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Der AU
| Leben 449 – Montag, 22.06.09
So rückblickend betrachtet glaube ich, er war ein Alleinunterhalter im engeren Sinn. Will sagen, dass er wohl der einzig(st)e war, der sich unterhalten gefühlt haben mag bei seiner Show. Aber es gibt etwas zu berichten von ihm, bei dem ich mir unsicher bin, ob es ein Ausdruck tiefen Humors ist. Oder einfach nur Verzweiflung. Der Reihe nach. Ich stehe am Rande eines großen, rechteckigen Marktplatzes. Ich stehe auf dem Marktplatz von Covent Garden. Mitten in London. Es ist Mittagszeit, und die Menschen strömen, um das Ambiente zu genießen. Strömen in die Hallen, in denen Kitsch und Kunst warten, in denen Fast Food und Delikatessen angeboten werden. Tische und Stühle, die zum Verweilen einladen. Zum andere Menschen Gucken. Zum Hören. Schmecken. Riechen. Zum Covent Garden Fühlen. Kleinkunst, Gaukler, Pantomimen, sie alle warten hier auf Dich. Geben ihr Bestes. Wollen Dich überzeugen, ihnen Dein Bestes zu geben. Dein Geld. Und so befinde ich mich hier am Rande eines merkwürdigen Spektakels. Zu meiner Linken in gut 15 Metern Entfernung ein Tisch, auf dem dieser Alleinunterhalter, ab sofort will ich ihn AU nennen, irgendwelche Würfeltricks fabriziert, die kein Mensch aus der Ferne nachvollziehen kann. Deshalb hat er sich zwei Opfer aus dem Publikum geholt, die seine genialen Kunststückchen laufend bezeugen müssen. Links also das Ensemble aus Tisch, Alleinunterhalter und zwei „freiwilligen“ Zeugen, rechts davon ein großer, leerer Platz, an dessen Rändern sich U-förmig das Publikum verweilt, teilweise auf den Steinstufen sitzend. Wer will, könnte also aufgrund der Menschenansammlung erkennen, dass hier was im Gange ist. Ich gebe zu, die Aufmerksamkeit der Publikums war der Güte der Performance angemessen, d.h. der AU durfte sich glücklich schätzen, dass er ein Mikro dabei hatte, um die Unruhe immer wieder niederzumachen. Auf einmal passiert das Ungeheuerliche. Ein Passant, also einer, der irgendwie von A nach B will, kreuzt das Geschehen, keine Notiz nehmend vom Publikum geschweige denn von der prickelnden Vorstellung, die hier vor sich her dümpelt. „Hey!“ brüllt es über den Platz. „Hey!“ brüllt er über den Platz. Der AU nähert sich ungestüm dem Passanten, der verwundert stehen bleibt. Ob er eigentlich gemerkt habe, dass er hier die Vorstellung kaputt mache. Seine Vorstellung! Regt sich der AU maßlos auf. Der Passant, dem es womöglich ein bisschen leid tun könnte, die Situation nicht richtig eingeschätzt zu haben, setzt seinen Weg unbeirrt fort, dem AU die (kalte?) Schulter zeigend. „Be sure! This night I will come home to you! And I will come to disturb your performance when you are in bed with your wife!“ “Darauf kannst Du Gift nehmen! Heute Abend komme ich zu Dir nach Hause und werde Deine Vorstellung stören, wenn Du mit Deiner Frau im Bett zusammen bist!“ Nach heftigstem Crescendo versagt dem AU bei den letzten Worten fast die Stimme. Will mal sagen, wenn die beiden, der AU und der Passant das nicht vorher abgesprochen haben, für mich war es der beste Teil der Darbietung! © Ulf Runge, 2009 |


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