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Vorteil und Urteil

Leben 398 – Dienstag, 10.03.09


Der eigene Vorteil verfälscht
das Urteil vollständig


Arthur Schopenhauer


Bist Du schon einmal in ein Geschäft gegangen, hast Dich beraten lassen und am Ende vom Gespräch hat man Dir empfohlen, das, was Du brauchst, doch besser woanders zu kaufen, weil man es selber nicht im Sortiment hat?

Unwahrscheinlich, oder? Habe ich aber auch schon erlebt. Wenn auch sehr selten.

Ich vermute auch einmal, dass wir das okay finden, dass die Verkäufer vornehmlich die Dinge an die Frau oder den Mann bringen wollen, für die ihre Firma ein unternehmerisches Risiko eingegangen ist. Anstatt uns ein noch besseres Konkurrenzprodukt zu empfehlen.

Spannender wird es, wenn bei einem vorgeblich neutralen „Berater“ Interessenkonflikte erkennbar werden, weil man mehrere Rollen zugleich ausübt, Rollen, die sich womöglich widersprechen.

Wenn etwa ein großer deutscher Automobilclub mit bestimmten Tankstellenorganisationen Rabatte für seine Mitglieder vereinbart, so ist fast unwahrscheinlich, dass bei einem gleichtzeitig laufenden Tankstellentest eine Tankstelle aus just dieser Kooperation schlecht abschneidet, oder?

Schopenhauer will uns genau vor diesen versteckten Interessenskonflikten warnen. Dass wir uns bewusst werden, dass auch wir in unterschiedlichen Rollen durchs Leben gehen. Als Arbeitnehmer etwa. Als Steuerzahler. Als Autofahrer. Als Tierschützer. Als Weintrinker. Als Wasauchimmer.

Lass zwei Menschen die gleichen Nachrichten sehen und hören, sie kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen bezüglich dem, was sie da soeben wahrgenommen haben. Weil Sie Parteigänger unterschiedlicher Couleur sind. Weil die eine selbstständig ist und der andere angestellt.

Schopenhauer akzpetiert allerdings nicht, dass wir uns alle unsere eigene „Wahrheit“ definieren. Sonst würde er nicht „fälschlich“ schreiben. Für ihn gibt es schon das eine Urteil, zu dem wir alle kommen würden, wären wir frei von Interessenlagen.

Für mich birgt Schopenhauers Spruch folgende Erkenntnisse:

Erstens, das Urteil Deines Gegenüber könnte geprägt sein von dessen ganz persönlichen Motiven. Vertraue dieser Meinung nicht blindlings.

Zweitens, wann immer Du Dir selber eine Meinung bildest, hinterfrage doch einmal, ob Dein Gegenüber zur gleichen Haltung kommen würde. Bzw. warum nicht. Dann fällt es Dir leichter zu erkennen, dass Du aus Interessen heraus handelst. Und wenn Du Deine Motive dann ganz klar erkennst, dann ist es ein letzter Schritt, ganz bewusst mit Deiner Subjektivität umzugehen.

© Ulf Runge, 2009

Ich bedanke mich beim Bellaprint-Verlag , Hinterbrühl, Österreich, für die freundliche Genehmigung, den Sinnspruch des Original-Leitspruch-Wochenkalenders als Thema für Beiträge in meinem Blog verwenden zu dürfen. Der Original-Leitspruch-Kalender wird in Deutschland vertrieben von der Impuls-Kalender GmbH.

Kategorien:Leben
  1. 10. März 2009 um 07:43

    Lieber Ulf, wahre Gedanken oder sind sie nur “Deine” Wahrheit? ;-) Ich bin überzeugt, dass wir alle nur aus eigenen Motiven handeln, auch wenn wir “Gutes” tun, denn irgendetwas “bekommen” wir auch zurück, Aufmerksamkeit, das Gefühl, gebraucht zu werden,Dank, Anerkennung oder was auch immer.

