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Mein “letztes” Buch – Eine “erste” Annäherung

Ein gutes Buch
Foto: © Althea / PIXELIO

Leben 239 – Dienstag, 25.03.08

Ich lese gerade mein „letztes“ Buch. Darüber wird noch zu berichten sein. Während der witzige Titel „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ mich zum hemmungslosen Spontankauf verleitet hat, auch die Buchhändlerin zwinkerte mir zu, dass ich doch bitte trotzdem weiterhin zum Bücherkauf kommen solle, na egal, ich werde davon berichten, und diesen Satz lasse ich mal so stehen.

Und während ich dieses Buch lese, ich will noch nicht zu viel vorwegnehmen, nur so viel, passiert ne ganze Menge mit mir. Die Dimension der Zeit, des Vergänglichen, der verblassenden Erinnerung, des sich verändernden Damals, diese Dimension wird mir bei der Lektüre dieses Buches so bewusst wie bisher nur selten.

Ich bin aufgewachsener Kölner, sage ich immer, scherzhaft. Und das Aufwachsen in Köln ist schon „verdamp lang her“, die Erinnerungen werden immer schöner, immer geschönter.

Ohne das Buch von Pierre Bayard schon fertig gelesen zu haben, fühle ich, dass ich den Kauf dieses „Witzes“ teuer bezahlen muss, weil über den Humor hinaus – nur vordergründig lustig – die unfreiwillige Gehirnfunktion „Vergessen“ immer mehr meine Gedanken kreisen lässt.

Beispiel: Ich bin Führerscheinbesitzer. Will sagen, habe 1972 meinen Führerschein bestanden. Und seither auch den „Lappen“ nicht abgeben müssen. Will fragen, ob ich heute die Theoretische noch bestehen würde. Ich gebe zu, meine Antwort kommt da nicht so spontan. Und behaupte, dass mich bei der Praktischen ziemlich zusammenreißen müsste, aber das ist ein anderes Thema.

Anderes Beispiel: Ich habe Großes Latinum. Schön. Nett. Und? Kreuzworträtsel, Jauch-am-Fernseher-Gucken, aus dem Lateinischen entlehnte Wörter im Deutschen, Englischen, Französischen. Das waren die konkreten Einsatzgebiete. Will bedeuten: Da nicht praktiziert, verblasst das „Große Latinum“.

So ist es mit allem, was wir nicht täglich, nicht regelmäßig mit unseren grauen Zellen einüben. Die Dinge verblassen, verselbständigen sich. Das Gehirn schafft sich eine neue Wirklichkeit in der Vergangenheit.

Ob die Fritten am Strohhut wirklich so gut waren, wie es die Erinnerung mich glauben machen will, weiß ich nicht. Wir kamen vom Schwimmen im Müngersdorfer Stadion, waren des Fahrradstampelns müde, und dann der technische Halt an der Venloer Straße: Fritten mit Mayo und Ketchup. Und Curry. Ob die mir heute noch schmecken würden? Wohl weniger. Aber damals! Nix ging da drüber.

Und dann sind wir bei einem der zentralen Themen dieses Buches: Was weiß ich denn noch von den Büchern, die ich damals gelesen, von den Museen, die ich seinerzeit besucht, von den Konzerten, die erlebt habe. Und da wird mir so richtig bewusst, dass das geschriebene Wort es bei mir am Schwersten hat, während die Bilder und Klänge fast noch präsent sind wie damals. Oder hat selbst die mein Hirn mutieren lassen?

Soweit dieser Zwischenbericht über ein Buch, das als intellektuelle Posse geplant war und nun zu einem Meilenstein meiner Selbstreflexion zu werden auf dem besten Wege ist.

© Ulf Runge, 2008

  1. 11. April 2008 um 20:47 | #1

    Lieber Ulf,

    ich lese diesen Artikel und muss gestehen, ich stehe deinem Text mit gemischten Gefühlen gegenüber. Auf der einen Seite erwartete ich eine Rezension über ein Buch. Auf der anderen Seite sitze ich jetzt hier mit meinem Notebook auf dem Schoss und ich muss lächeln. Auch ich habe vor nicht allzu langer Zeit mein Leben reflektiert. Fand ich doch in einer Internetcommunity einen alten Bekannten, den ich vor Jahren aus den Augen verloren hatte. Der Drang zu hören, wie es ihm ergangen ist, war stärker als die Erinnerungen, warum ich ihn schlussendlich aus den Augen verloren hatte. Kurzum: Die Neugierde, eine typisch weibliche Eigenschaft würde ich meinen, siegte! Wir telefonierten. Wir lachten. Das Telefonat endete und ich begann im Bett, nachdem das Licht gelöscht war, darüber zu sinnieren, ob ich damals, als er noch ein guter Freund gewesen ist, gelacht oder geweint hätte, hätte mir jemand prophezeit, dass wir ca. 10 Jahre nach einem heftigen Streit einmal am Telefon jene vergangenen Jahre ohne einander Revue passieren lassen würden. Traurig gestimmt hat mich an dem “Wiedersehen”, dass sich in seinem Leben nicht allzu viel verändert hat. Seine Lebenssituation erschien mir heute wie damals nicht erstrebenswert. Ich könnte jetzt froh sein, sag ich mir, dass immerhin aus mir “etwas” geworden ist. Wenn ich auch nicht vom Tellerwäscher zur Millionärin mutierte, so paßte ich doch mein Leben der langsam verstreichenden Zeit an. Und gehöre ich auch nicht täglich zu den Gewinnern, so bin ich doch auch kein Verlierer! :)

