Suggestiver Rausschmiss

Leben 292– Mittwoch, 13.08.08

Kleine Eisenbahnlehre:
RB = Regionalbahn, hält prinzipiell überall;
RE = Regionalexpress, hält nur an bedeutsameren Stationen.

Nun wohne ich in einem Ort, an dem seit 2002 keine REs mehr halten. 2002 wurden die REs im Rahmen von „Konsolidierungen“ total abgeschafft, was mich damals veranlasste, mit vielen anderen auf die Barrikaden zu gehen, sprich bürgerinitiativ zu werden. Die Pendler in meinem Ort waren eine wesentliche Zelle des Widerstands, darf man mit geschwellter Brust sagen. Und: Wir waren nicht ganz unbeteiligt, dass sie seit 2004 wieder fahren, die REs.

Aus fahrplantechnischen Gründen gibt es genau eine Ortschaft, in der die „neuen“ REs nicht mehr halten. Meine. Soweit zum Pyrrhus-Sieg bezüglich wieder fahrender REs.

Heute Abend wollte ich eh in der Nachbarstadt einkaufen gehen. Also bin ich gleich am Morgen dorthin mit dem Auto. Bin von dort mit dem Zug weggefahren. Und wollte sozusagen im Geschwindigkeitsrausch am Abend mit dem RE dorthin zurückfahren.

Feierabend.

Ich bin dann auch wirklich in den RE eingestiegen auf der Rückfahrt. Finde neben einer fensterplatzsitzenden, buchlesenden Dame eine Sitzgelegenheit.

Wie gesagt. Sie liest. Ich? Laptoppe. Hochsensibel, wie ich zu sein glaube, fällt mein Blick immer wieder auf ihr Buch. Nein, ich lese nicht mit. Ich will nur wissen, liest sie noch? Oder will sie gleich aussteigen? Oder neugierigerweise: Schläft sie gerade ein? Oder beobachtet sie mich vergleichbar augenwinklig wie ich sie?

Sie liest.

Ich laptoppe.

Die zweite Station liegt hinter uns, als ich Veränderungen bemerke. Das ist kein Lesen mehr, was sie da tut. Übersprungsverhalten. Würde ich das nennen. Nein, jetzt also doch, ja, richtig, jetzt klappt sie es zu.

Und? Sie steckt es ein, ihr Buch, in ihre Handtasche (!).

Klar, sie will aussteigen, denke ich. In ca. 15 Sekunden sind wir an der nächsten Station. Sie macht noch keine Ich-will-aussteigen-Gestik. Sie sollte aber, sonst wird es stressig. Denke ich mir.

Gut, dass ich so feinfühlig bin. Ich frage sie, ob sie nicht aussteigen möchte. Eine Mischung aus „Ja“ und „Wie bitte“ guckt mich an, ich mache ihr den Weg frei, sie steht auf, geht zur Waggontür.

Die Station kommt.

Der Zug fährt durch.

Durch? Aua! Wir sind ja in einem RE. Das heißt ich habe der Dame das Aufstehen-zum-Aussteigen eine-zwei-drei Stationen, drei sehr lange Stationen, zu früh angeboten. Sie hätte gut und gerne noch fünf Minuten sitzen können.

Ach wie schön, dass ich so höflich und zuvorkommend bin…

© Ulf Runge, 2008

  1. 14. August 2008 um 01:07 | #1

    Lieber Ulf,
    Du hast der Dame ja nur angeboten aufzustehen. Die Entscheidung hingegen hat sie selbst getroffen. Sie hätte sich ja auch wieder hinsetzen können, nachdem sie den Irrtum bemerkte. …aber vermutlich fand sie es ganz angenehm ein paar Minuten ruhig stehen zu bleiben und dabei aus dem Fenster die vorbei rauschende Landschaft zu betrachten.
    Nächtliche Grüße aus dem Isartal,
    alles Liebe,
    Gaba

  2. 14. August 2008 um 14:45 | #2

    Lieber Ulf,

    „Sie steckt es ein, ihr Buch, in ihre Handtasche (!).“ Ja, wo denn sonst? ;-) Natürlich in ihre Handtasche. :D

