Kampf dem schnellen Urteil

Leben 443 – Montag, 08.06.09

Sei gütig, denn alle Menschen,
denen Du begegnest, kämpfen
einen schweren Kampf

Platon

Ich war sehr verwundert, bin fast böse geworden, über die beiden Alten. Der Zug war proppenvoll, und das betagte Paar schob sich langsam durch den Gang, vorbei an den belegten Sitzreihen. Da stehe ich auf, dachte ich mir, krame schon meine Sachen zusammen, aber die beiden waren schneller als ich, liefen weiter Richtung Zugspitze. Ich sah sie nicht mehr, sie waren wohl die Treppe des Doppelstöckers hinuntergestiegen.

Zwei Stationen später. Randale! Der Zugbegleiter wird angemacht. Von dem männlichen Teils des Seniorenpärchens. Die Bahn solle sich was schämen. Nicht mal nen Sitzplatz für 80jährige!

Betroffenheit im Waggon? Denkste! Statt dessen um sich greifende Empörung! Mehrere Personen in direkter Nachbarschaft der peinlichen Szene werfen aufgebracht ein, sie hätten einen Sitzplatz angeboten, doch der sei dankend abgelehnt worden.

Was soll das also, fragen sich die Zeugen dieses Vorfalls?

Und dann dieser Spruch von Platon. Statt die starrsinnigen alten Leute auf den Mond zu schießen, fordert uns der griechische Philosoph auf, inne zu halten und uns selber die Frage zu stellen, was diese Menschen dazu gebracht haben könnte, so unverschämt aufzutreten?

Fühlen sie sich zurückgesetzt? Nicht beachtet? Ist so ein Aufreger im Zug für sie der „Höhepunkt des Tages“, weil, da spricht wenigstens jemand mit ihnen? Ich werde es nicht erfahren.

Zweiter Versuch der Annäherung an diesen Sinnspruch: Du siehst einem Menschen nicht unbedingt sein Wesen und seine Gefühle an. Wie sieht ein Mörder aus? Ein Entführer? Ist jeder, der lächelt, glücklich? Dann möchte ich StewardEss sein.

Der schwere Kampf, den wir kämpfen: Unheilbare Krankheit, Arbeitslosigkeit, Lieblosigkeit, Geldmangel, Zukunftsangst, was auch immer. Jeder trägt was. In der Regel wissen wir nicht darum, womit sich unser Gegenüber herumquält. Ob genug sehen wir es auch nicht. Und manchmal wollen wir es auch gar nicht sehen, gar nicht wissen.

Platon will uns ermahnen, dass wir mit Geduld die Merkwürdigkeiten unserer Umgebung ertragen. Dass wir, statt ärgerlich zu reagieren, erst einmal freundlich sind, uns vielleicht zu der Frage durchringen, ob wir möglicherweise helfen können.

© Ulf Runge, 2009

Ich bedanke mich beim Bellaprint-Verlag , Hinterbrühl, Österreich, für die freundliche Genehmigung, den Sinnspruch des Original-Leitspruch-Wochenkalenders als Thema für Beiträge in meinem Blog verwenden zu dürfen. Der Original-Leitspruch-Kalender wird in Deutschland vertrieben von der Impuls-Kalender GmbH.

  1. Mo
    9. Juni 2009 um 05:02

    Hallo lieber Ulf.
    Ich würde auf alle Fälle die Merkwürdigkeiten einem Durcheinander vorziehen, falls sie einander überhaupt ausschließen. ;-)

    LG, Mo

  2. 9. Juni 2009 um 09:50

    Lieber Ulf,

    ich sehe das eigentlich so wie Platon. Doch so reagieren, also immer gütig sein, das kann ich auch nicht.

    Wenn jemand unfreundlich zu uns ist, dem wir nichts getan haben, dann regen wir uns verständlicherweise auf. Fühlen uns ungerecht behandelt. Ändern tut es aber nichts, im Gegenteil.