    Ich finde es wichtig, immer mal wieder bewusst zu hinterfragen, WARUM ich etwas tue bzw. NICHT tue. Es fällt mir schwer, an das eine wertfreie Urteil zu glauben, meine Erfahrungen erzählen mir anderes…

    Ich schicke übrigens ständig Kunden in andere Geschäfte, wenn ich nicht das Passende für den Kunden habe (oh, wenn das mein Chef lesen würde!), und selbst das ist nicht selbstlos, sondern mit meiner Hilfsbereitschaft und Ehrlichkeit möchte ich doch bezwecken, dass der Kunden das nächste Mal wieder erst zu mir kommt.

    Völlig selbstlose Grüsse :-) Andrea

    p.s. nicht mal kommentieren auf anderen Blogs ist komplett ohne “Hintergedanken”, aber welche das sind, verrat ich jetzt hier mal nicht:-)

  2. Mo
    10. März 2009 um 17:08

    Hallo lieber Ulf.

    Du schreibst:

    **Für mich birgt Schopenhauers Spruch folgende Erkenntnisse:
    Erstens, das Urteil Deines Gegenüber könnte geprägt sein von dessen ganz persönlichen Motiven. Vertraue dieser Meinung nicht blindlings.**

    Lieber Ulf,
    das Urteil des Gegenübers geprägt von persönlichen Motiven?
    Wie willst Du dafür den Beweis erbringen?
    Selbst wenn Du Dein Gegenüber glaubst gut bis sehr gut zu kennen, fehlt Dir letztlich der Beweis für so eine Annahme.
    Ich habe gelesen, dass Du das Wörtchen “könntest” geschrieben hast – “könnte geprägt sein” von dessen persönlichen Motiven.

    Vielleicht wäre ein Verstehen untereinander einfacher, wenn wir dahin gelangen könnten, die Aussage eines Menschen anhand seiner tatsächlichen Worte zu beurteilen – und nicht anhand seiner “möglichen vorhanden persönlichen Motive” , wofür wir ja letztlich nicht einmal einen Beweis haben, sondern meistens nur ein “flaues Gefühl in der Magengegend”, also nur eine Vermutung.

    Liebe Grüße, Mo

  3. 10. März 2009 um 19:01

    Hallo,

    diese Zeilen hier sprachen mich besonders an:

    “Zweitens, wann immer Du Dir selber eine Meinung bildest, hinterfrage doch einmal, ob Dein Gegenüber zur gleichen Haltung kommen würde. Bzw. warum nicht. Dann fällt es Dir leichter zu erkennen, dass Du aus Interessen heraus handelst. Und wenn Du Deine Motive dann ganz klar erkennst, dann ist es ein letzter Schritt, ganz bewusst mit Deiner Subjektivität umzugehen.”

    Ich bin einige Male übel auf die Nase gefallen, weil ich Leuten etwas erzählt habe, die das dann völlig verdreht weiter erzählt haben und behaupteten, das käme so von mir. Seitdem denke ich nicht nur über meine Subjektivität, sondern auch über die der anderen nach – und schweige meist.

    Liebe Grüße,
    Astraryllis.

  4. 11. März 2009 um 10:08

    Lieber Ulf

    ^.. Erstens, das Urteil Deines Gegenüber könnte geprägt sein von dessen ganz persönlichen Motiven. Vertraue dieser Meinung nicht blindlings…^

    – hierzu fällt mir spontan ein: eher noch als von persönlichen Motiven, könnte die Meinung des anderen auch von seiner momentanen Stimmung geprägt sein …
    Beispiel: Stell dir vor, du bist Redakteur einer Zeitung, hast dich gerade maßlos über deinen Chef geärgert und kriegst nun einen Stapel mutmaßliche Artikel zur Durchsicht auf den Tisch gelegt. Weil du innerlich vor Wut tobst “könnte” ;-) es sein, dass du deine Wut unbewusst auf die Schreiberlinge überträgst und ihre Artikel als geschriebenen Müll empfindest -in ausgeglichener, fröhlicher Stimmung aber hättest du vielleicht dein Okay zum Druck gegeben …
    – ist vielleicht nicht das beste Beispiel *lach* , aber vielleicht verstehst du trotzdem , wie ich es meine ;-)

    Liebe Grüße,
    Wally

  5. Ulf Runge
    12. März 2009 um 23:40

    Liebe Andrea,

    herzlichen Dank für Deine Anmerkungen.
    Ja, wenn ich mir bewusst mache, warum ich etwas tue, warum ich einer Gewohnheit nachgehe,
    dann kann dazu stehen, kann das verargumentieren.

