Unbekanntschaften
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Leben 291 – Dienstag, 12.08.08 Matzel gingen gerade die verschiedenen Möglichkeiten durch den Kopf, die er jüngst gelesen hatte, an denen man arbeiten könne, um seinem Leben mehr Sinn, mehr Richtung zu geben, als ihn die Überraschungsfontäne seines Gegenüber in Sekundenschnelle dazu zwang, seinen Notebook zuzuklappen. Noch mal gut gegangen, er war schneller gewesen. Verdutzt blickte ihn der Übertäter an, schaute sprachlos auf seine Sprudelflasche, um sich dann bei Matzel verlegen zu entschuldigen. „Ist ja nichts passiert, und zum Glück ist‘s ja geschmackoser (!) Sprudel, das gibt keine Sauerei!“ Sie blickten einander freundlich an, um dann ihrer Wege zu sitzen. Sein Gegenüber nahm das Gespräch mit dessen Nachbarn wieder auf, während Matzel vorsichtig den Laptop aufklappte: „Schwein gehabt!“ Jeden Tag jemand anders kennen lernen! Das war eine der 30-Tage-Übungen, die er da gelesen hatte, die man machen könnte. Abstrus, so was, dachte er. Ich kann doch nicht wildfremde Menschen anmachen. Und? War das jetzt so eine Situation, mit der der heutige Tag gerettet wäre? Ist der junge Sprudelflaschenmann seine „Bekanntschaft“ von heute? Obwohl der ja agiert hat, und nicht er. Matzel war ja gar nicht Protagonist dieser Situation. Was weiß er denn nun von seinem Gegenüber? Jung. Männlich. Aus! Nichts weiter. Keine Telefonnummer. Keine E-Mail-Adresse. „Hören Sie! Ich brauche Ihre Kontaktdaten! Nur dann ist meine Aufgabe für heute erfüllt! Interessiert Sie das? Wäre das auch was für Sie?“ Und Matzel erklärte ihm die Übung, dass man 30 Tage lang etwas an- oder abtrainieren solle. Aber Matzel sah, dass sein Gegenüber keinen Gesprächsbedarf hatte und so beschloss er, die letzten Sätze auch gar nicht gesagt zu haben. Am Endbahnhof entstieg er dem Zug, entschwand in sein Glasundstahlhochhaus, um in der Mittagspause mal eben zur Bank rüberzugehen. Nachdem er die schwedischen Kronen in Euros umgetauscht hatte, schlenderte Matzel langsam zum Ausgang. In Gedanken versunken schob er die schwere Drehtür mit maximal langsamer Geschwindigkeit vor sich her. Um auf einmal ein Gefühl von Leichtigkeit zu erspüren. Die Tür wurde schneller. Im Türviertel hinter ihm schob eine eilige Frau mit aller Kraft, so dass Matzel fast auf die Straße geschleudert wurde. „Sie hätten mich fast überholt!“ grinste Matzel die Dame an, die ihn zunächst keines Blickes würdigen wollte und lieber stechschrittig davoneilte. „Sie haben es sehr eilig, das sehe ich, ich will sie auch nicht lange aufhalten, aber ich habe da gerade einen interessanten Aufsatz gelesen, da soll man jeden Tag eine fremde Person ansprechen, und Sie werden es nicht glauben, the winner is…, also Sie!“ Inzwischen war Matzel peinlichrot angelaufen und hoffte auf Gnade bei seiner Begleitung. Als Matzel klar wurde, dass er auch diesmal gekniffen hatte, dass er auch diesmal nicht seinen Mund aufgekriegt hatte. Blöde Übung! dachte er. Der Tag bot ihm keine dritte Chance. Aber ab morgen können ja 30 neue Tage beginnen. © Ulf Runge, 2008 |


kopf hoch, matzel, morgen kriegst du’s hin
aber einfach jemanden so mir nichts, dir nichts ansprechen ist auch schwer, zugegeben. ich hab mir für heute vorerst was leichteres vor- und ein beispiel an meinem engelchen genommen: jeden menschen, dem ich begegne, anlächeln und begrüssen. man glaubt gar nicht, wie schön so ein tag alleine beim einkaufen beginnen kann
liebe grüsse,
aprikose
Liebe Aprikose,
recht hast Du: Lächeln, bis der Arzt kommt.
Und die Welt gehört Dir (bzw. mir).
Liebe Grüße,
Ulf
Lieber Matzel, äh lieber Ulf, von Null auf 100 in einer Sekunde, das ist vielleicht auch ein bisschen zuviel vorgenommen. Aprikose hat ganz recht, mit einem Lächeln für einen fremden Menschen anzufangen ist schon ganz grossartig.
Oder Du schreibst auf einem Dir bisher noch fremden Blog spontan einen Kommentar? Zählt das auch??
Deine Geschichte ist herrlich zu lesen, ich musste die ganze Zeit schmunzeln. Man sieht richtig “Gedankenblasen” über Matzels armem Kopf, wie in einem Comic, vielen Dank für den Spass an einem verregneten Morgen.
Liebe Grüsse Andrea
Lieber Ulf *schmunzel*
das hast Du sehr schön geschrieben. Ich habe so oft in meinem Leben solche Begegnungen gehabt, wo ich mich hinterher geärgert habe, dass ich nichts gesagt habe und die Person nicht angesprochen habe.