    Es hat einen Grund, warum jemand unfreundlich ist. Würde es demjenigen gerade gut gehen, wäre er gerade glücklich, hätte er gerade Sonne im Herzen, dann wäre es ihm gar nicht möglich unfreundlich zu sein. Davon bin ich überzeugt.
    Vielleicht hat derjenige sich gerade geärgert. Nun gibt er seinen Ärger an uns weiter. Und wir? Wir geben ihn an andere weiter. So kann der Ärger, die Unfreundlichkeit, genauso wie ein Lächeln um die Welt reisen…

    Glückliche Menschen, die voller Liebe sind, greifen andere nicht an, sind nicht gewalttätig, nicht unfreundlich oder ähnliches. Weil sie in einem Moment voller Glück und Liebe gar nicht so fühlen könnten.

    Wie viel mehr könnten wir erreichen, wenn wir mehr Verständnis, mehr Güte gerade für z.B. unfreundliche Menschen aufbringen könnten. Doch wir selbst sind auch nur Menschen, die oftmals gerade selbst einen schweren Kampf kämpfen und uns wünschten unser Gegenüber würde das sehen und gütig mit uns umgehen.

    Liebe Grüße,
    Martina

  3. 9. Juni 2009 um 10:36

    Lieber Ulf, danke für den Gedankenanstoss. Spontan wollte ich mich auch grad aufregen über die “ungerechtfertigte” Unfreundlichkeit des älteren Herren…Oftmals entsteht diese Kratzbürstigkeit aus Unsicherheit, bei älteren Menschen auch aus einer Art Hilflosigkeit oder weil etwas nicht mehr so gut geht, wie früher.

    Wer weiss, wie wir mal drauf sind, wenn wir in dem Alter sind…in der Hoffnung, dann auch auf so verständnisvolle Menschen wie Dich zu treffen, schicke ich Dir herzliche Grüsse Andrea

  4. 9. Juni 2009 um 19:18

    Es ist der Kampf gegen den Altersstarrsinn, welchen der ältere Herr ausführt. Von meiner Frau habe ich den Begriff und die Umsetzung der Alltagspsychologie eingetrichtert bekommen. Seitdem sehe ich manche Sachen anders, gelassener; auch hat man (oder versucht es zu haben) mehr Verständnis für seine Mitmenschen.

    Liebe, starrsinnige Grüße,
    Holger

  5. 10. Juni 2009 um 08:06

    Lieber Ulf,
    mit diesem Zitat und deinen Zeilen rüttelst du wach – wie gut, dass du das tust! Denn ich dachte genau wie du daran, einmal innezuhalten und genau hinzusehen, was diese Menschen dazu gebracht hat, so zu agieren… Da ist viel mehr dahinter, was wir jedoch nur erahnen können. Und doch sehen die meisten nur das, was an der Oberfläche zutage tritt und Ärgernis verursacht…
    Danke dir für diese wundervolle Geschichte! Auf dass sie sich viele LeserInnen zu Herzen nehmen…
    Sonnige Grüße zu dir, Elisabeth :-)

  6. 12. Juni 2009 um 01:22

    Liebe Ulf,

    mir hat Dein Beitrag gut gefallen.
    Ich glaube, dass man manchmal auch etwas aggressiv bzw. überreagiert, weil man sich einer Situation nicht so ganz gewachsen fühlt. Ich denke, so ging es den beiden im Zug.
    Wenn man das berücksichtigt, fällt es einem schon etwas leichter mit Gelassenheit und Verständnis auf solch eine Situation wie die im Zug mit den beiden älteren Menschen zu reagieren.

    Liebe Grüße,
    Astraryllis.

  7. Makochou
    13. Juni 2009 um 23:55

    Lieber Ulf ^^
    Schon seltsam, was dort im Zug passierte.
    Der Spruch jedoch ist interessant, weil er so vielfältig anwendbar ist. Also auf alle Situationen im Leben passt, schließlich möchte keiner in Isolation leben.
    Sich zu fragen, was den Gegenüber quält.. da muss der Gegenüber schon sehr interessant sein, oder einem selber ist langweilig. Denn man kommt fast nie zu der Wahrheit, aber zwar zu eigenen Phantasien.
    Immer freundlich zu sein, hilfsbereit zu sein. Ja, das verstehe ich auch unter ‘gütig’ sein.

