Das Darumgesetz

Leben 338– Dienstag, 11.11.08

Irgendwann einmal realisierte ich in meiner Schülerkarriere, dass ich immer wieder falsch lag, wenn es darum ging, Kunstwerke zu interpretieren. Egal, ob es sich um Gedichte handelte, Romane oder Dramen, ich lag garantiert falsch! Meine erste Vermutung, der Lehrer oder die Lehrerin könne mich nicht leiden, etwa weil ich nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit an die Dinge heranging, konnte nie wirklich entkräftet werden. Den Schelm im Gesicht habe ich immer mit Fleiß auszugleichen versucht, aber das kam nicht gut, würde man heute sagen.

Der Gipfel des Unverstandenseins wurde für mich beim Kunst- und Kunstgeschichteunterricht erreicht. Vollgekleckerte Malereien sollten von mir einer sinnhaftigen Interpretation zugeführt werden, der alleinig erkennbare Sinn allerdings entzog sich meiner Wahrnehmung.

Da ich für meine persönlichen Nöte keine kurzfristig auf demokratischem Wege realisierbaren Ausweg sah (zu jung, um gewählt zu werden; zu allein, um die Mehrheit zu sein), stellte ich mir also vor, ich sei der König von Deutschland und ich würde alle die Kunst-Interpretations-Quälgeister mit meinem „Darumgesetz“ zur Tatenlosigkeit verurteilen:

§1 Wer Kunstwerke herstellt und in Verkehr bringt, ohne eine allgemeingültige, verbindliche Interpretation für das Kunstwerk in Umlauf zu bringen, wird mit gymnasialer Mittel- und Oberstufe nicht unter sechs Jahren bestraft.

So hatte ich mir das also vorgestellt. Ich wurde, das ist der geschichtsbewussten Leserin ebenso bekannt wie dem politisch interessierten Leser, nie wirklich König von Deutschland. Und aus meinem Gesetz wurde nichts.

Die Tatsache, dass sich Metallinstallationskünstler die Reinigung verdreckter Badewannen (okay, es war nur eine) mit Schmerzensgeld für die Zerstörung von Kunstwerken bezahlen ließen, erschütterte mein Verständnis von Kunst nachhaltig, um nicht zu sagen, dass ich damals die Idee von einem völlig neuen Geschäftsmodell hatte, ohne bis heute damit etwas anfangen zu können.

Ich hatte eines Tages das Glück mit einem Künstler ins Gespräch zu kommen, dessen Arbeitsergebnisse nicht in der Galerie landen, sondern die – auch für gutes Geld – als Auftragsarbeit direkt auf dem Friedhof landen. Dieser Steinmetz war nun auf einer Beuys-Ausstellung in einen Raum gelangt, in einen langgezogenen, weißen, gewölbten Raum, den man nun in gebeugter Haltung betreten konnte, ein weiß getünchter Raum, in dem außer dem erhellenden Licht nichts zu sehen war. Außer: ganz am Ende der Installation (was für eine Installation, bitte?) war in Knöchelhöhe ein Loch in der Wand angebracht, die heutzutage wohl einer nicht gesehen werden wollenden ÜberwachungsCam als Asyl dienen könnte, aber nein, seinerzeit war dieses Loch nur dazu da, Dampf austreten zu lassen. Dampf? Ja, einfach nur Wasserdampf. Unscheinbar. Dahinten. Am Ende des Raumes.

Und? Fragte ich den Steinmetz. Was denn nun der Sinn sei? Von diesem Kunstwerk?

Dass man darüber rede. Dass wir nun darüber reden. Ach, dachte ich. Aha, dachte ich. Ja, dachte ich.

Heute mehr als damals.

Ich hoffe für hoffentlich viele noch nachfolgende nicht interpretationsgequält werden wollende Generationen, dass man mich nie zum Künstler erhebt. Etwa in den Deutschunterricht mitnimmt. Und dann die armen Kinder damit quält, eine Frage zu beantworten, bei der ich mir weder über Antwort noch über Frage sicher bin.

Ich habe nur eine Ahnung. Die Frage könnte lauten: Warum ich diesen Artikel geschrieben habe. Und die Antwort? Darum

© Ulf Runge, 2008

  1. 11. November 2008 um 03:05

    Lieber Ulf,
    ich finde, das hast Du mal wieder perfekt auf den Punkt gebracht.
    Darum plädiere ich dafür, dass das Darum-Gesetz in einer neuen Auflage einer möglicherweise verständnisvolleren Legislative neu vorgelegt und beraten wird.
    Aufgrund der Veränderung der politischen Landschaft in der EU hätte Dein Gesetzestext nach meiner Auffassung gute Chancen in den europaweiten Gesetzbüchern aufgenommen und respektiert zu werden. Neben all den bestehenden ausufernden Vorschriften und Auflagen nimmt sich das Darum-Gesetz als äußerst verständlich, durchführbar und akzeptabel aus.
    Liebe (un-)gesetzliche Grüße aus dem Isartal,
    besser und besser,
    Gaba

  2. 11. November 2008 um 10:05

    Ach lieber Ulf,

    kaum eine Woche verging, in der nicht eines meiner Sprösslinge mit solchen Klagen kam. Das heißt, das mittlerweile Sechzehn- und das Achtzehnjährige klagten nicht; die waren einfach nur stinkesauer.