    Tshalina

  2. Ulf Runge
    12. April 2008 um 23:45 | #2

    Liebe Tshalina,

    danke für Deinen ausführlichen und sehr persönlichen Kommentar.
    Es wäre zwar persönlicher, wenn ich Dir jetzt in eigenen Worten antworten würde.
    Aber Deine Ausführungen sind eine Steilvorlage, die nicht aufgegriffen zu haben
    ich mich irgendwann ärgern würde:

    Bertolt Brecht – Geschichten vom Herrn Keuner – Das Wiedersehen

    Ein Mann, der Herr K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: “Sie haben sich gar nicht verändert.”
    “Oh!” sagte Herr K. und erbleichte.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  3. 19. April 2008 um 07:25 | #3

    Hallo Ulf,

    Bertolt Brecht, lange nicht gehört oder gar gesehen! Ich glaube unsere neue Generation kennt den gar nicht mehr. Hin und wieder versuche ich mich in meiner Freizeit ja noch mit Nachhilfe. Weniger des Geldes wegen, als viel mehr aufgrund der Tatsache, dass ich gern mit “Kindern” arbeite.

    Ich stimme mit Brecht insofern überein, dass auch ich der Meinung bin, dass immer alles in Bewegung sein sollte, d.h. dass man über Dinge diskutiert und sie vor allem irgendwie und irgendwann verbessert. Ich selbst bin auch so ein Wesen, was immer auf der Suche ist nach Verbesserung (in meinem eigenen Leben) und dass stets darüber nachdenkt, wie es weitergehen würde…

    Zu den “Geschichten des Herrn K.” möchte ich anmerken, dass mein damaliger Oberstufenlehrer im Leistungskurs Deutsch meinte, es sei sinnvoll diese Geschichten zu lesen und später zu interpretieren. Ich mochte die Werke Brecht nicht so gern, zog sie aber denen von Kafka eindeutig vor. Mich stört an diesen Werken, dass Brecht das Individuum, welches mir persönlich sehr wichtig ist, reduziert und sich rein nur auf die Masse konzentriert. Ich sehe mich gern als Stück eines Ganzen, aber dennoch bleibe ich EIN ganz individuelles Stück!!! :)

    Gruß Tshalina

  4. Ulf Runge
    22. April 2008 um 00:05 | #4

    Liebe Tshalina,

    jetzt frage ich mich ernsthaft, ob Du Wasserfisch als Sternzeichen bist :-)
    Panta rei sagen die Griechen, alles fließt, und das ist nicht nur Dein Lebensmotto…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  5. 24. April 2008 um 22:07 | #5

    Nein, man sagt ich sei Waage mit einem Aszendenten Widder. :) Ich bin stets ausgeglichen, meistens charmant, fast immer diplomatisch und… ich habe eine Freundin, die sich sehr mit Esoterik beschäftigt. Ich lese, wenn ich sehr sehr gute Laune und sehr sehr viel Zeit habe im Höchstfall mal das Tageshoroskop aus der Bild, denn die gibt es morgens gratis und schaden kann es nicht. Zugetroffen ist es leider bisher noch nie! Erzähle ich dies meiner Freundin, endet es in einer Diskussion. :) Im Bezug auf unsere Himmelskörper gehöre ich zu jener Spezie, die glaubt, dass am Morgen die Sonne wieder aufgehen wird.

  6. Ulf Runge
    25. April 2008 um 00:29 | #6

    Liebe Tshalina,
    das mit dem Sonne aufgehen würde ich gerne noch ergänzen mit meiner Lieblingsplatitüde,
    wann immer sich jemand über “schlechtes Wetter” aufregt. Dann sage ich nur: “Die Sonne scheint,
    ganz bestimmt. Halt über den Wolken…”
    Und zu den Horoskopen: Die Sterne lügen nicht, da bin ich sicher. Bloß ist es so furchtbar schwer
    zu enträtseln, was sie uns denn sagen wollen…
    Liebe Grüße,
    Ulf

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