Alles außer … Prozentrechnen

Leben 340– Samstag, 15.11.08

Heute musste es mal wieder sein. Baumarkt war angesagt. Ich brauchte Styropor. Bei der verstopften Anfahrt merkte ich, dass bei meinem praktischen Baumarkt wieder „alles außer Tiernahrung“ Tage angesagt waren. Während ich so vor mich hinstand, sinnierte ich wieder über den Umstand, warum die Leute hier überhaupt an den anderen Tagen kaufen, wenn sie alle paar Wochen sowieso für 20% weniger kaufen können.

Am entgegengesetzten Ende des Parkplatzes wartete dann doch noch ein freies Plätzchen auf mein Auto, und ich schickte mich an, einen So-schnell-wie-möglich-raus-hier-Besuch im Baumarkt anzutreten. Das Styropor war schnell gefunden, ein frei rumlaufender Fachverkäufer wies mir den Weg an den Rigipsplatten vorbei. Fast 17 Euro für eine Styropor-Platte! Und ich brauchte sechs davon. Ein kleines Vermögen dachte ich so bei mir, um dann festzustellen, dass der Preis für ein ganzes Paket gilt, grob geschätzt mehr als 10 Platten. Ich nahm mir die sechs Stück, die ich brauchte und dachte mir, jetzt bloß kein Chaos an der Kasse verursachen, frag mal am Info-Stand, ob die Dinger erst ausgezeichnet werden müssen.

Sie mussten nicht. Ich ging zur Kasse und stellte mich schön hinten an in der Schlange, ebenso stolz wie meine Vorleute, dass ich jetzt auch noch 20% sparen würde.

Irgendwann war dann sogar ich dran und zeigte dem Kassierer meine Beute. Er wisse den Preis, sagte ich ihm. Ich hätte deshalb extra gefragt. Ohne Zögern griff der Kassierer nach einem etwas abseits liegenden „Geheimbuch“, das wohl speziell für Styroporkäufer vorgesehen ist. Zusätzlich nahm er noch einen Zollstock und maß die Dicke der Platten ab. Er öffnete das Geheimbuch so, dass nun eine Seite mit lauter Strichcodes zu sehen war. Ganz oben stand „rot“. Rot? Nun, meine Platten hatten in der Tat einen roten Aufdruck an der Seite.

Als er zum Telefonhörer neben der Kasse greift, richte ich mich auf eine längere Verweilzeit hier im Baumarkt ein. Lasse mein Auge zur Kassierin an der nächsten Kasse streifen. Die greift jetzt auch zum Telefon. „Das ist nicht wahr, oder?“ höre ich sie sagen. Dann telefonier mal schön, denke ich mir und drehe mich zu meinem Kassierer um, der ebenfalls noch spricht. „Doch, doch!“ höre ich ihn sagen, und nun dreht er sich zu mir rum, nein, nicht zu mir, er blickt die Kassierin an, die ich eben noch beobachtet hatte.

Boing! Statt durch den Kassenraum zu brüllen „WAS KOSTEN DIE PRÄSERVATIVE?“ hat er sich für die dezente Art entschieden, seine Kollegin um Hilfe zu bitten. Aber warum grinst er so verlegen? Und warum lacht sie auf einmal los?

Das Telefonat ist beendet, er tippt was in die Kasse ein, 6 Euro zwölf macht es, ich frage „Die 20% Prozent?“ und er nickt mir lächelnd zu.

© Ulf Runge, 2008

  1. 16. November 2008 um 04:19 | #1

    Lieber Ulf,
    mit Dir wird sogar der Baumarktbesuch zum Abenteuer. Ich habe eben einer Freundin die Funktionen von google-reader gezeigt…und dabei Deine neue Veröffentlichung entdeckt…und zu zweit haben wir über diese wirklich gute und hübsche Geschichte Tränen gelacht. Vielen lieben Dank für den Spaß.
    Kichernde Grüße aus dem Isartal,
    besser und besser,
    Gaba

  2. 16. November 2008 um 09:59 | #2

    Lieber Ulf, da schliess ich mich Gaba gerne an, eine Geschichte mit Deinem speziellen Humor und wieder einmal ein Bespiel für Deine ganz besondere Beobachtungsgabe für die lustigen Dinge im Alltag. Danke schön. Einen tollen Sonntag, sonnige Grüsse Andrea

  3. 16. November 2008 um 13:46 | #3

    Lieber Ulf,
    auch ich kann mich Gaba und Andrea nur anschließen. Lustige Dinge im Alltag zu erleben ist das Eine – sie dann auch noch mit den richtigen Worten niederzuschreiben und damit andere ebenfalls zum Lachen zu bringen, das ist in der Tat eine Kunst, die Du eindeutig beherrschst!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  4. 16. November 2008 um 15:02 | #4

    Hallo Ulf,

    ich wollte mal bei Aldi ein Poesiealbum kaufen. An der Kasse teilte man mir mit, dass dieses Poesiealbum zu einem abgepackten Paket mit Stift und Pipapo gehört habe. Ich müsste ein ganzes Paket kaufen oder aber es ginge nicht.
    Das Poesiealbum war aber der LETZTE Rest, der überhaupt noch von dieser Ware da war.

