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Ruf mich an – und ich bin dran

Leben 235 – Sonntag, 16.03.08

Eine alte Frau im Rollstuhl, die von ihren Kindern nicht mehr besucht wird, ein Ehemann, der nicht davon lassen kann, ins Bordell zu gehen, eine Mutter, die den Kontakt zu ihrer Tochter verloren hat, das war die Ausbeute des heutigen Abends. Sie hatten gerade noch die Sendung nachbesprochen, jetzt ging jeder nach Hause, Martin hastete über den Hof zu seinem alten Käfer, klitschnass hechtete er in den Sitz, er startete den Motor, die Wischer kamen fast nicht nach, der Asphalt glänzte in der Nässe, spiegelte von den entgegenkommenden Scheinwerfen.

Der alten Frau hatte er nicht wirklich helfen können, nur zuhören, Trost spenden, nur die Nachbarn kümmern sich um sie, und die Pflegestation, aber das ist alles. Keine Kinder, keine Enkel, keine Nichten und Neffen. Dagegen gibt es keine Versicherung, dachte Martin bei sich, und dass ihm sowas immer noch nahe geht. Über zwei Jahre schon mache er seine Radiosendung, eine Stunde Gespräche, ganz ohne Musik, von Mitternacht bis Eins. Die Quote stieg, immer weiter, interessierte, wohlwollende Zuschriften nahmen kein Ende, um seine Zukunft brauchte er sich keine Sorgen zu machen.

Die Sicht wurde schlechter, die Wassermassen sorgten dafür, dass sein Auto endlich mal gewaschen wurde, dachte Martin bei sich, als es ihn fast aus dem Sitz riss, als er fast auf die Windschutzscheibe knallte, geistesgegenwärtig die Kupplung drückte, um dann festzustellen, dass der Motor aus war. Das Licht brannte noch, zum Glück und ließ er den Wagen an den rechten Rand ausrollen. Einige Male versuchte Martin noch, den Wagen zu starten, aber alles Essig.

Die von der Pannenhilfe meinten dann, es könne wohl zwei Stunden dauern, bei dem Regenchaos sei gerade viel los. Die Taxizentrale sicherte ihm zu, dass er höchstens eine Viertelstunde warten müsse, so dass ihm die Entscheidung leicht viel. Das Auto würde er hier bis morgen stehen lassen.

Glücklich verheiratet und dann doch nur im Bordell befriedigt? Martin ging dieser Mann durch den Kopf. Symphathische Stimme, ein Mann zum Stolzsein, ganz bestimmt. Seine Frau würde bestimmt im Fragebogen „glücklich verheiratet“ antworten. Ohne zu ahnen, dass sie mit einem Schauspieler verheiratet ist. Na ja, sind wir nicht alle irgendwie Schauspieler, setzen uns Masken auf nach Belieben? Es konnte nicht sein Auftrag zu moralisieren. Das Gespräche mit diesem Mann verlief trotzdem sehr konträr, weil es ihm gelungen war, seinen Gesprächspartner in die Gefühlslage seiner Frau hineinzuversetzen, sein Verhalten mit anderer Brille zu betrachten. Er wird sich kaum ändern, dachte Martin, als er im Rückspiegel das Taxi wahrnahm.

Die junge Frau am Steuer wahr wohl erleichtert, dass es sich bei seiner Panne nicht um eine Falle gehandelt hat, dass da wirklich jemand in Not einfach nur befördert sein will. Das sei sowieso eine merkwürdige Nacht, sagte sie zu Martin, der sich auf den Ohrwurm aus dem Autoradio konzentrierte. Merkwürdige Nacht? Wieso merkwürdige Nacht, dachte er bei sich? Wieso merkwürdige Nacht, fragte er seine Chaufferin teilnahmsvoll.

Ach! Sagte sie. Und schwieg. Lange. Bis sie ihr Schweigen aufgab. Sie habe heute eine Begegnung der dritten Art gehabt. Sie höre sehr gerne diese „Ruf mich an – und ich bin dran“ Sendung, bei der man anrufen könne, wenn man jemanden brauche, der einem zuhört, vielleicht auch einen Rat gibt. Und dann sei es ihr eiskalt über den Rücken gelaufen, sie habe geglaubt, die Stimme ihrer Mutter zu hören. Fast zehn Jahre hätten sie sich nicht gesehen, gesprochen, geschrieben, nachdem sie sich zerstritten hätten. Es sei auch egal warum, der Schmerz saß tief, sitze immer noch tief. Aber heute, als sie die Stimme ihrer Mutter, die Verzweiflung in ihrer Stimme gehört habe – Tränen schossen aus den Augen seiner Chaufferin, Martin war hellwach, half ihr den Wagen sich an den Straßenrand zu lenken, damit sie ihrem Gefühlsausbruch freien Lauf lassen könne.

