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Blick zurück von vorn (22.12.2013)
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Leben 303– Dienstag, 02.09.08 Nachdem die Bahn vor 5 Jahren die Servicepauschale von 2 Euro 50 eingeführt hatte, um die Kunden vom Schalter zu verbannen, auf dass sie die Automaten nutzen mögen oder übers Internet buchen, begann ein Lawine zu rollen, von der man jetzt erst erkennen kann, welche Revolution sie damals ausgelöst hat. Eine gute Nachricht war ohne Zweifel, dass die vielen Call-Center-MitarbeiterInnen, die wegen vermeintlicher Synergie- und Skaleneffekte (so schön ist sie, die kalte Sprache im Namen des Profits) ihren Job verloren hatten, nun schnell bei der Telefonseelsorge Arbeit bekamen. Es wurde eine extra Hotline eingerichtet für die Bahnkunden, die früher eigentlich nur deshalb an den Schalter im Bahnhof gingen, um endlich mal ihre Lebensgeschichte loszuwerden. Die Vertreibung aus dem Beratungsparadies hatte darüberhinaus auch den Vorteil, dass die Reisen mit der Bahn interessanter wurden. Ich erinnere mich noch an einen Samstag im Jahr 2008 als ich gegen Mitternacht von Köln nach Bielefeld reisen wollte. Statt in ein langweiliges Hotel zu gehen und am Morgen ausgeruht und frisch geduscht weiter zu reisen, nahm ich gerne folgendes spannende Angebot an:
Um der Phantasie etwas nachzuhelfen, hier ein dazu passender Routenplan aus © Google Maps:
Schlicht und einfach eine Reise, die man mir am Schalter bestimmt vorenthalten hätte. Danke, liebe Servicepauschale. Ich sprach oben von einer Lawine, die die Servicepauschale (SP im folgenden) seinerzeit ausgelöst hatte. Wie sieht heute mein Alltag aus? Ich versuche zu vermeiden, irgendeiner Geschäftsfrau oder einem Geschäftsmann auf der Straße zu begegnen geschweige denn selbige/n zu grüßen. Nur um das heutzutage übliche Begrüßungsgeld von 10 Euro zu sparen. Beim Bäcker bestelle ich nur noch übers Internet. Er legt die vorbestellte Ware in ein Schließfach, in dem es für mich – anonym und ohne jegliche mitmenschliche Interaktion – 45 Minuten lang bereitgelegt wird. SP-frei. Mein Metzger hat ebenso nachgezogen wie mein Zeitschriftenhändler. Das geht auf dem Markt nun nicht so leicht, so dass meine Marktfrau darüber nachdenkt, zukünftig nur noch vermummt zu verkaufen. Unvermummt kostet dann extra. Bei Ersterkrankungen bietet mein Arzt jetzt einen SP-freien Service an: Eliza . Eliza fragt mich mit meinen Worten, was mir fehlt und versetzt mich selber in die Lage zu erkennen, dass die schlussendliche Antwort auf meine Wehwehchen alleine ich selber weiß. Und in meinem Supermarkt hängt jetzt eine Liste aus, was es kostet, wenn man das Personal auf den Fundort folgender Artikel anzusprechen (Liste stark verkürzt): Muskatnuss ungemahlen 5 Euro Inzwischen bessern umherstreunende Kids ihr Taschengeld damit auf, indem Sie für den halben SP-Satz ihr Wissen an „lost in supermarket“ Kunden anbieten. Zurück zur Bahn. Schade, dass damals, als die Bahn die SP eingeführt hat, niemand auf die Idee gekommen ist, gute Beratung SP-frei anzubieten und darauf zu vertrauen, dass es nichts profitableres gibt als zufriedene Kunden, die man nicht extra abkassieren muss. (Oder hatte da doch jemand diese Idee?) © Ulf Runge, 2008 P.S. Und dann treibt mich noch um, ich könnte die Bahn auf diese Idee mit der SP gebracht haben, bloß weil ich hundestreichelwilligen Menschen bisweilen auf die Frage, ob man denn mal streicheln dürfe, die flapsige Antwort gegeben habe: „Einmal Streicheln: fünf Euro!“ |


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