Der Rattenfänger

Leben 387 – Samstag, 21.02.09

Wir fahren Auto. Hören Radio. Weiß der Teufel, warum uns das Thema der Sendung auf den Rattenfänger von Hameln gebacht hat, ist auch egal (das wäre hier die Stelle, wo man heute „keine Ahnung“ sagt?!), ich sage zur Jugend: „Wie beim Rattenfänger von Hameln!“

Aha. Verständnislose Augen blicken mich an, lassen mich mein Alter spüren. Wieder so eine olle Kamelle von damals, höre ich die Person neben mir denken.

„Rattenfänger von Hameln! Den kennst Du nicht?“ In einer Mischung aus „Da habe ich was versäumt beim Märchenvorlesen“ und aus „Die Jugend von heute kennt die grundlegendsten Dinge nicht mehr“ spreche ich zur unwissenden Person: „Das ist ein Märchen. Der Rattenfänger hat damals, weiß ich auch nicht, der hat irgendwas gutes getan für die Bürger von Hameln. Auf seiner Flöte. Hat’n Konzert gegeben und die wollten ihm nix zahlen. Oder ihm nix zu essen geben. Was weiß ich?! Und dann hat er mit seiner Flötenmusik die Kids so betört, dass die ihm in einer langen Reihe hinterhergelaufen sind, raus aus der Stadt. Und da hat der Rattenfänger sie dann irgendwo versteckt. Im Wald vielleicht. Mittelalterliches Kidnapping sozusagen.“

Bin ich froh, dass ich die Geschichte noch irgendwie zusammengekriegt habe. „Und wie es ausgegangen ist, weiß ich nicht mehr so genau, wahrscheinlich gut, hamse ihm was gezahlt vermutlich und er hat die Kids wieder zurückgebracht. Glaube ich wenigstens.“

Pause. Die junge Person neben mir sieht mich immer noch mit großen Augen an, um dem Geschichtenerzähler schließlich folgende Frage zu stellen: „Und warum Rattenfänger?“

Au ja boah richtig, ja Mensch nochmal, denke ich, richtig, so war’s, den Anfang muss ich ein bisschen umbauen.

„Stimmt! Ich fang noch mal an. Nicht alles, nur was wichtig ist. Also, im Mittelalter oder wann auch immer das gespielt hat, da gab es Ratten in den Städten. Und in Hameln war das wohl ganz schlimm. Kommt der Rattenfänger vorbei, die sind damals sozusagen von Stadt zu Stadt auf Livetour gewesen, bietet seine Dienste an, und dann lockt er die Ratten mit seiner zauberhaften Flötenmusik aus der Stadt. Aus ist. Plage vorbei. Will er Geld haben, oder was auch immer. Kriegt er nicht. Ja, und den Rest kennst Du ja bereits.“

Moral: Rechtzeitig den jungen Menschen diese Märchen vorlesen oder erzählen, dann braucht man sich später nicht dabei ertappen zu lassen, dass manselber – sag ich mal – mindestens die Hälfte vergessen hat.

© Ulf Runge, 2009

  1. 21. Februar 2009 um 23:21

    lieber ulf,

    man kann sich nicht gegen das alter wehren. aber man sollte ja doch etwas weitergeben :)
    ich persönlich bin froh, noch mit alten märchen statt mit zeichentrickfilmen aufgewachsen zu sein (okay, zugegeben, nur zum teil ;) ), weil das für mich auch ein stück kulturgut ist. heute wird man nur schief angeschaut, wenn man vom teufel mit den drei goldenen haaren spricht… dabei waren das doch richtig tolle geschichten. fand ich zumindest.

    die geschichte vom rattenfänger hätte ich aber nicht annähernd so gut erzählt wie du. nur der anfang; dass er ein kidnapper war, wusste ich gar nicht. und wieder etwas gelernt ;)

    liebe grüsse,
    aprikose

  2. Ulf Runge
    22. Februar 2009 um 14:33

    Liebe Aprikose,

    der Teufel mit den drei goldenen Haaren?
    Kenne ich nicht, weil vermutlich nicht von den Gebr. Grimm.
    Gut, dass es Suchmaschinen gibt…

    Und zum Rattenfänger. Ich glaube, den lese ich mir doch noch mal durch,
    bevor “Wanted”-Plakate gedruckt werden. Wobei, mit der Kinderklauerei,
    da bin ich mir ziemlich sicher…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  3. 22. Februar 2009 um 15:05

    lieber ulf,

    wikipedia sagt mir:

    Es [das Märchen] ist in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 29 enthalten.

    ;)

    und an gleicher stelle den rattenfänger nachgeschlagen. ja, du hast recht, kidnapping wegen zahlungsunwilligkeit.
    gut, gibt es wikipedia. der brockhaus ist doch arg teuer und schwer ;)

    liebe grüsse,
    aprikose

  4. Ulf Runge
    22. Februar 2009 um 15:19

    *unterdemtischlieg*
    *brüll*

    Liebe Aprikose,
    danke, dann brauch ich ja nicht mehr gucken :-)

    Liebe Grüße,
    Ulf

  5. Ursula
    22. Februar 2009 um 23:54

    Lieber Ulf,

    kluge Psychologen haben festgestellt, dass unsere guten Deutschen Maerchen mehr Schaeden in den Seelchen der lieben Kleinen hinterlassen als wir uns in unseren schlimmsten Traeumen ausmalen koennen (hihihi, wir sind alle gestoert und wissens nicht). Allerdings gibts doch ein paar Geschichten, bei denen ich immer noch Gaensehaut bekomme……. nein, ich sag jetzt nicht welche das sind.

    Liebe Gruesse

    Ursula

  6. Ulf Runge
    23. Februar 2009 um 00:44

    Liebe Ursula,

    hast Du da an Rotkäppchen gedacht? Oder Hänsel und Gretel?
    Oder gibt es gar Gräuslicheres?

    Liebe Grüße,
    Ulf

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