Mein Schreibetagebuch: “Leben”

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Unter ständiger Beobachtung

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Leben 283 – Samstag, 26.07.08

Ich hatte gerade bezahlt an der Kasse, mein Wechselgeld schon in der Hand, als mir einfiel, dass ich ja mal fragen könnte, ob sie denn inzwischen eine neue Treuebonusaktion hätten.

Ja, sie hätten. Geschirr, glaubte ich verstanden zu haben, nickte der Dame zu, ja, ich wollte Treuepunkte.

„Die ist neu für mich, die Aktion.“ smalltalkte ich der Kassiererin zu, worauf sie laut erwiderte: „Für uns ist die auch neu!“ Wir lächelten einander zu, für uns beide war diese Aktion neu. Belanglos. Aber Grund genug, einander ein Lächeln zu schenken.

An dieser Stelle sei bemerkt, dass wir immer unter Beobachtung stehen. Von Menschen, die uns kennen und uns unverhofft über den Weg laufen. Von Vorsicht-Kamera-Kameras. Von Überwachungskameras. Von uns selbst. Von Gott.

Menschen, die uns kennen und uns unverhofft über den Weg laufen. Da ist es gut, wenn man sich in keiner erklärungsbedürftigen Situation befindet. Das soll jetzt jedoch im Folgenden nicht weiter Gegenstand sein.

Vorsicht-Kamera-Kameras. So eine Situation hat jeder von uns bisweilen schon gehabt, dass man sich gefragt hat, ob das alles hier normal ist, ob da nicht gleich einer vom Fernsehen um die Ecke kommt und alles auflöst. Das mit dem Auflösen ist mir leider noch nicht passiert. Die Frage, ob das alles hier normal ist, blieb somit oft genug unbeantwortet.

Überwachungskameras. Sie filmen mich täglich. Und bisweilen frage ich mich, wer guckt das alles an. Hierzu hatte ich ja schon einmal ein paar Skurrilitäten von mir gegeben.

Von uns selbst. Immer wieder bemerke ich, dass sich emotional schwierige Situationen dadurch leichter bewältigen lassen, wenn ich mich neben mich selber stelle. Mich beobachte beim Ichsein.

Gott. Sieht alles, habe ich als Kind gelernt. Dann meine Zweifel entwickelt, ob er (sie) wirklich alles sieht, wegen der Gerechtigkeit und so. Und dann gibt es die Momente, wo man in den Mitmenschen Gott entdeckt. Soweit hier zu Gott.

Ich war also noch im Lächeln begriffen, als die Gesamtheit aller potenziell uns beobachtender Bekannter, aller Vorsicht-Kamera-Kameras und Überwachungskameras, sowie mein Nebenmirselberich und Gott beschlossen hatte, diesen zerknüllten Fünfzigeuroschein vor mir auf den Boden zu legen und zu zählen, wieviele Sekunden ich wohl brauchen würde, ob ich zögern würde, ob ich mich vergewissern würde, dass ich unbeobachtet bin, dass ich, dass ich, dass ich…

Ich habe Euch alle bemerkt und ich habe mir gesagt: „Ihr kriegt mich nicht!“

Ich habe ihn aufgehoben, ich habe ihn angesehen, ob es sich wirklich um einen 50-Euro-Schein handelt. Ich habe Kurt Felix seine Chance gegeben, aber er kam nicht.

Innerhalb von weniger als 5 Sekunden (waren das 4 zuviel?) habe ich mich Richtung Kassenaufsicht gedreht, habe der Dame am Tresen erklärt, dass ich DEN hier soeben gefunden habe, daneben noch diesen zerknüllten Kassenbon, den habe vermutlich jemand beim Autoschlüsselrausholen verloren.

Überrascht sah mich die Dame an, nahm Geldschein und Kassenbon entgegen, ließ mich von dannen ziehen. Kurt Felix hatte ich inzwischen verdrängt, als ich mir dachte, was passiert mit dem Geld, wenn keiner kommt, weil keiner glaubt, dass jemand 50 gefundene Euro abgibt.

Zurück zur Dame. Ja natürlich, ich könne gerne meine Adresse hinterlassen, und Telefonnummer. Man werde mich anrufen, wenn sich niemand meldet.

Dass die Dame die Kohle für sich einstecken wird, schließe ich aus. Nicht wegen der Supermarktüberwachungskameras. Sondern weil ich sicher bin, dass sie sich ehrlich verhalten wird.

