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Männerleer
| Leben 441 – Samstag, 06.06.09 Es sieht so aus, als werde das hier der hundertundikste Beitrag zum Thema Männer, Frauen und Zahnpasta. Nicht so ganz! Ich bin inzwischen zu der Überzeugung gekommen, dass die Tatsache, dass Männer sich mit einer (vermeintlich) leeren Zahnpasta-Tube noch monatelang die Zähne putzen können, zwei Ursachen hat. Einmal unterschiedliche Auffassungen, wie oft man(n) sich die Zähne putzen sollte, worauf ich verständlicherweise nicht weiter eingehen will. Andererseits die Tatsache, dass Frauen und Männer in verschiedenen Wirklichkeiten leben. Ich benenne dieses Phänomen mit geschlechtspezifischen Eigenschaftswörtern. Etwa „männerleer“. Beziehungs(!)weise „frauenleer“. Nehmen wir mal so eine schlanke Glasflasche einer fernöstlichen Sambal-Sauce. Da kommt man mit dem Suppen- oder Teelöffel nicht rein. Und der Mokkalöffel wiederum ist zu kurz. So passiert es, dass ein weibliches Haushaltsmitglied zur Überzeugung gelangt, dass so ein Glas nahezu leer ist, nicht etwa, weil eine Sichtprüfung des Gegenstandes diese Vermutung nährt, sondern schlicht und einfach, weil nichts mehr herauskommt. Nein, liebe Männer, zu früh gefreut, ich bin natürlich umgeben von cleveren Frauen, die den fast leeren Behälter auf den Kopf stellen. Dem Inhalt eine letzte Chance geben. Und da genau liegt der Hase im Pfeffer. Bei einer Sambalsaucenfließgeschwindigkeit von ca. 2 Nanometern pro Stunde (das ist ziemlich langsam) und einer Glasflaschenkopfstandzeit von maximal 30 Sekunden, länger wird in der Regel nicht zugebilligt, sonst ist das Essen kalt, kommt nur ein vermeintlich allerletzter Alibitropfen heraus. Die Flasche ist leer. Frauenleer! Glücklicherweise wird diese frauenleere Flasche vom männlichen Geschlecht vor der mutwilligen Übereignung an den Altglasbehälter gerettet und darf in den kommenden Stunden als einziger Schandfleck in der mittlerweile blitzblank geputzten Küche, kopfüber, in einem Winkel von was-weiß-ich gegen die Fliesen gelehnt, durch Holzbrettchenkonstruktionen gegen das Verrutschen gesichert, ihren Inhalt gen Erdmitte rutschen lassen. Merke: Das Leeren von Saucenflaschen ist definitiv keine spontane Handlung. Vielmehr sollte es sich um eine langfristig vorbereitete Aktion handeln, die eines feierlichen Rituals geradezu würdig ist. Ansonsten kann es einem (Mann) passieren, dass er Stunden nach der eigentlichen Mahlzeit zwar stolz den (für eine Frau überraschenden) „Rest aus der Flasche“ präsentiert, dessen Verzehr aber mangels zu würzender Speise so direkt keinen Sinn mehr macht. Egal, erst ab diesem Zeitpunkt darf sich eine derartig ihrer Füllung beraubte Flasche leer schimpfen. Männerleer! Übrigens. Das ganze nicht nur mit „leer“. Es funktioniert auch mit „zu“. Frauenzu und männerzu. Bei der Entnahme von deckelverschließbaren Aufbewahrungsformen aus dem Kühlschrank empfiehlt es sich (als Mann), sich in die Erfahrungswelt einer Frau hineinzuversetzen und den Gegenstand nicht oben am Deckel anzufassen, sondern statt dessen die Flasche oder die Tupperbox mit mindestens einer Hand unterhalb vom Deckel zu greifen. Weil, eine Flasche ist frauenzu, wenn keine Insekten mehr reinfallen können und der Deckel durch bloßes Angucken nicht herunterfallen kann. Mehr aber auch nicht. Dass Deckelgewinde und Flaschengewinde, von Frauenhand nahezu berührungsfrei miteinander in Kontakt gebracht, vom künstlerischen Standpunkt sehr individuelle und formschöne, aus physikalischer Sicht allerdings extrem instabile Verbindungen eingehen können, sollte sich eine kühlschranköffnende, flaschengreifende Männerhand stets vorher bewusst machen. Aber auch männerzu kann zum Wahnsinn treiben. Ein männerzue(ne)s Gurkenglas erkennt man daran, dass es mit Muskelkraft nicht mehr geöffnet werden kann. Moderne, zweigeschlechtliche Küchen sollten daher über eine Schraubstockvorrichtung, wie sie die Männerwelt von Werkbänken her kennt, verfügen. Den Deckel in den Schraubstock eingespannt, können bis zu zwei Personen versuchen, das Glas zu drehen, während eine dritte, vorzugsweise wegen seiner Größe ein Kind, das Glas von unten gegen das Herabfallen sichert. Eine derartige Aktion führt hundertpro zu höchstmöglicher Kommunikation und Interaktion im Kreise einer verschiedengeschlechtlichen Lebensgemeinschaft. Da fällt mir ein, morgen muss ich unbedingt zur Tankstelle. Mein Tank ist leer. Zum Glück nur frauenleer. Hoff’ ich mal. P.S.: Gut, dass nicht alles auf unserer Welt männerleer ist, oder? Und auch nicht frauenleer! © Ulf Runge, 2009 |


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