Hin. Zurück.

Leben 384 – Mittwoch, 18.02.09

Hin.

Ob da noch frei sei, frage ich, obwohl ziemlich offensichtlich ist, dass drei der vier Sitze hier unbelegt sind. Ich werde angenickt. Ich versuche, den ausdruckslosen Blick durch mein Lächeln aufzuwärmen. Was mir nicht gelingt. So verkrieche ich mich in meine Kopfhörer, in meinen Laptop, höre was, schreibe was. Entrücke dem Hier. Und meinem unnahbaren Gegenüber.

„Was will der Typ? Sieht doch, dass da frei ist. Blöde Anmache, gleich am frühen Morgen. Nirgendswo hat man seine Ruhe. Jetzt grinst er auch noch blöd. So eine doofe Anmache. Gut, dass ich am Fenster sitze, da kann ich wenigstens raus schauen. Wenn sich der Idiot nur nicht in der Scheibe spiegeln würde! Wo ich auch hingucke, glotzt mich seine Fratze an. Ah, jetzt hat er aufgegeben. Auch so ein Laptop-Fuzzi, der sich überall zur Schau stellen muss. Als wenn er im Zug einfach nichts tun könnte. Oder ein Buch lesen. Nene, ich bin wichtig, muss der da sagen. Worüber hatte ich mich eigentlich bis eben geärgert, als der Heini eingestiegen ist. Jetzt weiß ich’s nicht mehr. Das ist aber blöd.“

Zurück.

Ob da noch frei sei, frage ich, obwohl ziemlich offensichtlich ist, dass drei der vier Sitze hier unbelegt sind. Ein lächelndes Nicken aus lachenden Augen weist mir den Sitz zu. Bis ich endlich mal sitze und meine Siebensachen endlich verstaut habe, störe ich mein Gegenüber noch ein paar Mal beim Lesen, streife unabsichtlich ihr Knie, was auch zu gar keiner Irritation führt, stöpsle meine Ohren über die Kopfhörer, klappe das Notebook auf, bin ganz bei mir. Aber: Entrücke weder dem Hier noch dem Jetzt. Spüre, dass sie mich buchlesenderweise in Gedanken anlächelt. So, wie ich auch. Ohne dass wir uns mehr als mitteleuropäisch üblich anblicken, liegt über unserem Abteil eine Stimmung des Einanderwohlwollens.

Sie steigt aus. Ohne dass wir drüber geredet hätten, bin ich sicher, dass wir beide diese Minuten des friedvollen Gegenübers geschätzt, ich glaube sogar genossen haben.

© Ulf Runge, 2009

  1. 18. Februar 2009 um 00:36

    Der kleine Unterschied, der so unwichtig scheint (Ist doch nur eine halbe Stunde Anonymität), aber es nicht ist. Schön auf den Punkt gebracht. Nichts ist wirklich anonym.

  2. Ulf Runge
    18. Februar 2009 um 00:43

    Lieber Donkys Freund,

    danke schön für Dein “auf den Punkt” gebracht. *freu*

    Zu Deinem “Nichts ist wirkich anonym” fällt mir ein:
    Nicht kommunizieren geht nicht. (Ist nicht von mir.)

    Liebe Grüße,
    Ulf

  3. 18. Februar 2009 um 01:06

    Lieber Ulf,
    wie so häufig ist der eigene Blickwinkel für die guten (oder schlechten) Erlebnisse verantwortlich. Die Stimmung des Gegenübers – nur eine Sache der Interpretation?
    Ich bin sicher, dass Du viel häufiger die zweite Situation erlebst. Ganz einfach, weil Du sie durch Deine Gedanken gestaltest und anziehst.
    Viele (immer noch tief verschneite) Sonnengrüße aus dem Isartal,
    besser und besser,
    Gaba

  4. Ulf Runge
    18. Februar 2009 um 01:13

    Liebe Gaba,

    das hast Du schön ausgedrückt.
    Wenn ich es nicht schaffe, wie etwa bei “Hin” soviele positive Schwingungen zu meinem
    Gegenüber zu bringen, wie ich eigentlich könnte, wenn ich also zu früh “zu mache”,
    dann muss ich mich auch nicht wundern, wenn die Stimmung einem Mondkrater gleicht…

    Liebe Grüße vom klirrenden Oberrheintal ins traumhafte Oberbayern,
    Ulf

  5. 18. Februar 2009 um 07:52

    Lieber Ulf,
    gerade wollte ich nur schreiben “Positive Schwingung” – und lese, daß Du selbst es geschrieben hast. Dennoch … :-)
    Liebe eiskalte Wintergrüße von der fast eingefrorenen Möwe.
    PS: Superklasseschönes neues Bild von Dir mit roter Nase! :-)

  6. Ursula
    18. Februar 2009 um 09:12

    Lieber Ulf,

    wunderschoene Stimmungsbilder sowohl hin (da musste ich an Watzlawiks Geschichte mit dem Hammer denken) als auch zurueck. Ich werde beim hollaendischen Verkehrsminister doch mal eine Bahnlinie von meinem Wohn- zum Arbeitsplatz beantragen…….
    Liebe Gruesse

