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Eine kurze Liebesgeschichte
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Leben 293– Donnerstag, 14.08.08 Es gibt viele berühmte Liebespaare in der Weltliteratur. Besonders prominent etwa sind Romeo und Julia, wohl allen ein Inbegriff für zwei, die sich zwar gefunden haben, aber deren Zweisamkeit sich nicht gerade komfortabel gestaltet. Die Gründe seien mal egal. So auch die beiden unmittelbar vor mir. Ein ungleiches Paar. Untrüglich spüre ich, dass sich die beiden da vor mir gesucht und gefunden haben müssen. Der Zug ist proppenvoll, die Sommerhitze bringt das Versprechen vieler 24-Stunden-Deos zum Schmelzen, so dass man dankbar ist für die wenigen Fenster, die im nichtklimatisierten Nahverkehrswaggon halb oder ganz runtergezogen sind. Einem Hauch von Fahrtwind gelingt es immer wieder, den einen oder anderen Schweißtropfen wegzudampfen. Zurück zu unserem Liebespaar. SIE verträgt wohl keine Zugluft, und für so eine Person ist Zugfahren natürlich ein schauriges Unterfangen. Wohl auch deshalb hat sie sich mir gegenüber hingesetzt, entgegen der Fahrtrichtung, mit dem Rücken neben der dann jetzt doch erwähnt werden wollenden Waggontür, die zusammen mit IHR ja genau unser Pärchen ausmacht, von dem hier nun die Rede sein soll, von dem ich schon ahnen ließ, dass es sich zwar gefunden haben mag, die Liebe aber doch beschwerlich ist. Bevor der Zug nun also aus dem schattenspendenden Bahnhof in die Abendschwüle entweicht, greift ein zierlicher, viel zu kurzer Arm nach dem Griff der noch offenen Tür. Und schiebt diese mit vollem Körpereinsatz zu. Ein spontaner Ganzkörperschweißausbruch ob der nun unterbundenen Frischluftzufuhr stellt sich bei mir ein, und so hoffe ich nun auf jene schlecht oder gar nicht erzogenen Flegel, die die Türen nicht schließen können. Sie kommen! Flegeln wie erhofft! Danke, Euch! Ein herrlich angenehmer Luftzug bringt wohltuende Zugluft. Ein nicht aufgebenwollendes, zierliches Händchen schiebt die Tür wieder zu, wobei sich der zum Händchen gehörige Körper beim Zuschieben schraubenförmig in die Höhe windet, um dann erschöpft auf den Sitz zu sinken. Nun ist es an dieser Stelle nicht ganz unwichtig zu wissen, dass so eine Tür bisweilen auch eine eigene Meinung haben kann. Und so schlägt sich der nur augenscheinlich leblose Gegenstand – ohne erkennbaren Grund – auf meine Seite. Ein bisschen zumindest. Sie geht von alleine auf, die Tür. Einen kleinen Spalt wenigstens. Danke, Tür, Du! Während viel zu kurzer Arm und viel zu kleines Händchen nicht locker lassen in ihrem gerechten Kampf für eine Verschlusssache, gelingt es sporadischen Flegeln und autonomer Tür immer wieder, mir für Sekunden Lebensgefühle zu vermitteln, die zwar weit weg von „Luxus“ bezeichnet werden müssen, aber doch als erleichtert empfunden werden dürfen. Ich sehe der Dame gegenüber in die Augen, blicke zur Tür. Glücklich Verliebte sehen anders aus! Nach der ersten Station muss ich feststellen, dass der Türflegeltourismus leider verebbt, da sich das Sitzplatzangebot nun wieder vergrößert hat. Die Tür ihrerseits beschließt, nicht mehr länger am Casting für die nächste Urigellershow teilzunehmen, bleibt also trotzig verschlossen, so dass noch vor der zweiten Station mein Bewusstsein verliere und in tiefes Transpirationskoma falle… … um Minuten später von einem Anfahrruckeln aufgeweckt zu werden: SIE ist weg! Die Tür dagegen ist völlig überraschungsfrei noch da, steht sperrangelweit offen und bleibt es auch für die verbleibende Fahrt, so dass einer Wiederaufnahme aller lebenswichtigen Funktionen nichts mehr im Wege zu stehen scheint. © Ulf Runge, 2008 |


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