Geht schon wieder, meinte sie dann, und sie entschuldigte sich, fuhr Martin nach Hause, wollte 22 Euro, bekam 25, Martin verließ den Wagen, ging zu seiner Haustür.

Drehte sich um, winkte ihr zu, winkte ihr heftig zu, sie hielt noch mal an, sah ihn erstaunt an, als er sie fragte, ob sie noch auf einen Espresso mit zu ihm hoch käme. Nur Espresso, sonst nichts.

Sie wusste nicht warum, sie ließ sich darauf ein, der Mann war bestimmt zwanzig Jahre älter als sie, drei Stockwerke, kein Fahrstuhl, er schnaufte, sie aber auch, sie war das Treppensteigen nicht gewohnt.

Er schloss die Wohnung auf, das Licht ging an, eine feuchte Zunge fing an, ihre Hand zu lecken. „Der beißt nicht, der küsst nur!“ grinste er sie an, während der Collie sie schwanzwedelnd begrüßte.

Nach diesem Todesschrecken ließ sie sich in das Sofa fallen, wobei der Collie das Lecken nicht mehr aufgab. „Espresso habe ich angeboten. Ist das immer noch okay?“ „Doppio!“ rief sie zurück. Ein merkwürdiger Typ und sie dachte sich, die Stimme, die Stimme, die… Und sah sich um, und sie blieb hängen an der Wand gegenüber, Fotos ohne Ende, Stars und Sternchen, Zeitungsartikel, und mehrfach die Überschrift „Ruf mich an – und ich bin dran!“

Gibt’s doch nicht. Zwick mich. Dachte sie. Da kam Martin mit dem Kaffeegeschirr, und sah ihren Blick gefangen an seiner Medienwand. Grinste sie an.

„Wenn Sie möchten, fahren wir nach dem Espresso noch mal ins Studio. Rufen Ihre Mutter an.”

© Ulf Runge, 2008

  1. 11. April 2008 um 20:51

    Wahrheit oder Fiktion? Solche Situationen soll es geben. Ich weiss aber nicht, ob ich so vertrauensseelig gewesen wäre. Und auch, wenn ich meine Mutter manchmal…aber nur manchmal…wie kann man eines seiner Elternteile über so lange Zeit aus den Augen verlieren?

  2. Ulf Runge
    12. April 2008 um 23:50

    Fiktion!

    Liebe Tshalina,

    natürlich würdest Du nicht so vertrauensselig sein.
    Glaubst Du heute.
    Und wenn dann der Zufall Dich in die Ecke drückt und Du Dir sagst,
    das kann doch nicht sein, da muss ich mehr drüber wissen, …
    Ich glaube, bei allem Fundament, das wir haben,
    mag es doch Situationen geben, in denen wir uns überraschen lassen…

    Wie lange man Eltern aus den Augen verlieren kann?
    Länger als Du wohl vermutest…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  3. 19. April 2008 um 07:15

    Mhmm, ich habe es mal so zur Kenntnis genommen…ich bin aber ein sehr mißtrauisches Wesen. Ich glaube kaum, dass ich mit jemanden auf ein Käffchen in die Wohnung gehen würde. Aber ich gebe dir Recht, dass ich mich auch dafür begeistern könnte, wenn es mir so richtig mies geht, einem völlig Fremden meine “Lebensgeschichte” um den Hals zu hängen. Allerdings bei einem Radiosender würde ich auch nie anrufen!

  4. Ulf Runge
    22. April 2008 um 00:01

    Liebe Tsahlina,

    die Geschichte ist natürlich frei erfunden.
    Dass Du sie für etwas abstrus hältst, bestätigt mich darin,
    dass sie wohl so hätte passiert sein können.
    Weil, das Leben ist abstrus.

    Aber die Geschichte, wie sie entstanden ist, das will ich nicht verheimlichen.
    Domian war vor kurzem zu Gast bei SWR1 Rheinland-Pfalz “Leute”; so heißt die Sendung.
    Sympathisch, der Mann.

    Und ich bin unterwegs in der Fremde, kann nicht schlafen (ich kann sonst nie nicht schlafen),
    schalte das Radio ein, Einslive heißt der Sender, Domian ist dran.
    Hat Marina am Telefon. Studentin. Hat gerade ihren Vater verloren.
    Und will Domian sagen, dass ihr Vater ihn gerne gehört hat.
    Und so gerne mit ihm mal telefoniert hätte.

    Das ist sehr verkürzt, linkshirnig.
    Das Gespräch war tränendrüsenanregend, hat mich sehr bewegt.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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