Die Nacht vor der Nacht

Mond

Foto: © Gerd Altmann / PIXELIO

Leben 240 – Dienstag, 08.04.08

Für einen lieben Menschen…
…und für alle, die auf ihre Op warten…
…und für alle, die vor Sorgen nicht schlafen können…

So hatte er noch nie gelegen. So wachmüde. Fand keine Ruhe. Morgen würde er noch einmal so aufstehen wie immer. Diese Nacht könnte er also schlafen, wie immer. Eigentlich. Erst in der kommenden Nacht, da würde er sich wälzen müssen im Bett, vor Unruhe, vor angstvoller Erwartung.

Doch diese Unruhe der kommenden Nacht, die würde es nicht geben, weil, die würden ihm ein Medikament geben, ein Schlafmittel. Die ganzen Sorgen, der Kummer, all diese bangen Gefühle, sie würden ihm entgehen, weil man ihn ruhig stellen würde.

Deshalb lag er jetzt wach. Hier. Und jetzt. Spürte nie zuvor die Ungewissheit des Übermorgen so wie in diesem Augenblick. Ging noch einmal das Gespräch durch von heute Nachmittag. Es sei noch früh, früh genug, machte man ihm Hoffnung, begründete Hoffnung. Gut sei es gewesen, dass er regelmäßig gekommen sei, zur Vorsorge, sich nach den Blutwerten erkundigt habe.

Doch jetzt sei der Augenblick gekommen, der unvermeidbare, man werde nur das unbedingt Notwendige tun, man sei hier spezialisiert. Und auch wenn es ihm nichts helfe, das sei heutzutage ein „normaler“ Eingriff. Natürlich müsse er da selber durch. Man werde ihn aber in der nachfolgenden Zeit kompetent begleiten. Seine Chancen stünden gut. Doch die Zuversicht, die müsse er schon selber entwickeln.

Zuversicht! Das Leben wird sich verändern. Ich werde ein anderer sein. Und gleichzeitig werde ich doch weiterhin ich bleiben. Werde ich?

Der Mond blinzelte ihn durch die Rolladenspalte an, kitzelte ihn in den Augen. Hellwach setze er sich auf, beschloss den Rolladen hochzuziehen, schaute in die Vollmondnacht, spürte Tränen seinen Blick aufbrechen. Das war kein Apfelbaum mehr, den er da sah, das war der Nebel seines Lebens, schemenhafte Gesichter kamen und blieben, immer mehr, vergessen geglaubte Erinnerungen nahmen alles ein, was er zu spüren glaubte.

Bald würde sie vorbei sein, diese Nacht, und er würde kein Auge zugetan haben. Selten hatte er sein Leben so – ja, genau, in der Fernsehzeitung war er immer wieder gestolpert über dieses Wort, er hatte nie begriffen, was denn der Kritiker damit gemeint haben könnte, wenn das einzige, was diesem zu einem Film einfiel, das unscheinbare Wort „dicht“ war. Ja, dicht war diese Nacht, selten dicht seine Empfindungen. Wenn „dicht“ überhaupt irgendwo passt, dann hier, jetzt, jetzt eben.

Und während die Nacht ihre Kraft verlor, dachte er sich, die nächste Nacht wird „besser“, sie werden mir was geben. Und während der Schlaf ihn übermannte, ergriff ein unscheinbares Lächeln Besitz von seinem Gesicht, buchstabierte ganz leise „Zuversicht“…

© Ulf Runge, 2008

  1. 8. April 2008 um 11:38 | #1

    Lieber Ulf,

    schön, dass du wieder da bist. :-)

    Und: Schöner, gefühlvoller Text. Zuversicht… die müssen wir schon selbst entwickeln… Ja, so ist es wohl. *seufz* Schade, dass sie einem nicht einfach geschenkt werden kann. :-) Könnte ab und zu eine Tüte davon brauchen. Wäre im Gegenzug auch bereit ab und zu eine zu verschenken. :-)
    Aber irgendwo im Innern hat sie jeder, diese Zuversicht. Und das ist beruhigend zu wissen.

    Liebe Grüße,
    Martina

  2. 8. April 2008 um 13:22 | #2

    Lieber Ulf, ich wünsche Dir, dass Du diesen wunderbaren Text “erdichtet” hast und nicht aus eigener Erfahrung erleben musst, sei es in der ICH-Form oder in Bezug auf einen Dir nahestehenden Menschen…!
    Und wenn es doch das zweite ist, dann die besten Wünsche für einen “guten Ausgang”…Lgr Andrea

  3. 8. April 2008 um 15:04 | #3

    Lieber Herr Runge,
    ich habe diesen wunderbar geschriebenen Text gerade 2 Mal gelesen, und habe schon einen kleinen Kloß im Hals.
    Diese Nacht – die da von Ihnen beschrieben wird – liegt bei mir ein halbes Jahr zurück. Und besser hätte ich es selbst wirklich nicht formulieren können.
    Und wie heißt es immer so schön: die Hoffnung stirbt zuletzt. Und da ist sehr viel Wahres dran.
    Liebe Grüße
    Dori

