Mein Schreibetagebuch: “Leben”

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18:33

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Leben 275 – Donnerstag, 17.07.08

Den Achtzehndreiundreißig wollte ich nehmen heute Abend, doch ich war spät dran, zu spät. Nur noch sechs Minuten Zeit für neun Minuten Weg. Oder rennen und anschließend total schweißtriefend neben angenehm riechenden Menschen sitzen und sich peinlich fühlen. Und mindestens noch weitere fünf Minuten rumhecheln, keines Wortes fähig sein.

Ich entscheide mich dafür, dass mir drei Minuten fehlen, dass ich mit dem darauffolgenden Zug fahre, dass ich eine halbe Stunde Aufenthalt haben werde. Ich sitze in Gedanken schon im Außenbereich des Bahnhofsrestaurants, überlege, ob ich mir ein Bierchen genehmige, oder heute noch joggen will, sprich Mineralwasser trinke.

18:36. Ich komme in der Bahnhofsvorhalle an, der 18:33 ist auf der Anzeigetafel schon verschwunden. Einen 18:30 würde ich noch erreichen, aber der bringt mich nicht wirklich nach Hause.

Auf dem Weg zum Bier – Oder jogge ich doch noch heute? – sehe ich an „meinem Gleis“ einen Zug stehen, der so aussieht wie „meiner“. Abfahrbereit. Türen zu. Die letzten zwei Menschen auf diesem Bahnsteig rennen gerade zum ersten Waggon, versuchen, eine Automatiktür zu öffnen. Vergeblich.

Das ist nun besonders ärgerlich. Nicht nur das Zuspätsein wurmt, sondern auch noch das Zusehenmüssen, wie der Zug gleich wegfährt.

Die eine Frau an der Tür drückt nochmal auf den Knopf, und, Wunder über Wunder, die Tür öffnet sich doch noch, auch ich erhalte noch Einlass, ich versichere mich bei anderen Reisenden, dass dies wirklich der Achtzehndreiunddreißig ist und nach weiteren fünf Minuten lässt sich die Lokomotive dann starten, deren störrisches Triebwerk mir meine fehlenden drei Minuten zurückgeschenkt hat.

Das war sie die Geschichte. Von heute Abend.

Ich verkneife mir jetzt die Fortsetzung, dass die Dame, neben der ich jetzt sitze, eventuell in zwanzig Jahren zu mir sagen wird, „Weißt Du noch, damals, wenn Du den Zug nicht mehr erreicht hättest, wären wir heute auch nicht verheiratet.“

Ich verkneife mir, die Dame anzusprechen. Ihr von meinen abstrusen Gedanken zu berichten, dass ich ja schließlich glücklich verheiratet sei, und außerdem der Altersunterschied! Und man heiratet ja auch nicht, bloß weil man zufälliger als sonst nebeneinander sitzt…

Ich stelle mir vor, wie Sie zu mir sagt, dass es einer gewissen Romantik nicht entbehre, wenn man sich später einander erzählen kann, dass alles irgendwie das Ergebnis eines Zufalls war, eines glückshaften Moments.

„Ja, das ist der 18:33.“ antwortet sie mir lächelnd auf meine Frage. Und liest weiter in Ihrem Buch.

Ich schließe die Augen, träume von schicksalhaften Verspätungen. Träume von Büchern über schicksalhafte Verspätungen. Die in schicksalhaft verspäteten Zügen gelesen werden…

© Ulf Runge, 2008

Written by Ulf Runge

17. Juli 2008 um 21:12

9 Antworten

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  1. Lieber Ulf,
    ich bin der festen Überzeugung, dass es keine Zufälle gibt. Ich finde, Du hättest “sie” doch ansprechen sollen…oder wäre es möglich, dass es einen ganz anderen Grund gibt, so dass dieser Zug auf Dich gewartet hat?
    Liebe Grüße aus dem nächtlichen Isartal,
    besser und besser,
    Gaba

    Gaba

    18. Juli 2008 um 01:12

  2. * Und man heiratet ja auch nicht, bloß weil man zufälliger als sonst nebeneinander sitzt… *
    Ich weiß nicht lieber Ulf, so abwegig finde ich diesen Grund für eine Heirat gar nicht.
    Menschen heiraten heutzutage aus weitaus abstruseren Gründen, als Deine Gedanken jemals sein werden. ;-)
    Aber ich verkneife es mir jetzt natürlich, … :-P

