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Begebenheiten “Eins”, “Zwei” und “Drei” – oder: Die reisende Reisetasche

19. Juni 2009 12 Kommentare
Leben 447 – Freitag, 19.06.09

Schweißverklebten Hemdes betrete ich nach schnellem Schritt durch die Abenschwüle den überfüllten Pendlerzug. Nach einem freien Platz Ausschau haltend. Wider Erwarten werde ich fündig. Eine Dame sitzt allein auf der Bank, neben ihr einem Liegestuhlreservierungshandtuch gleich ein Sitzblockadegepäck.

Ob der Platz da noch frei sei, frage ich höflich. In Kenntnis der einzig möglichen Antwort, versuche ich nicht zu lächeln, weil das jetzt wie ein Grinsen aussähe, sondern schaue mit sachlich-ernstem Blick auf die störende Reisetasche, unter der sich das Objekt meiner Begierde, ein freier Sitzplatz, verbirgt. Als ich, keine Antwort abwartend, auch noch anbiete, die Tasche gerne, und zwar sehr gerne, nach oben stellen helfen zu wollen, nämlich in die Gepäckablage, da bricht jede noch nicht artikulierte Gegenargumentation der Dame wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Ich ernte einen allerbösesten Blick sowie einen verärgerten Redeschwall, dem ich die Ablehnung meines Reisetaschenhochheb-Angebotes entnehme. Und glaube die Wortbrocken „muss gleich raus“ herauszuhören. Wobei ich nun wiederum weiß, dass dieses „gleich“ nicht unter 10 Minuten zu haben ist, weil wir früher nicht in der nächsten Station einfahren werden.

Wenig später sitzen wir zu dritt auf dieser Bank. Ich am Fenster. Neben mir die Reisetasche. Und unter selbiger jene Dame, die meine Laptopschreiberei keines Blickes würdigt. (Ja, genau, dieser Artikel gehört irgendwie zum Genre „live“-gebloggt.)

Damit ist diese Begebenheit „Eins“ (fast) zu Ende. Sie wird uns noch ein bisschen als Nebenhandlung erhalten bleiben.

Ich mustere die Mitreisenden und spüre auf meinem Gesicht auf einmal einen sehr freundlichen, sympathischer Blick von auf der anderen Seite des Ganges. Nein, nicht von einer Dame. Ein Herr, dessen Antlitz ich zunächst in das Reich der vergessenen Namen gehörig glaube, reichert seine strahlende Miene mit einem wohlwollenden Nicken an. Ich nicke zurück. Warum auch nicht. Kann ja definitiv nicht schaden.

Ob er mir meine neue Kollegin vorstellen könne, fragt er mich nun. Und sieht dabei in ein überraschtes, ratloses Gesicht. Das meinige. Neue Kollegin? Und wer ist dieser Mensch überhaupt, dass er das wissen will?

Der Joke klärt sich rasch auf, als ich tatsächlich den amüsierten Blick einer meiner Kolleginnen, hier unvermutet und unverhofft, auffange. Auch diese Begebenheit, ich nenne sie mal „Zwei“, will jetzt langsam ausklingen.

Bevor ich jetzt weiterschreibe, aus aktuellem Anlass, weil dieser Artikel ja „live“ geschrieben ist, ein wichtiger Hinweis: „Gleich“ scheint eine Zeitkonstante zu sein, die wohl nicht unter 20 Minuten eintauschbar ist. Denn wir haben soeben den ersten Unterwegsbahnhof verlassen, und die Reisetasche mit der Dame unter ihr sitzt immer noch neben mir.

Zurück zu „Zwei“. Ich grüße meine Kollegin, wir grinsen ob des kuriosen Wiedersehens. Ich werde übermütig und rufe ihr zu, dass ich mich bei ihr dafür bedanke, dass sie mir den Platz „hier“ „frei“ gehalten hat. Rund um das neben mir sitzende Stimmungstief wird auf den Gesichtern Hochdruckeinfluss erkennbar.

Zu guter letzt „Drei“. Wieder trifft mich ein Lächeln. Diesmal vom älteren Herrn, der mir direkt gegenüber sitzt. Amüsiert hat das bisherige Geschehen beobachtet. Um es nun ebenfalls mit einem fröhlichen Gesicht zu quittieren. Dann setzt er seine Einskommafünfllitersaftflasche an den Mund, trinkt den Rest aus, und steckt das Plastikungetüm in seine Einkaufstasche auf seinem Schoß. Und murmelt etwas von „zu wenig Platz“.

Nun ist es hilfreich zu wissen, dass dieser belustigte ältere Herr sich auf einer Sitzbank befindet, die unmittelbar an die Abteiltür grenzt. Und dass diese Bank deshalb etwas weniger breit ist als die normalen. Reicht genau genommen für ungefähr 1,75 Fahrgäste nebeneinander. Oder eben für diesen Herrn und eine schmal gebaute junge Dame neben ihm.

„Zu wenig Platz“ meint auch sie gehört zu haben und drückt entschuldigend ihr tiefes Bedauern aus, dass der Herr neben ihr und sie sich diese Bank teilen müssen. Nein, nein, nicht die Bank sei zu klein, im Gegenteil, er habe absolut nichts dagegen einzuwenden, dass sie seine Nebensitzerin sei, nur in seiner Tasche, da sei es eng, da sei noch ein volle Flasche drin und was man so braucht, wenn man tagsüber im Zoo gewesen sei. Und so entspinnt sich nach Aufklärung dieses Missverständnis eines warmherzige Unterhaltung zwischen den beiden.

Ende „Drei“.

Noch eine Anmerkung zu „Zwei“: Der Umrechnungskurz für „gleich“ ändert sich jetzt nicht noch mal, die Reisetasche steigt nach 20 Minuten aus, getragen von einer Dame, von der ich mir wünsche, dass sie das nächste Mal das Angebot annimmt, ihre hoffentlich nicht nitroglyzeringefüllte Reisetasche nach oben stellen zu lassen.

© Ulf Runge, 2009

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