72 Gramm
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Leben 355 – Donnerstag, 17.12.08 Er hatte es nur mal ausprobieren wollen. Ob das denn gehe. Den Stoff übers Netz zu bestellen. 72 Gramm. Mehr nicht. Aus Holland. Lupenreine Qualität. 72 Gramm. Aber die waren 72 Gramm zuviel. Darauf angesprochen, ob er denn gar kein Unrechtsbewusstsein dabei gehabt habe, zuckte er nur die Schultern. Und antwortete, er wisse, dass andere Leute im Kilogramm-Bereich unterwegs seien, aber so sei es immer im Leben, die große Tiere lasse man laufen, die kleinen Fische dagegen, die würden ins Netz gehen. Ein Lächeln flog in sein Gesicht. Was denn jetzt so lustig sei, wurde er gefragt? Er überlegte, ob er das sagen solle, dass er über sein eigenes Wortspiel, das mit dem Internet-Netz und dem Fische-Netz, lächeln müsse. Nee, entschied er sich, das wollte er dann doch seinem humorlosen Gegenüber lieber vorenthalten. „Akzeptieren Sie die Strafe? Oder sehen wir uns vorm Richter wieder?“ Er kramte in seinem Portemonnaie, fünf, eins, zehn, und zählt sie dem Beamten in die Hand: „16 Cent! Ich fasse es nicht!“ Als die Amtsperson gegangen war, ließ er sich in seinen Sessel fallen und schwor sich, nie wieder holländischen Kaffee übers Netz zu kaufen. Um sich nicht der Steuerhinterziehung strafbar zu machen. Nach einer wahren Begegenheit, heute im Radio gehört. Die Größen „72 Gramm“ und „16 Cent“ sind definitiv nicht erfunden. Die Zeitung berichtete bereits am Montag darüber: http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/velbert/2008/12/15/news-98583285/detail.html
© Ulf Runge, 2008 |


Lieber Ulf,
wolltest du mich doch hinter´s Licht führen! Und wäre es nicht eine schön geschriebene Kurzgeschichte, sondern eine längere, säße ich dem Irrglauben noch länger auf. Doch sind 72 Gramm nun auch keine Mindermenge, welche wohl oder übel geduldet wird. Sei es in Form von dem mir gedachten Stoffes – oder, wie in diesem Fall – feinsten Hochlandkaffees (kann man Kaffee eigentlich auch rauchen?). Jetzt, da die Staatskassen sich leeren, das Füllhorn über die Pendler ausgeschüttet wird, kann man nur mit Stolz auf die dienst beflissenen Beamten sehen. Mit all ihrem Einsatz, ohne Mühen und Kosten zu scheuen (was kostet eigentlich dieser Apparat), setzen sie sich dafür ein, das unserem Staat rechtmäßig zustehende Geld auch zuzuführen. Und wenn es auch nur 16 Eurocent sind. Wünschte man sich doch viel mehr solcher eifrigen Beamten, die Staatsverschuldung wäre bei Null, wir hätten einen Überschuss. Dieser kann dann in den Ausbau einer noch besseren Exekutive gesteckt werden.
Liebe Grüße von einem Kaffee trinkenden und rauchenden (natürlich nur Zigaretten mit deutschem Steuerzeichen) treuem deutschen Staatsbürger.
Holger
Lieber Ulf,
nicht schlecht gemacht.
Klar, dass man als erstes an etwas anderes denkt, als Kaffee. Doch wer dich kennt… ja, es musste was anderes sein, aber was.
Und zu den 16 Cent… *hust* Für 16 Cent so viel Aufwand. Was das nun wieder gekostet hat… Ts.
Lieben Gruß,
Martina
Lieber Holger,
schön, dass ich Dich hinters Licht führen durfte.
Und Du hast recht. Wir können uns glücklich schätzen,
dass sich jemand um die Füllung des Staatssäckel kümmert,
koste es, was es wolle.
Bei Deinem Kaffee hat mir der Hinweis gefehlt, dass Du nur verzollten trinkst.
Wenn ich bedenke, dass wir früher von Köln nach Aachen und dann rüber über die Grenze gefahren sind,
um Butter zu kaufen…
Klar auch, um Tulpen zu gucken, und die tollen Marktorgeln zu hören und Käse zu essen.
Aber es waren Butterfahrten. Und lecker Schokolade auch.
Und das war bestimmt noch viel verbotener als im Schengener Europa von heute…
Liebe Grüße,
Ulf
Liebe Martina,
schön, dass Du wusstest, dass es sich nicht um das handelt, was ich Dich glauben zu machen versucht habe.
Schön, dass Du ein bisschen lesen musstest, bis Du auf der richtigen Fährte warst…
Liebe Grüße,
Ulf