    Und das mit “Die Kunden dorthin schicken, wo sie das bekommen, was sie brauchen”,
    das ist ja ein uralter Trick :-) Den leider sehr viele vergessen haben.
    Eine Kunden-Dienstleister-Beziehung funktioniert eben dann am besten,
    wenn wir immer wieder nach – ich sag’s mal auf Deutsch – win-win-Situationen suchen.

    Und Deinen Wink mit dem Zaunpfahl bezüglich des Kommentieren von Blogs habe ich sehr
    wohl verstanden. Er ist mehr als berechtigt. Und ich gelobe zum xten Mal “Besserung”.
    Die Blogs meiner Blogosphäre sind mir ein echtes Anliegen, auch wenn man das aktuell
    nicht an meinen Taten sieht.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  6. Ulf Runge
    13. März 2009 um 00:21

    Liebe Mo,

    man soll Menschen ja an ihren Taten beurteilen, nicht an ihren Worten.

    Und Deine Analogie lautet:
    Man soll Menschen nicht an ihren vermeintlichen Motiven beurteilen, sondern an Ihren Worten.

    Da gehe ich mit.
    Ich wollte “nur” ausdrücken, dass man den Worten des Gegenübers nicht blindlings glauben sollte.

    Das ganze hat was zu tun mit Vertrauen. Und Bauchgefühl.
    Es ist sicher gut, erst einmal einen Vertrauensvorschuss zu geben.
    Ich bin damit auch oft gut gefahren.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  7. Ulf Runge
    13. März 2009 um 00:45

    Liebe Astraryllis,

    schön, dass Du Gefallen an diesen Worten gefunden hast.
    Es ist einfach ein riesiges Gefühl, über das eigene Verhalten so viel nachgedacht zu haben,
    dass man sich sicher ist, mit sich selber im Einklang zu sein,
    dass man sich sicher ist, die Frage nach dem Warum des eigenen Tuns beantworten zu können.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  8. Ulf Runge
    13. März 2009 um 02:14

    Liebe Wally,

    Du meinst also, bei delikaten Themen die “richtige” Stimmung des Chefs abwarten?
    Ich hab’s bisher anderes praktiziert:
    Raus mit der Sprache. Alle Fakten auf den Tisch. Den ganzen Entscheidungsbedarf offenlegen.

    Aber wahrscheinlich ist Deine Einstellung die klügere…

    LG, Ulf

  9. 13. März 2009 um 08:02

    Lieber Ulf, das mit dem “Kunden hinschicken….” ist ein ALTER Trick? Oh, ich dachte, das hätte ICH erfunden;-) Ich kannte mal einen praktischen Arzt, der doch tatsächlich die Patienten zu Spezialisten-Kollegen schickte, wenn er nicht der “Richtige” war…fand ich sehr beeindruckend. Statt “rumzudoktorn” und Du kannst Dir vorstellen, dass auch er immer genug zu tun hatte. Win-Win halt, wie der Westfale sagt:-)

    Das war übrigens kein Wink mit dem Zaunpfahl auf DEINE Besuch auf anderen Blogs, sondern allegemein gemeint, wirklich! Obwohl ich mich natürlich immer sehr freue, wenn Du mich besuchst! (und dies Kompliment hat natürlich gar keine Hintergedanken, smile).
    Einen schönen letzten Arbeitstag für diese Woche, verrückte Welt, es ist mein erster Arbeitstag für die nächste Woche. Liebe Grüsse Andrea

  10. Ulf Runge
    14. März 2009 um 23:41

    Liebe Andrea,

    Win-Win, sagt der Westfale?
    Schön.

    Ich wünsche Dir eine schöne “Wochenmitte”, auf dass bald wieder Dein freier Tag komme… :-)

    Liebe Grüße,
    Ulf

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