Und jetzt bin ich mal gespannt. Ob sich jemand meldet, und rechtmäßig das Geld zurückbekommt. Und sich vielleicht bei mir bedankt. Mit einem netten Telefonat.

Oder sich niemand meldet. Dann wüsste ich mehr als einen guten Zweck, für den ich das Geld spenden würde.

Ich bin sehr froh, dass keine Fernsehkamera plötzlich aufgetaucht ist. Und ich hoffe auch, dass Kurt Felix (oder wer macht heute die Sendung?) nicht anruft. Ich hoffe, dass sich das LEBEN meldet.

© Ulf Runge, 2008

11 Antworten

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  1. Habe etwas ähnliches erlebt wie du, nachdem Einkaufen , auf dem Parkplatz stand herrenlos ein Einkaufswagen herum, er war voll mit dem alltäglichen Kram, nicht viel aber immerhin! Jemand kaufte ein und vergaß tatsächlich die Dinge des Einkaufs ins Auto zu packen, er fuhr fort und ließ den Wagen stehen. Ich schaute mich um und dachte : Versteckte Kamera! Nix! Die Verkäuferin war sprachlos als ich ihr den Wagen brachte! Aber Der Käufer kam nicht wieder…und so wurde mir der Inhalt (Nix Frisches dabei) am nächsten Tag als Finder überreicht. Leider kenne ich keine bedürftige Familie die sich über den kostenlosen Einkauf gefreut hätte!

    bonafilia

    26. Juli 2008 um 07:32

  2. Lieber Ulf,

    wie schön, dass es noch ehrliche Finder gibt. :-) Ich glaube, die Versuchung, es einfach einzustecken ist immer da, bei dem einen sind es nur 4 Sekunden, bei dem anderen vielleicht 10. :D Dazu sind Versuchungen doch da. ;-) Wichtig ist eigentlich nur, dass man ihr widerstehen konnte. Erst am Ende der Schlacht steht der Sieger fest. Und deine Ehrlichkeit hat gesiegt.
    Ob der, der das Geld verloren hat, überhaupt nachfragt? Möglicherweise, weiß er nicht mal, wo er das Geld verloren hat.

    Unter Beobachtung. Ja, mir geht es ähnlich wie dir. Ich würde immer denken, es hat jemand gesehen. :D WEnn ich mal gegen etwas verstoße, dann fällt es auch sofort auf. Ich werde nie vergessen, wie ich vor vielen Jahren mal mitten in der Nacht, nur ein paar Meter in einer Einbahnstraße bewusst in die falsche Richtung gefahren bin, um einen Umweg zu vermeiden. Mein Exmann saß neben mir und meinte, ich könne das ruhig machen, er hätte das immer so gemacht. Er ist nie aufgefallen. Ich zögerte und das war wohl mein Verhängnis. :D Fuhr dann doch in die falsche Richtung. Jetzt stelle man sich vor, es ist mitten in der Nacht, keine Menschenseele auf der Straße, keine Autos weit und breit, ich komme aus der Einbahnstraße raus, will abbiegen, fährt ein ganz normales altes Auto vorbei. “Zivilpolizei!”, schießt es mir durch den Kopf. Wieso ich daran dachte, weiß ich auch nicht, nichts deutete darauf hin. Ich bog ab und fuhr. Und dieses alte Auto hatte wohl gedreht und ist hinter uns hergefahren und winkte mich mit der Kelle raus. Wäre ich allein gewesen, nie im Leben hätte ich angehalten, so “abgewrackt” sahen die aus. Und was soll ich sagen, es war tatsächlich Zivilpolizei. Du sieht, ich werde vermutlich tatsächlich beobachtet. *lach*

    Ja, ja, Big Brother is watching you, oder wer auch immer. :D

    Liebe Grüße,
    Martina

    Mamü

    26. Juli 2008 um 15:19

  3. Lieber Ulf, ich dachte auch als erstes “big brother is watching you” Interessante Gedankengänge, die uns da mitteilst, wann ist man wirklich mal unbeobachtet-und wenn man sich nur selber beobachtet…
    ich habe einmal eine sehr wertvolle uhr verloren -ein besonderes geburtstaggeschenk meines vaters- das armband war kaputt gegangen. ich hab beim fundbüro angerufen und dort hatte sich tatsächlich jemand gemeldet, ich bekam die telefonnumer, der finder wollte von mir sogar noch als absicherung die seriennummer der uhr und einen tag später hatte ich meine uhr wieder- selbstverständlich hab ich finderlohn dortgelassen, der vater hat das geld seinem sohn weitergegeben, denn der hatte die uhr gefunden und er beteuerte immer wieder, sein grösster wunsch wäre immer nur gewesen, dass der echte besitzer diese wertvolle uhr zurückbekommt. das war ein unglaublich schönes erlebnis. schön, dass ich durch Dich wieder dran erinnert wurde.
    ehrliche grüsse Andrea

