Mein Schreibetagebuch: “Leben”

Februar 8, 2008

Gabriele

Augenblick

Foto: © Wilson Urlaub / PIXELIO

Leben 204 – Freitag, 08.02.08

Gabriele. Ja, so hieß sie. Ich hatte oft von ihr geträumt. Ohne ihren Namen zu kennen. In der Phantasie hatte ich eine klare Vorstellung von ihr gewonnen. Wenn ich die Augen schloss, sah ich sie direkt vor mir.

Mit meinen dreizehn Jahren war ich voller Pubertät, Unsicherheit, dachte mir, es gibt Wünsche, die äußerst Du besser nicht. Und so hätte das noch eine Weile weitergehen können. Doch eines Tages dann stand sie vor mir. Ich rieb mir die Augen. Zwickte mich in den Arm. Es war kein Traum!

Gabriele war ihr Name. Ich hätte auch jeden anderen akzeptiert, wenn sie denn bitteschön nur genauso schön ausgesehen hätte wie die, die nun plötzlich vor mir stand.

Und es war Liebe auf den ersten Blick. Was ich außer ihrer Schönheit besonders an ihr geschätzt habe, waren ihre vornehme Zurückhaltung, ihre direkte Art, vor allem aber, ich konnte mich auf sie verlassen.

Noch heute elektrisiert es mich, wenn ich an unsere erste Berührung denke. Ich streichelte sie zärtlich, ganz zärtlich und mein Herz klopfte bis zum Hals. Meine Birne lief natürlich rot an.

Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, dann muss ich an Gabriele denken. Auch wenn wir uns inzwischen aus den Augen verloren haben, so bin ich ihr heute noch, eigentlich täglich, dankbar für das, was ich von ihr lernen durfte.

Wenn meine Mutter nachmittags arbeitete, dann waren wir schon öfter mal zusammen. Nur wir zwei. Allein in meinem Zimmer. Okay, manchmal war es auch anstrengend für mich, weil das alles noch neu war. Neu und aufregend zugleich. Ich hatte ja null Erfahrung. Ja, und bisweilen war sie auch schon mal launisch, von einem Augenblick auf den anderen, da habe ich mich dann schon gefragt, ob ich sie etwa unsanft angefasst habe. Weil sie dann nämlich total verklemmt reagierte, einfach nur noch streikte.

Das ist jetzt vierzig Jahre her, und immer noch denke ich gerne an Gabriele zurück.

Liebe Gabriele, ich danke Dir, dass ich meine Hände, meine Finger immer wieder auf Dich legen durfte, Dich streicheln, wann immer ich wollte. Ich danke Dir dafür, dass Du Dich eigentlich nie verweigert hast, wenn ich Lust hatte.

Und obwohl ich damals noch nicht wirklich literarische Ambitionen hatte, werde ich heute im nachhinein nicht das Gefühl los, dass Du meine Texte gemocht hast.

Vielleicht nicht ganz am Anfang. Als ich Dich mit meinen neo-expressionistischen Stammeleien genervt habe: „asdf jklö asdf jklö asdf jklö“. Oder auch mit dem Klassiker „qwert uiopü qwert uiopü qwert uiopü“.

Meine liebe Gabriele, Du warst eine tolle Schreibmaschine!

P.S.: Gabriele war aus Wilhelmshaven von der Firma Olympia, und wegen ihrer Schriftgröße hieß sie glaube ich „Gabriele 10“.

© Ulf Runge, 2008

12 Kommentare »

  1. Lieber Ulf …

    Nachdem ich mir die Gabriele mal so angeschaut habe, dann war sie ja auch recht simple gestrickt .. Also, genau das Richtige für einen 13 jährigen. Und naja, kaputtmachen konntest du ja auch nicht viel!

    Freue mich, dass du mich Gabi durch die Pubertät gekommen bist!

    Und jetzt willst du wissen, ob ich dir aufgelaufen bin? Pftttt …. werde ich hier mein Image zerstören?! Hab’s natürlich sofort bemerkt ;)

    Schön geschrieben! Wollte dir logische Fehler unter die Nase reiben, doch wurde nicht fündig :) Alles Wasserdicht was da steht … für einen Moment dachte ich, Gabi wäre in der Tür gestanden … aber auch da hast du aufgepasst .. *g

    LG
    Janice

    Kommentar von Janice — Februar 8, 2008 @ 3:37

  2. *goldisch* - der Ulf ein Draufgänger in frühen Jahren ;-)

    Ich kannte deine Gabriele übrigens auch bzw. die “Lehrmeister” von ihr. Die waren manchmal ganz schön biestig, ließen keinen Fehler durchgehen. Dann hieß es gnadenlos: Nochmal schreiben!

    Ach haben wir’s heut doch gut? Gibt’s die Firam eigentlich noch? Olympia, das waren noch Zeiten - schwelg!