  4. Christa
    8. April 2008 um 15:48 | #4

    Lieber Ulf,

    als ich diesen Text heute Morgen las bekam ich Gänsehaut. Ich kenne die Ängste der von dir beschriebenen Person nicht, kann sie aber sehr gut nachempfinden.
    Ich weiß wie schrecklich lange so eine Nacht sein kann und wie sie einem an die eigenen Grenzen bringt. Auch wenn Schlaf- und Beruhigungsmittel die Angst ein wenig nehmen, so lässt sie sich nicht völlig unterdrücken. Du fühlst dich weiterhin verzweifelt, kraftlos und müde.

    Mein zweiter Blick galt den “Tags”. Vergeblich habe ich nach “Erdachtes” gesucht.
    So wünsche auch ich viel Kraft für die besagte Nacht und ganz viel Hoffnung und Zuversicht.
    Christa

  5. 8. April 2008 um 20:59 | #5

    Wunderschön!

  6. Ulf Runge
    8. April 2008 um 23:57 | #6

    Liebe Leserinnen und Leser,
    die, die “nur” lesen, aber doch so vielclickfältig hier präsent sind,
    die, die kommentieren und mir zusätzliche Motivation geben,
    diesen Blog wieder intensiver zu führen:

    Danke für die “Treue”, sprich das ungebrochene Interesse an meinen Zeilen,
    danke für die mitfühlenden Kommentare zu meinem Versuch einer Gefühlsprojektion.

    Liebe Martina,
    das mit der Zuversicht ist wirklich das Schlüsselthema.
    Wir müssen sie wohl selber schöpfen, doch lassen wir uns gerne von anderen und unserer
    Spiritualität und Religiosität dabei helfen.

    Liebe Andrea,
    Du hast richtig geschlossen, nicht ich bin (heute) betroffen, es lieber anderer Mensch,
    dem ich diese Zeilen gewidmet habe, wird womöglich dieses Warten so erlebt haben…
    Ich hoffe, sehr bald mit ihm (auch) über diesen Text sprechen zu dürfen.
    Und weiß, dass zumindest der gestrige Tag der Op ein guter war…

    Liebe Dori,
    danke für das Mehrmalslesen.
    Ich würde gerne schreiben, dass ich mich freue, dass ich die Stimmung getroffen habe.
    Das klingt aber zu mechanisch.
    Ich versuche es noch mal: Ich bin glücklich darüber, dass es mir “gelungen” ist,
    diese besondere Situation, durch die ein(e) jede(r) von uns irgendwann einmal irgendwie alleine durch muss,
    dass ich diese Situation, ich will mal ganz bescheiden sagen, “verstanden” habe.
    Danke für diesen Kommentar! (Wir können gerne Du zueinander sagen.)

    Liebe Christa,
    immer mehr glaube ich, dass Reich-Ranicki unrecht hatte mit seiner ihm nachgesagten Äußerung,
    dass Autobiographisches keine Literatur darstellen könne.
    Nein, nicht ich bin “direkt” betroffen, zumindest nicht heute.
    Insofern ist es ERDACHT, aber ich glaube schon, dass es berechtigt ist, dass ich BEDACHTES gewählt habe.
    Danke auch Dir für die guten Wünsche. Ich glaube, sie haben geholfen.

    Liebe Renate,
    auch wenn es nur ein einziges Wort ist, zu dem Du Dich “hinreißen” hast lassen: Danke!
    Schön, dass Du wieder vorbeigeschaut hast.
    Ja, ich glaube auch, dass ein so erster Text, wenn er denn berührt, auch “wunderschön” attributiert werden darf.

    Danke an alle stillen und an alle kommentierenden LeserInnen,
    ich werde noch etwas brauchen, bis ich wieder bei Euch so vorbeischauen kann wie früher.

    Liebe Grüße,
    Ulf Runge

  7. Maria H
    21. Juni 2011 um 23:19 | #7

    Lieber Ulf !

    Es ist zwar schon etwas her seit Du diese gefühlvollen Worte der Anteilnahme geschrieben hast. Ich möchte aber trotzdem einen Kommentar dazu schreiben, weil es eigentlich immer aktuell ist. Leider !!
    Solche Situationen können uns jederzeit treffen, von einer Sekunde auf die andere. Ich habe es erlebt.
    Grenzenlose Verzweiflung und Mutlosigkeit nehmen von uns Besitz und es geht nicht immer gut aus.
    In solchen schweren Zeiten einen Menschen an seiner Seite zu haben der einem Hoffnung , Zuversicht und Beistand schenkt, das wünsche ich jedem von Herzen. Denn nichts ist schlimmer als alleine zu sein !!

    Liebe Grüße
    Maria

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