    Ursula

  7. 18. Februar 2009 um 09:48

    Lieber Ulf,
    bei ersterer Situation hab ich unweigerlich an “Im Wagen vor mir” von Henry Valentino denken müssen… ;-)
    Es ist für mich schön bei dir zu lesen, wie Blickwinkel Situationen und Gefühle anders erleben und wahrnehmen lassen. Und zu wissen, dass ich selbst die Wahl habe, meinen Blick zu lenken… :-)
    Alles Liebe und herz-liche Sonnengrüße von Elisabeth

  8. 18. Februar 2009 um 17:37

    Hihi, lieber Ulf, immer wieder schön, wenn ein Mann versucht, sich in die Gedanken einer Frau hineinzuversetzen:-) Und ich verrate Dir jetzt NICHT, ob Du richtig liegst oder nicht,ätsch. ich finde nämlich Deinen Beitrag äusserst amüsant und gut geschrieben! Liebe Grüsse Andrea

  9. 18. Februar 2009 um 21:42

    Lieber Ulf,

    sehen,ansehen,blicken, erkennen. Soo schöne Begegnungen. Ohne Worte, ohne REDEN zu müssen. Ein Geschenk.

    Du hast Dich ja sehr fein gemacht. Steigst Du so morgen in Deinen Zug?

    Sonnige Abendgrüße

    Dori :-)

  10. Ulf Runge
    19. Februar 2009 um 01:17

    Liebe Möwe,

    so übertragen sich also auch Schwingungen hier zwischen Blog-Teilnehmern!
    Bei der Kälte unbedingt ab und mit den Flügel schlagen.
    Und mal mit den Füßen trippeln.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  11. Ulf Runge
    19. Februar 2009 um 01:20

    Liebe Ursula,

    Du hast recht, da ist eine Analogie zu PWs “Hammer” zu erkennen. Schön, dass Du das so entdeckt hast.

    Pass aber auf, dass die keine ICE-Trasse bauen. Regionalbahn ist “gemütlicher”…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  12. Ulf Runge
    19. Februar 2009 um 01:24

    tatatata tatata
    (irgendwann bog sie ja dann ab, und “ich” muss geradeaus weiterfahren)
    tatatata tatata

    Liebe Elisabeth,
    schön, dass Dir dieses Stimmungsbild so gut gefällt.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  13. Ulf Runge
    19. Februar 2009 um 01:26

    Liebe Andrea,

    danke für Dein Kompliment.
    Du willst mich alles im Unklaren lassen?
    Und so werde ich nie wissen, ob ich richtig liege?
    GRAUSAM!

    Liebe Grüße,
    Ulf

  14. Ulf Runge
    19. Februar 2009 um 01:27

    Liebe Dori,

    danke!

    Nein, nicht soooo, aber auch ein bisschen strange…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  15. 19. Februar 2009 um 09:33

    Ok, ok, lieber Ulf, weil heute heute ist, verrate ich Dir soviel: Das könnte tatsächlich ein Variante von Frauengedanken sein…:-)

    Alles Liebe nochmal für Dich, einen tollen Tag, Andrea

  16. 19. Februar 2009 um 17:18

    Ich musste früher viel Bus fahren. Zug ist hier nicht so aktuell, da der nächste Bahnhof ca. 20 km entfernt liegt. Ich habe während meiner Busfahrten gelernt, dass man durchaus seine Ruhe haben kann, wenn man möchte: Musik hören, aus dem Fenster gucken und den Nachbarplatz einfach frei lassen. Wer sich setzen wollte, der konnte es tun. Ich war auch nie abgeneigt, wenn jemand ein Gespräch begann. Die Lautstärke meines Kopfhörers war so eingestellt, dass ich mein Umfeld durchaus noch wahrnehmen konnte. Doch, ich hab es auch erlebt, dass es Leute gab, die weder fragten, noch sich bedankten oder solche, die trotz diverser freier Plätze meinten, dass gerade der Platz neben mir, der ist, den sie begehren. Ich gebe zu, dass ich bei letzteren Kandidaten manchmal auch etwas komisch geguckt habe. Vor allem ältere Damen neigten dazu, sich nicht allein in eine Sitzreihe zu setzen…den Geruch von Handcreme hab ich heute noch in der Nase, wenn ich an Busfahren denke. :)

  17. Ulf Runge
    19. Februar 2009 um 23:40

    Liebe Andrea,

    danke, dass Du mich von Zweifeln erlöst hast…
    Nur das “könnte” macht mich unsicher :-)

    Danke für die Tollentagwünsche,
    liebe Grüße,
    Ulf

  18. Ulf Runge
    20. Februar 2009 um 00:02

    Liebe Tshalina,

    danke für Deine Gedanken zu diesem Thema. Weißt Du, dass ich sowas von glücklich bin,
    dass ich weder vor noch während der Fahrt Handcreme benutze? :-)

    Dass die Menschen Deine Nähe suchten und suchen, darfst Du sicherlich als
    Kompliment für Deine Ausstrahlung verstehen.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  19. 20. Februar 2009 um 08:02

    Lieber Ulf, Du weisst doch bestimmt, dass Frauen als “unberechenbar” gelten und nach der sogenannten “weiblichen Intuition” handeln?! Und deshalb “könnte” es eben eine Variante von vielen anderen sein…:-)

    Und heute hoffe ich, Du HATTEST einen tollen Tag gestern…Liebe Grüsse Andrea

  20. Ulf Runge
    21. Februar 2009 um 01:43

    Liebe Andrea,

    ach ja, die weibliche Intuition. Unergründlich :D
    Ja, toller Tag, danke ;-)

    Liebe Grüße,
    Ulf

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