    andrea2007

    26. Juli 2008 um 19:49

  4. Lieber Ulf,
    ein kleines Erlebnis, ohne Kamera, dafür aber das Thema des Lächeln schenkens.
    Es war ein verregneter Samstag vor einem Einkaufsmarkt. Die Leute hetzten mit ihren vollgepackten Körben zu ihren Autos und zurück. Die Männer schoben, Frauen mit den Regenschirmen hinterdrein. Böse Gesichter überall. Mich störte der Regen nicht. Ich lief, (Kindheitserinnerungen wurden wieder wach – wie wir im Regen spielten) lachend, den Regentropfen zu schauend und ganz gemächlich zu meinem Auto. Eine Frau kam mir entgegen, genau so langsam und lachend. Wir lächelten uns an, dachten wahrscheinlich das selbe. Für uns schien die Sonne, wir sahen den Regenbogen in schillernden Farben, waren trotzdem pitschnass und es war ein schöner Tag.

    Liebe Grüße,
    Holger

    Holger

    27. Juli 2008 um 11:17

  5. Lieber Ulf,
    danke dir – schon wieder so eine schöne Geschichte wie aus dem “echten” Leben!!! ;-)
    Was sagt uns das? Auch ohne anwesende Kameras – und zudem: man weiß ja nie… – immer schön lächeln :-) Denn: Man weiß ja nie…
    Herz-lich und lächelnd, Elisabeth

    Elisabeth

    27. Juli 2008 um 22:32

  6. Liebe Bonafilia,

    das ist ja heftig. Kauft jemand ein, hakt womöglich alles ab auf dem Einkaufszettel,
    hat damit seine (ja, es wird wohl ein Mann sein…) Pflicht erledigt, zahlt noch.
    Und gut.

    Er wird wohl einen guten Grund gehabt haben, warum er den Einkauf unvollständig beendet hat.

    Und zum Schluss hast Du für Deine Ehrlichkeit auch noch die gefundene Ware erhalten.
    Das ist okay.

    Bedürftige Familie? Wenn Du keine kennst, frag doch (beim nächsten Mal) die lokale DRK- oder Caritas-Geschäftsstelle. Die kennen genügend Bedürftige.

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Ulf Runge

    27. Juli 2008 um 23:17

  7. Liebe Martina,

    Du hast recht, das ist die Versuchung, die uns da sekundenlang beschäftigt.
    Du hast es sehr schön ausgedrückt.

    Danke für die schöne Begebenheit.
    Wenn ich das im Fernsehen sehen würde, würde ich sagen,
    “So etwas von konstruiert!” oder “Das passiert doch keinem Schwei…”

    Das Leben ist spannender als (Dreh-) Bücher.
    Selten ist es umgekehrt…

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Ulf Runge

    27. Juli 2008 um 23:21

  8. Liebe Andrea,

    das ist sehr schön, wenn man auf der anderen Seite der Finderehrlichkeit stehen darf.
    Und sich bedanken darf für die Ehrlichkeit des Finders.

    Danke, dass Du uns hiervon berichtet hast.

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Ulf Runge

    28. Juli 2008 um 22:00

  9. Lieber Holger,

    danke für Deine schöne Schilderung.
    Ich sehe Euch beide durch den Platzregen schlendern,
    und wesensverwandt einander zulächeln.

    Mein Wochenkalender sagt heute:
    “Lächeln heißt: der Seele ein Fenster öffnen.”
    Norbert Stoffel

    Danke und liebe Grüße,
    Ulf

    Ulf Runge

    28. Juli 2008 um 22:09

  10. Liebe Elisabeth,

    “wie aus dem echten Leben” schreibst Du.
    Sie ist wirklich passiert. Mir. Am Freitag Abend.
    Und jetzt warte ich…

    Hugs, Ulf

    Ulf Runge

    28. Juli 2008 um 23:42

  11. @Alle KommentatorInnen,

    was ist passiert?

    Ich bemerke, dass bei diesem Thema sehr viel
    Selbsterlebtes von Euch eingebracht wurde.
    Das finde ich sehr belebend und ich bedanke mich
    dafür noch einmal ganz besonders.

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Ulf Runge

    28. Juli 2008 um 23:46


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