    Lieben Gruß am Morgen
    Christa

    Kommentar von Christa — Februar 8, 2008 @ 7:36

  3. Hi Ulf,

    *lach* also ich gebe es gerne zu, ich bin dir auf den Leim gegangen. *smile* Verwundert war ich schon, über so viel “Offenheit”, dachte noch “arme Gabriele”… *lach*

    Beim zweiten Lesen, mit der richtigen Bedeutung im Hinterkopf, finde ich diese Stelle hier sehr gelungen: “Weil sie dann nämlich total verklemmt reagierte, einfach nur noch streikte.” *mussschonwiederlachen*

    Das hier hingegen hat mich beim ersten Lesen schon sehr stutzig gemacht: “Ich danke Dir dafür, dass Du Dich eigentlich nie verweigert hast, wenn ich Lust hatte.” *sorrymussschonwiederlachen*

    Hervorragender Text. Habe mich köstlich amüsiert.

    Lachende Grüße,
    Martina

    Kommentar von Mamü — Februar 8, 2008 @ 12:15

  4. Herrlich, lieber Ulf, ich hatte leider erst die Kommentare gelesen, da wusste ich natürlich schon, dass es nicht so war wie es schien…aber ich wäre dir natürlich auch sonst niemals auf den leim gegangen :-)
    ich hab schon als 9jährige eine kleine kinderschreibmaschine bekommen, ich wollte immer büro spielen. und ich war ganz enttäuscht, dass ich keine elektrische bekam, wie im büro von meinem vater…
    lgr andrea

    Kommentar von andrea2007 — Februar 8, 2008 @ 13:37

  5. >>> geschätzt habe, waren ihre vornehme Zurückhaltung, ihre direkte Art

    Eine gelungene Kombination, die ich auch schätze, wenn auch nach Lüftung des Geheimnisses auch nur eine Tasten-Kombination ;-)

    Mir gefällt der Text äußerst gut, spielt mit erotischen Phantasien (die noch viel schöner sind als deren reale Ausführung) und versetzte auch mich zurück, in den Garten meiner Kindheit, zur ersten Sandkastenliebe.

    Kommentar von Ralph — Februar 8, 2008 @ 15:17

  6. Liebe Janice,
    danke für Deine ehrliche Stellungnahme. Freut mich, wenn ich bei Dir
    ein Bild von Gabriele herzaubern konnte, um es dann, als es so richtig
    Realität werden sollte, ganz schnell zu zerstören.
    Und ganz ehrlich: Wenn Du auch nur eine Schwachstelle entdeckt hättest
    in dem Text, ich wäre Dir sehr dankbar gewesen, wenn Du sie
    (hoffentlich nicht genüsslich, sondern kollegial) seziert hättest.
    Danke.
    Liebe Grüße, Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — Februar 8, 2008 @ 23:54

  7. Liebe Christa,
    schön, Dich wieder hier zu lesen.
    Habe ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich gerade mehr schreibe
    als lese. Komme auch bald wieder bei Dir vorbei.

    Olympia Wilhelmshaven, das war German branding *brüll*
    Ja, und dann waren die pleite oder was, sind von TA Triumph-Adler aufgekauft worden,
    und die, ich glaube, denen ging auch nicht besser,…

    Meine Gabriele war eine rein mechanische, nix Strom und so.

    So schön es mit Gabriele war, das Schreiben am PC ist ungleich komfortabler, das möchte ich nicht mehr missen. Doch 10Finger-Klimpern, das habe ich mir mit Gabriele beigebracht…

    Liebe Grüße, Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — Februar 9, 2008 @ 0:11

  8. Liebe Martina,

    schön, dass Du so regelmäßig hier vorbei schaust. Danke.

    Danke für Dein ehrliches Statement. Ja, ich wollte Euch alle reinlegen. Und schön,
    dass ihr Euch nicht fein seid, zuzugeben, dass ich es geschafft habe.

    Und ich freue mich, dass ein zweites Lesen des Beitrages mindestens so viel Freude macht wie das erste…

    Zurücklächelnde Grüße,
    Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — Februar 9, 2008 @ 0:45

  9. Liebe Andrea,

    Du hast aber früh angefangen!
    Und meine Gabriele, die war auch noch mechanisch.
    Elektrische SMs habe ich erst im Arbeitsleben kennengelernt.
    Und um im Bild zu bleiben: Die IBM 96C, so hieß sie glaube ich,
    das war wirklich eine zum Verlieben! :-)

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — Februar 9, 2008 @ 12:42

  10. Lieber Ralph,

    danke für das Kompliment;
    es freut mich riesig,
    wenn ich Dich zurückversetzen konnte
    in Deine eigene Erinnerungswelt.

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — Februar 9, 2008 @ 12:44

  11. schön , wieder mal bei dir zu stöbern, ulf,!

    Kommentar von silkandpaper — Juni 8, 2008 @ 7:42

  12. Liebe MAR,

    schön, Dich wieder hier zu wissen!
    Liebe Grüße nach Berlin,
    Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — Juni 9, 2008 @ 23:20

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