    Das Jüngere hat nun für die Mittelstufe Musik statt Kunst gewählt, weil die Lehrerin als künstlerisch abgehoben gilt. Und das, obwohl das “Kind” ganze Nachmittage zeichnerisch, malerisch verbringt. “Ich lass mir doch nicht meine Lieblingsbeschäftigung verderben”, sagt das Pubi dann lapidar.

    Ich konnte sie dann nur trösten mit den Worten – ach ja, das war vor dreißig Jahren auch nich anders.

    Also meine Stimme hast du :-)

    Liebe Grüße
    Sabine

  3. 11. November 2008 um 17:48

    Lieber Ulf,

    was wäre das schön gewesen, hätte es das Darumgesetz zu meiner Schulzeit schon gegeben. So viele Kunstunterrichts- und Aufsatzschreiben-Tränen wären gar nicht geflossen.

    Liebe Grüße

    Dori :-)

  4. 12. November 2008 um 20:26

    Lieber Ulf,

    Gründe eine Partei und ich wähle dich. Und dann bringst du das Darumgesetz ein. BKA-Gesetz klingt auch nicht besser und wird beschlossen. Dergleichen Analogien gibt / gab es wohl in jedem Bildungssystem. Wir mussten uns mal eine Sonderaustellung über abstrakte Kunst im Dresdner Zwinger ansehen und dann einen Aufsatz darüber schreiben. Leider konnte ich nicht reinschreiben, dass auf den Toiletten Rauchmelder waren und wir uns unseren eigenen (Kunst) Genuss mit heimlicher Raucherei bescheren wollten.

    interpretationsfreie Grüße,

    Holger

  5. Makochou
    14. November 2008 um 18:45

    Lieber Ulf,
    sehr interessant, was man sich einerseits in Gedanken ausmalt und was man andererseits dann noch erlebt.

    Du hast einmal “Arbeitsergnisse” geschrieben, sollte bestimmt “Arbeitsergebnisse” sein, oder?

    Das “Darumgesetz” ist eine lustige Idee und sehr kreativ, was für deine ‘künstlerische Ader’ sprechen würde. ^.~

    lg Mako <~

  6. Ulf Runge
    16. November 2008 um 23:04

    Liebe Gaba,

    danke, dass macht Mut. Du hast recht,
    ich sollte gleich versuchen, EU-Recht zu schaffen.
    Dann müssen die Künstler ihre Einzigwahr-Interpretationen
    auch gleich in Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch,
    was auch immer, abgeben…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  7. Ulf Runge
    16. November 2008 um 23:06

    Liebe Sabine,

    das ist ein treffendes Stimmungsbild, das Du hier skizzierst.
    Lass uns eine Lanze brechen für alle die Pädagogen, die mit
    unerwarteten Interpretationen einfühlsam umgehen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  8. Ulf Runge
    16. November 2008 um 23:12

    Liebe Dori,

    zunächst glaubt man ja, man sei “zu blöd” dafür.
    Irgendwann einmal reduziert sich das dann auf eine Antipathie
    zwischen dem betreffenden Lehrer und einem selber.
    Schade drum.

    Übrigens:
    Ich möchte nicht tauschen mit denen, die unter hohem Zeitdruck
    mit viel Engagement sich mit den Arbeitsergebnissen der Kids
    auseinandersetzen.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  9. Ulf Runge
    16. November 2008 um 23:30

    Lieber Holger,

    was muss ich da hören vom Dresdner Zwinger Klo und der Rauchmelderei?
    Du lässt offen, ob Euer Versuch erfolgsgekrönt war…

    Ich würde ja schon eine Partei gründen,
    aber wie soll ich sie nennen?

    Liebe Grüße,
    Ulf

  10. Ulf Runge
    16. November 2008 um 23:47

    Liebe Mako,

    es ist ergerlich !!! wenn man sich verschreibt, danke für den Hinweis,
    ich habe die Arbeitergnisse korrigiert.

    Schon, dass Du das Darumgesetz lustig findest.
    Ist es auch, finde ich.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  11. Mo
    17. November 2008 um 22:42

    **Ach, dachte ich. Aha, dachte ich. Ja, dachte ich.

    Heute mehr als damals.**

    Lieber Ulf, dem habe ich nichts hinzuzufügen. ;-)

    Gruß, Mo

  12. Mo
    17. November 2008 um 22:49

    Sag’ mal lieber Ulf,
    kann es sein, dass Du noch nicht alle Deine Uhren auf die Winterzeit umgestellt hast? ;-)

  13. Ulf Runge
    17. November 2008 um 22:47

    … und bin jetzt mit hoffentlich der richtigen Uhrzeit zurück…

  14. Ulf Runge
    17. November 2008 um 23:45

    Liebe Mo,

    schön, dass Dir diese Stelle gefällt.

    Hm, und die Uhrzeit muss man hier auch umstellen?
    Dann mach ich mich mal auf den Weg…

    Liebe Grüße,
    Ulf

    P.S.: Mein nachfolgender Kommentar, dass ich nun mit der richtigen Uhrzeit zurück sei,
    ist uhrzeitbedingt jetzt nach oben gerutscht und wird wohl noch für etwas Irritation sorgen,
    aber so isses halt…

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