    Gruß Mo

    Mo

    18. Juli 2008 um 03:41

  3. Also, lieber Ulf,
    DANKE dir, mir hat die Geschichte besonders gut gefallen :-) Wie reich ist das Leben mit all diesen wunderbaren Tagträumen… Und wer weiß, welche Träume davon vielleicht doch in Erfüllung gehen :-)
    Herz-lich Elisabeth

    Elisabeth

    18. Juli 2008 um 06:34

  4. wow… wunderschöne kurzgeschichte. erstaunlich, wie man so etwas alltägliches so genial verpacken kann. die geschichte zaubert mir irgendwie ein lächeln ins gesicht :)

    gaba: stimmt schon, alles hat seinen sinn. aber ob das wirklich der war, den du siehst? vielleicht ist es, wie du sagst, ein völlig anderer, trivialerer grund, vielleicht nur, dass wir hier kommentieren ;) das leben birgt chancen und risiken, die wir als zufälle bezeichnen. aber die chance ergreifen, das müssen wir selbst.

    aprikose

    18. Juli 2008 um 10:13

  5. Neue Gesichter, bekannte “Stimmen”,
    danke an alle für Eure Anmerkungen.

    Das freut mich sehr, dass dieser als wahre Begegebenheit startende Artikel
    und in der Vorstellungswelt versinkende Beitrag Euch gefällt.

    @Gaba: Ich glaube auch, dass Aprikose richtig liegt.
    Diese Begebenheit und ihre Schilderung sollte Euch – sozusagen als Köder ausgelegt -
    wieder hier anlocken… Vielleicht…

    @Mo: Natürlich hast Du recht, dass es noch außergewöhnlichere Gründe gibt,
    warum Menschen zueinander finden. Um sich dann später zurückzuerinnern, wie verrückt doch
    die Umstände gewesen sind.

    @Elisabeth: Ich finde es schön, dass meine ungeträumten, weil erdachten und ersonnenen Träume
    :-) Dir Freude gemacht haben.

    @Aprikose: Danke für die schönen Worte. Und dass ich mit Buchstaben und Worten die Energie schaffen durfte,
    bei Dir ein Lächeln zu erzeugen… Und wie oben schon gesagt, … :-)

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Ulf Runge

    18. Juli 2008 um 22:07

  6. Ach, was kann man da für eine schöne, romantische Geschichte schreiben, lieber Ulf. Ich sehe es schon vor mir. Sie treffen sich im 18:33, ER Zug gerade noch erwischt, so ein Zufall oder Schicksal? Dann kommen natürlich ein Haufen Probleme und Missverständnisse auf und Jahre später treffen sie sich wieder im 18:33, der Zug hat wieder Verspätung und wieder ist es Zufall oder Schicksal?, ;-) dass ER den Zug erwischt. Gleich Szene, nur sind beide älter. Wie romantisch und die letzten Worte des Romans sind: „Ja, das ist der 18:33.“ Ende gut alles gut. :D Wow. Das könnte man sogar verfilmen. Super Liebesgeschichte mit Irrungen und Wirrungen draus machen. Ich sehe bereits alles vor mir. :D Wieso fahre ich kein Zug?

    Liebe Grüße,
    Martina

    Mamü

    19. Juli 2008 um 11:34

  7. Liebe Martina,

    das hat ein bisschen was von Harry & Sally, oder?

    Zu Deinem letzten Satz fällt mir noch
    - frei nach einer seinerzeit kultigen Kaffeewerbung – ein:
    Ich abe gar keine Auto, ich abe Zug…

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Ulf Runge

    19. Juli 2008 um 23:02

  8. Lieber Ulf,

    Harry und Sally? Tatsächlich? Spielt da ein Zug ne Rolle? Ich kenne nur diese eine sehr bekannte Szene. :D Oder mir ist nicht mehr in Erinnerung geblieben.

    Liebe Grüße,
    Martina

    Mamü

    20. Juli 2008 um 00:38

  9. Liebe Martina,

    nein, kein Zug. Aber sie sehen sich auch immer wieder, bis es denn endlich schnackelt.
    Welche SEHR BEKANNTE Szene meinst Du denn? :-) :-) (Nein, bitte nicht hierauf antworten…)

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Ulf Runge

    21. Juli 2008 um 00:11


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