    Es ging nicht. Bei Aldi ist “SO WAS” nicht VORGESEHEN!
    - Ich hing also ohne das Poesiealbum aus dem Geschäft.

    Astraryllis

  5. 16. November 2008 um 19:38 | #5

    Hallo,

    hiermit schicke ich mein erstes selbstkreiertes
    Stöckchen in die Welt hinaus. Bitte nimm es auf,
    wenn Du magst.

    Liebe Grüße,
    Astraryllis

  6. 16. November 2008 um 20:51 | #6

    Lieber Ulf,
    ich schließe mich meinen Vorkommentatorinnen (gibt´s das Wort überhaupt?) gern an. Es ist immer wieder wunderbar zu lesen, wie aus einem simplen Besuch im Baumarkt ein so schöner Blogeintrag werden kann.
    Liebe Grüße,
    Holger

  7. makochou
    16. November 2008 um 21:20 | #7

    Liebe Ulf,
    ehm, ich würde mich auch gerne den Vorkommentatorinnen/en anschließen. ^.^ Sehr lustig ^^

    Mako

  8. Ulf Runge
    17. November 2008 um 23:12 | #8

    Liebe Gaba,

    danke, dass Du “mit mir” den Google-Reader ausprobierst :-)
    Habe ich jetzt eine Leserin mehr (Deine Freundin)?

    Innerirdische (das ist ein Insider) Grüße,
    Ulf

  9. Ulf Runge
    17. November 2008 um 23:13 | #9

    Liebe Andrea,

    schön, dass die Geschichte so viel Spaß macht.
    Danke für die sonntäglichen Grüße,
    die gerne alltäglich für die ganze Woche zurückgebe.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  10. Ulf Runge
    17. November 2008 um 23:17 | #10

    Liebe Mareike,

    danke für Dein Kompliment.
    Du sagst es: Da passiert einem etwas, da bekommt man etwas mit,
    und dann sitzt Du da, und willst es in Worte fassen.
    Und dann verwirfst Du die schöne Begebenheit,
    weil es nicht gelingen will, die Leserin, den Leser so abzuholen,
    dass man sofort “drin” ist in der Handlung.

    Eine Pointe kann man nur einmal erzählen.
    Dann ist sie weg.
    Mehrfach schon habe ich mir überlegt,
    ich schreibe mal verschiedene Versionen und lasse meine LeserInnen
    entscheiden. Aber das geht nicht.
    Bei einer zweiten Version einer Geschichte ist der Reiz weg.

    Also freue ich mich über jede Begebenheit, die ich in Worte fassen kann.
    Und die bei Euch ankommt.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  11. Ulf Runge
    17. November 2008 um 23:20 | #11

    Liebe Astraryllis,

    eine Lanze für Aldi: Die anderen können genauso unflexibel sein.
    Es ist traurig, wenn man eigentlich in einer win-win-Situation ist,
    so wie Du mit Deinem Buch, und die sture Einhaltung von Regularien
    verhindert, dass man sich eine Freude machen kann, oder eine für Dritte erwerben.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  12. Ulf Runge
    17. November 2008 um 23:24 | #12

    Liebe Astraryllis,

    nachdem Du “brav” Dein eigenes Stöckchen aufgefangen hast,
    werde ich natürlich nachziehen.
    Klein bisschen Geduld noch…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  13. Ulf Runge
    17. November 2008 um 23:26 | #13

    Lieber Holger,

    danke!
    Es gibt Tage, da denke ich morgens bei mir, na was schreibst Du heute,
    und abends frage ich mich immer noch, und dann kann es sein, dass ich merke,
    dass ich verkrampfe und beschließe, dass das heute nichts wird.
    Und dann wiederum denke ich an nicht böses, schon gar nicht ans schreiben,
    stehe an der Kasse und die Geschichte purzelt an mir vorbei und ich will nur noch
    nach Hause, an die Tastatur, schreiben…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  14. Ulf Runge
    17. November 2008 um 23:27 | #14

    Liebe Mako,

    danke fürs Anschließen.
    Ich schließe meinem Dank an die anderen auch den an Dich an ^.^

    Liebe Grüße,
    Ulf

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