    Und tja, so kann es gehen, wenn man besonders zuvorkommend sein will und sich den Kopf anderer zerbricht. ;-) Aber schließlich hat sie ja niemand gezwungen aufzustehen. Vielleicht war sie ja ganz froh, endlich deinen beobachtenden Blicken zu entkommen. *lach* *prust* Sie kann ja nicht ahnen, dass du nur ihr Bestes wolltest. Schade, dass wir ihre Gedanken nicht kennen. Wäre spannend gewesen. :D :D :D

    Herrlich, deine kleinen Zug-Erlebnis-Geschichten. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht auch öfter mal Zug fahren sollte, da scheint doch ein Sammelsurium an Geschichten auf den Gleisen zu liegen. Ein Ideenpool erster Güte. Aber um Zug zu fahren, müsste ich erst mit dem Auto, dem Bus (der hier ab und zu fährt) oder dem Taxi in den nächsten Ort fahren. Ach nee, dann lese ich lieber bei dir. ;-)

    Liebe Grüße,
    Martina

  3. 14. August 2008 um 16:50 | #3

    Lieber Ulf,

    da hat sich („unser“) Matzel ja ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt?

    Aber immerhin finde ich es beachtlich, dass er nach so kurzer Zeit nun doch andere Menschen ansprechen kann. Und mit ein wenig Übung sieht das Ergebnis dann auch anders aus :-)

    Sonnige Grüße

    Dori

  4. Ulf Runge
    14. August 2008 um 23:04 | #4

    Liebe Gaba,

    natürlich hast Du recht. Sie hat es entschieden.
    Und sie hat es wahrscheinlich genossen, anders als sonst,
    ihre Augen vom fahrenden Zug aus auf den Hügeln und Hängen
    der Bergstraße zu weiden.

    Liebe Grüße ins nächtliche Isartal,
    besser und besser,
    Ulf

  5. Ulf Runge
    14. August 2008 um 23:07 | #5

    Liebe Martina,

    dann hoffe ich mal, dass Du auch heute wieder Spaß am Lesen findest bei mir.

    Manchmal denke ich mir, es wäre einfach gigantisch, so eine Person wie die zu früh
    von mir herauskomplimentierte auf einer der nächsten Fahrten zufällig wiederzusehen,
    den Laptop aufzuklappen, sie die Geschichte lesen zu lassen, und dann zu fragen,
    was sie darüber denkt und dachte.

    Ich hoffe, dass das Gesetz der Anziehung auch hier ein bisschen helfen möge…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  6. Ulf Runge
    14. August 2008 um 23:10 | #6

    Liebe Dori,

    Du meinst, die Frage an diese Dame rechtfertigt, diesen Tag als „Kennenlerntag“ in meiner 30er-Serie verbuchen zu dürfen? :-)

    Liebe Grüße,
    Ulf

  7. 15. August 2008 um 08:47 | #7

    Lieber Ulf, so ist das, wenn man „für andere denkt“…:-) auch wenn es aus Höflichkeit ist. ICH schätze Höflichkeit sehr!

    Ich kann Dir sagen, ich wäre auch aufgestanden, hätte noch gedacht, wie nett vom dem jungen und zug-erprobten Mann, dass er mir rechtzeitig Bescheid sagt und aufgrund meiner geringen Zugerfahrung wäre ich dann ganz panisch geworden, dass der Zug gar nicht in den nächsten 2 Minuten hält:-) Ich hab nämlich beim Zugfahren immer ein wenig Schiss, dass ich die richtige Station verpasse…Also wäre ich immer froh, jemanden wie Dich im Zug dabeizuhaben…:-)

    Liebe Grüsse von einer eingefleischten Autofahrerin Andrea

  8. 15. August 2008 um 15:37 | #8

    Lieber Ulf,

    ja, ich denke, diesen Tag solltest Du getrost schon dazu rechnen.

    Sonnige Grüße

    Dori

  9. Ulf Runge
    16. August 2008 um 22:41 | #9

    Liebe Andrea,

    das freut mich aber sehr, dass Du mich als Zug-Begleiter (so heißen in Deutschland ja die Kontrolleure)
    gerne bei Dir wissen würdest…

    Danke für Deine ehrlichen Worte über Deine Zugängste.
    Sie sind wirklich berechtigt, weil die Eisenbahn in Deutschland noch viel tun kann,
    um die Informationsqualität zu verbessern.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  10. Ulf Runge
    16. August 2008 um 22:53 | #10

    Liebe Dori,

    danke für Deine Zustimmung :-)

    Liebe Grüße,
    Ulf

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