrammiert war. Kurt fasste allen seinen Mut zusammen, ließ seinen Blick wie zufällig nach rechts schweifen, sie drehte wie zufällig ihren Kopf in seine Richtung und beide grüßten miteinander mit einem freundlichen „Hallo!“ Worauf sie sich – wohl wegen der Abstimmung des klassenfestabendlichen Grillgutes – zu ihrem Begleiter herumdrehte und Kurt mit sich alleine ließ. Das war’s dann wohl, dachte er. Kurt gab sich einen Ruck, jetzt wollte er es wissen, er räusperte sich, die Dame bemerkte es, und Kurt staunte, dass ihm folgender Satz aus dem Mund entglitt: „Können Sie mir bitte helfen? Es tut mir leid, ich weiß Ihren Namen nicht mehr.“ „Mertens! Ich heiße Mertens.“ Sie spürte, dass die 100%ig korrekte Beantwortung von Kurts Frage selbigem nicht wirklich weiterhalf. „Wir kennen uns vom Marktstand. Wir treffen uns dort fast jede Woche.“ „Oha! Danke. Ich hätte sie jetzt zu den Eltern unserer Schulklasse gerechnet. Und wollte Ihnen schon ein ‚Bis später‘ zurufen. Was bei Ihrem Gatten womöglich Kläungsbedarf erzeugt hätte.“ Sie lacht. Und auch ihr Begleiter kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Und wissen Sie was?“ fährt Kurt fort. „Sie gehen jetzt auch bestimmt auch noch auf den Markt!“ „Ja, da wollen wir gleich auch noch hin“, bestätigt Frau Mertens. „Dann sage ich einfach nur: Bis später!“ © Ulf Runge, 2009 |
Alleine am Fenster
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Leben 452 – Samstag, 27.06.09 Anita Orkenz stand am Fenster ihres kleinen Büros, das für eine Führungskraft vielleicht ein bisschen zu klein war, aber es hatte sich aufgrund einer Umzugspanne ergeben, dass damals kein anderer Raum mehr frei war. Ihr Blick fiel in den Innenhof des mehrstöckigen Bürogebäudes, dessen kalte, nichtssagende Fassade nicht unbedingt kreativitätssteigernd war. Ricarda also würde bald das Team verlassen, zwei Monate würde sie noch da sein. Während Anita darüber sinnierte, wem sie denn Ricardas Aufgaben übertragen könne, rief jemand von der Hausverwaltung an. Für kommenden Montag seien einige Umzüge geplant, und man habe entdeckt, dass jemand auf den Platz von Ricarda ziehen werde. Und dass die ja doch noch da sei. Die würde doch weggehen, oder? Man hätte gedacht, sie sei längst weg. Sorry, dieser Fehler sei erst heute entdeckt worden, aber der Umzug sei beauftragt, Ricarda müsse ihren Platz bis Montag räumen, egal wohin. Ein Herr Arath werde am Montag dort einziehen. Anita war fassungslos. Man könne doch nicht ein Problem lösen, indem man ein anderes schaffe. Dass das bitte ganz klar sei, gab sie der Hausverwaltung zu verstehen, Ricarda werde dort sitzen bleiben, wo sie ist, und für diesen Herrn müssten eben die eine Lösung finden, die es verbockt hätten. Anita kam gerade von ihrer Palme herunter, als Freddy anrief. Es würde ihm leid tun mit der Doppeltbelegung, da sei wohl ein Missverständnis passiert. Aber die Hausverwaltung habe jetzt noch einen freien Platz in ihrem Büro entdeckt. Ob sie damit einverstanden sei, dass der Kollege jetzt in ihr Büro mit einzieht? Wenn Anita gewusst hätte, was ein HB-Männchen ist, sie wäre in die Luft gegangen. So hörte sie nur konstaniert, was für ein Unsinn da aus dem Hörer kam. „Freddy, Du kennst mein Büro. Sechs Quadratmeter. Soll ich den Herrn Arath auf meinen Schoß nehmen? Komm doch mal zu mir, dann schauen wir uns das ganze gemeinsam an!“ Anita würde diesem Kollegen sogar für die kommenden zwei Monate Asyl gegeben haben in ihrem Büro. Sie war kurz davor, sich breit schlagen zu lassen und auch diese Kröte zu schlucken. Aber dann schlug bei ihr der Blitz ein. Alle Ihre Kollegen Führungskräfte hatten Büros so groß wie Tanzsäle, und saßen ganz alleine darin, und sie sollte in Ihrem kellerraumgroßen Ambiente jetzt noch jemanden zusätzlich aufnehmen. Der Freddy, der sollte nur mal kommen, dem würde sie schon die Meinung stoßen. Anita war nicht mehr zu halten. Wer an ihrer Tür vorbeiging, dem berichtete sie von dieem Skandal, ob sie oder er das wissen wollte oder nicht. „Schaut! Hier soll noch jemand rein! Ich fass‘ es nicht!“ Endlich bog Freddy um die Ecke. „Da schau Dir meine Gefängniszelle an! Für Einzelhaft gut genug! Der muss schon verdammt gut aussehen, Dein Mitarbeiter, dass der in mein Zimmer mit rein darf!“ quälte sich Anita den Humor aus ihrem frustrierten Gesicht heraus. Freddy blieb die ganze Zeit total ruhig, als er zu sprechen begann, leise, ruhig, fast emotionslos: „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht, Anita! In Deinem Büro ist doch noch ein Platz frei. Nicht dort wo Ricarda sitzt, sondern neben Werner.“ Werner? Von was sprach Freddy da? „Du meinst nicht MEIN BÜRO?! Du meinst das Großraumbüro, in dem Ricarda und Werner sitzen? “MEIN” Großraumbüro? Das Großraumbüro meiner Mitarbeiter?“ Nachdem sie lauthals herausgelacht hatten, besiegelten Anita und Freddy den Deal. Und so steht Anita auch morgen wieder am Fenster, alleine in ihrem Büro, und wird sich fragen, wer Ricardas Aufgaben übernimmt… © Ulf Runge, 2009 |


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