Mein Schlüsselerlebnis hatte ich auf der Heimfahrt mit dem Zug nach Hause von der Insel Föhr Anfang des Jahres (jawohl, ich bin tatsächlich Zug gefahren). Der Zug läuft langsam in den Düsseldorfer Hauptbahnhof ein, ich stehe auf, greife nach meinem Gepäck im Netz über mir, schnappe mir Schal und Mantel, und gehe in Richtung Tür. Da steht ER! Mein Traumtyp. Wirklich. Er lächelt mich strahlend an. Und ich lächel verlegen zurück. UND SAGE NICHTS! Da denke ich heute noch drüber nach. Wie kann man nur so blöd sein und denken: ich kann doch als Frau nicht den Mann zuerst ansprechen!
Seit diesem Tag quatsche ich jede/jeden an wo ich ein gutes Gefühl habe, und zwar täglich. Und das wird immer sehr gern angenommen
Sonnige Grüße
Dori
*lach*
Schöner Text, lieber Ulf.
Armer Matzel.
Na ja, wenn ich mir vorstelle, dass ich gleich jeden (bzw. einen pro Tag) nach dem Namen, der Adresse und der Telefonnummer fragen sollte, würde mir auch ganz anders. Das könnte auch ein wenig falsch verstanden werden.
Ich würde ja auch nicht jemanden, den ich gerade kennengelernt habe, alle meine Daten geben. *grins*
Liebe Grüße,
Martina
Ich finde es auch nicht einfach andere, fremde Menschen einfach so anzusprechen. Man muss sich ja nicht gleich die Anschrift und die Telefonnummer geben lassen. Die Übung lautet “kennen lernen” und nicht “eine Beziehung zu jemanden aufbauen”.
Mein Trick ist, im Supermarkt am Obststand eine noch grüne Mango in die Hand zu nehmen und jemanden zu fragen, ob er/sie weiß, woran man erkennt, dass eine Mango auch reif ist. Damit habe ich meist Erfolg.
Dir noch einen schönen Abend,
Astraryllis.
Hm, also mit dem “Matzel” wäre ich bestimmt ins Gespräch gekommen, was die Szene mit der Drehtür betrifft.
Der “Matzel” sagt also: „Sie hätten mich fast überholt!“
Ich als “eilige Dame” hätte geantwortet: “Das war ja nun wirklich nicht besonders schwer, mit solch einer Schlafmütze vor mir!”
Und wenn der “Matzel” den Mund aufgekriegt hätte, und mir dann die Story mit “dem täglichen Ansprechen einer fremden Person” erzählt hätte, dann hätte ich mich wohl lächelnd für seine originelle Ansprache bedankt und hätte ihn freundlich um SEINE Kontaktdaten, in Form einer Visitenkarte gebeten – meine hätte er aber nicht bekommen..schmunzel
LG, Mo
@all
Schön, dass Euch diese Begegebenheit so viel Spaß bereitet hat…
@Andrea
Fremder Blog? Kommentar? => Wir verlinken uns => Wir haben die Erwartung,
dass wir uns ab sofort täglich kommentieren…:-)
Gefährlich, oder?
Ich war ehrlich gesagt, Matzel heute fortzusetzen. Aber vielleicht morgen…
@Dori
Danke Dir, für Deine Bereitschaft, Dein persönliches (Nicht-) Erlebnis
hier zu schildern. Die Frage ist, wieviel Chancen haben wir?
Eine zum Lernen, eine zweite, um zuzugreifen?
Du bist das also, die alle so nett anspricht?
Matzel braucht, glaube ich, noch ein paar Tipps von Dir…
@Martina
Du outest Dich als schwer anbaggerbar.
Was natürlich Matzel erst recht auf den Plan ruft.
Demnächst mehr hier von Matzel?
@Astraryllis
Das ist der Hammer, Dein Trick.
Weißt Du was?
Da ich nicht weiß, wie eine Mango aussieht *flunker*
werde ich zukünftig an der Obsttheke eine Aubergine in die Hand nehmen
und fragen, ob das eine Mango sei…
@Mo
Schlafmütze. Mit diesem Kompliment brichst Du jedes männliche Herz.
Und das Verweigern DEINER Kontaktdaten würde Matzel wahrscheinlich zum
Stalker machen…
Liebe Grüße an Euch alle und Danke! für das schöne Feedback,
Ulf
Lieber Ulf,
“Du outest Dich als schwer anbaggerbar.”
Man darf es den Männern doch nicht zuu leicht machen, sonst verlieren sie das Interesse. 
Scheint ein sympathischer Kerl zu sein.
Mehr von Matzel? Aber bitte, gerne. Bin schon sehr gespannt, was er sich so alles einfallen lässt.
Liebe Grüße auch an Matzel,
Martina
Liebe Martina,
Fortsetzungen von Matzel gehen mir schon im Kopf herum…
Danke, dass Du ihn sympathisch findest…
Liebe Grüße,
Ulf
Lieber Matzel (Ulf)
versuche es mal mit einem lieben lächeln und möglicherweise wirst Du dann angesprochen, lächeln ist ansteckend, auch wenn es nicht zu einem Gespräch kommt, hast Du doch jemanden, wenn auch nur für einen kurzen Moment glücklich gemacht.Ich wette Du wirst in kurzer Zeit selber angesprochen.
Liebe Grüsse zentao
Lieber Zentao,
danke für den Tipp.
Du hast recht, es gibt nicht Gewinnenderes als ein Lächeln.
Zurücklächelnde Grüße,
Ulf