    Vielen Dank für dein Aufgreifen des Zitates, ein schöner Beitrag!

    Makochou

  8. Ulf Runge
    15. Juni 2009 um 22:57

    Liebe Mo,

    “leider” fragt uns niemand, was uns lieber wäre…
    :-)

    Liebe Grüße,
    Ulf

  9. Ulf Runge
    15. Juni 2009 um 23:00

    Liebe Martina,

    Du hast vollkommen recht, wir sind ja auch “nur Kämpfer”. Wobei, wir können auch Anstecker sein, Freundlichkeitsanstecker.

    Ich wünsche mir die Nachricht auf allen Nachrichtensendern der Welt: Höchst ansteckendes Lächeln geht um die Welt. Bisher sind keine Möglichkeiten bekannt, sich davor zu schützen!

    Liebe Grüße,
    Ulf

  10. Ulf Runge
    15. Juni 2009 um 23:07

    Liebe Andrea,

    ich hoffe mal, dass wir uns ein bisschen leichter tun werden, mit unseren Schwächen umzugehen.
    Und es bleibt die Hoffnung, dass die vermeintlich ungeduldige Jugend nachsichtig mit uns (zukünftigen) Alten umgehen wird…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  11. Ulf Runge
    15. Juni 2009 um 23:09

    Lieber Holger,

    danke für die Erklärung.
    Kampf gegen den Altersstarrsinn?
    Gibt es auch einen positiven Begriff für all die vielen “Alten”, die pflegeleicht sind?

    Liebe Grüße,
    Ulf

  12. Ulf Runge
    15. Juni 2009 um 23:11

    Liebe Elisabeth,

    ja, es ist so leicht zu urteilen.
    Schnell zu urteilen.

    Inne halten. Warum? fragen.
    Verständnis entwickeln.

    Das bietet uns riesige Chancen.
    Andere zu verstehen. Uns selber zu verstehen.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  13. Ulf Runge
    15. Juni 2009 um 23:14

    Liebe Astraryllis,

    schön, dass Du den Aspekt des Sich-nicht-gewachsen-Fühlens einbringst.
    Ja, wir sind schon hilflos, wenn die anderen sich anders verhalten. Als unsere Erwartungen zulassen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  14. Ulf Runge
    15. Juni 2009 um 23:18

    Liebe Makochou,

    … oder einem selber ist langweilig.
    Das glaube ich Dir nicht so ganz.
    Ich vermute, dass Du Dich auch bei nicht so ganz interessanten Menschen fragst, warum sie sich so völlig unerwartet benehmen.

    Und dass Du gütig mit freundlich und hilfsbereit in direkten Zusammenhang stellst, ist für mich ein Indiz, dass ich da gar nicht so falsch liege…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  15. elisabeth
    16. Juni 2009 um 20:00

    Lieber Ulf,
    wenn uns das Leben leicht von der Hand geht
    umarmen wir gerne die Schwerfälligen
    wenn uns das Leben peinigt
    lassen wir’s gerne auch an anderen aus.
    So menschlich sind wir Menschen.
    liebe Grüße
    elisabeth

  16. 16. Juni 2009 um 21:11

    lieber ulf

    eine sehr wachrüttelnde geschichte, danke!!!
    wie oft passiert es mir, dass ich mich dabei erwische wie ich ungeduldig mir schon an den kopfgreife über das verhalten anderer.
    wir können in die anderen nicht hineinsehen, wir müßen auch nichts verstehen. nur akzeptieren und mal überprüfen, warum wir selber so ungehalten reagieren…

    liebe nachdenkliche grüße von babsi

  17. Ulf Runge
    17. Juni 2009 um 01:43

    Liebe elisabeth,

    große Worte, die Du da gelassen aussprichst.
    Genau so ist es.
    Auf dass wir immer bereit sein mögen zu umarmen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  18. Ulf Runge
    17. Juni 2009 um 01:59

    Liebe Babsi,

    das hast Du schön ausgedrückt: “nur akzeptieren und mal überprüfen, warum wir selber so ungehalten reagieren…”
    Das ist der Schlüssel: Sich selber Beobachten….

    Liebe Grüße,
    Ulf

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