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Vom Sinn des Unsinns – Eine (erste) Annäherung

14. Januar 2008 11 Kommentare

neulich erst gesehen

Foto: © modellbauknaller / PIXELIO

Leben 184 – Montag, 14.01.08

Während Andrea noch darüber grübelt, wie sie dem Zufall planvoll auf die Spur kommen kann, möchte ich heute ein paar Gedanken verlieren über Un-Sinn.

Als Kind habe ich gelernt, dass es Kräuter und Unkraut gibt. Inzwischen weiß ich, dass Un-Kraut nicht gibt, eher wohl unerwünschtes Gedeihen von Pflanzen in Kulturlandschaften. Ich spreche hier nicht von Pflanzen mit Migrationshintergrund, die einheimischen sozusagen die Arbeitsplätze wegnehmen. (Keine Angst, das wird kein Wahlkampfartikel.)

Ich spreche hier von Disteln und Brennesseln, die selbst eingefleischte Gärtner inzwischen für seltenere Insektenarten gerne stehen lassen. Es ist einfach zauberhaft, unterschiedlichste Schmetterlinge, Hornissen (ja auch diese!) und elegant tanzende Libellen durch die Lüfte gleiten zu sehen.

Uuhps! (Schreibt man das so auf Deutsch?) Ich wollte zum Unsinn kommen. Ich liebe den Unsinn. Es macht mir Spaß, (vermeintlich!) Unsinniges zu erfinden und von mir zu geben. Inzwischen ist diese (nicht von mir erfundene Technik) ja auch als Brainstorming in den Unternehmen gelandet.

Mit dem Unsinn habe ich das erste Mal seriöserweise (!) Kontakt bekommen, als auf WDR-irgendwas am späten Samstag- oder Sonntag-Abend, so genau weiß ich es nicht mehr, ich weiß nur, es war spät abends, so spät, dass ich schon im Bett sein und schlafen musste – neuer Anlauf: als ich also verbotenerweise ein Handtuch über mein Philetta-Radio gelegt habe, um zu vermeiden, dass das Licht der Radioröhren durch die Glasscheibe der Zimmertür verräterisch abstrahlt – letzter Anlauf: Das war einfach ein besondere Sendung. Da haben sich mehrere Erwachsene (!!!) ernsthaft darüber unterhalten, was denn nun besser ist: Ein Tisch mit einem, drei, vier und mehr Beinen? Natürlich wurde auch die 2er-Variante diskutiert. Und alle Protagonisten konnten überzeugen. Das Härteste für mich an der Sendung war das Lachen, das ich unterdrücken musste.

Jetzt komme ich noch mal auf meine Kunstgeschichte-Lehrerin Frau Dr. H. zurück. Ich wollte mir diese Geschichte eigentlich aufheben, bis ich das Original gefunden habe. Das Original? Oh, wir sollten mal wieder ein Bild beschreiben. Ein gewisser Warhol, Andy Warhol, hatte es gemalt. Der Warhol, der diese vier farbigen Konterfeis von Marylin Monroe neben- und untereinander gedruckt hat. Nett anzusehen. Super-Idee. Und damit ist der Reich geworden? Na ja, so was denkt man halt, wenn noch ziemlich unbeleckt ist vom Leben. Wir mussten als eine Andy Warhol-Bild beschreiben, und ich hatte richtig Bock darauf. Meine Standardnote in diesem Fach war selten besser als vier, weil ich so wahnsinnig desinteressiert tat. Und nun sollte mein großer Tag kommen. Ich schrieb nur geistigen …, das Wort erspare ich mir. ICH HÄTTE MIR EINE SECHS GEGEBEN. Es war reinster Schwachsinn und wenn ich in den nächsten sechs Monaten den Text wiederfinde, dürfen das alle hier nachlesen. Die Pointe verrate ich schon mal: Meine Lehrerin hatte mehr Humor als ich, sie gab mir eine gute Note, eine eins oder eine zwei, ist auch egal. Statt dass ich sie auf den Arm genommen habe, hatte sie den Spieß umgedreht. Womöglich hat sie begriffen – anders als ich –, dass der Schwachsinn, den ich geschrieben hatte, bedeutend mehr mehr mit dem Bild von Warhol zu tun hatte, als ich auch nur zu ahnen bereit gewesen wäre.

Und dann fällt mir noch ein schönes Gespräch mit einem Steinmetz ein. Über Beuys. Josef Beuys. Den Scharlatan unter Deutschlands bildenden Künstlern, nach meiner Einschätzung. Der mit der Reinigung schmutziger Badewannen ein völlig neues Geschäftsmodell entwickelt hatte. Köstlich fand ich auch die Lkw-Batterien, von denen die Stuttgarter mein(t)en, ich weiß nicht, ob sie inzwischen im Keller stehen, das sei große Kunst und die müssten als Ensemble ohne Tiefgang an einem der teuersten Räume in Stuttgart rumstehen. Also Beuys. Ich komme mit dem Steinmetz ins Gespräch. Er sei mal in der Schweiz in einer Beuys-Ausstellung gewesen. Da sei ein Raum gewesen. Leer. Total leer. Nix. Kein Bild. Kein Garnichts. Nur ganz hinten. Ganz unten. Ein Loch. Aus dem ganz langsam Dampf entwich. Wie aus einem pensionierten Geysir. Der Sinn der Unsinns.

Mal abgesehen, dass es Menschen gelingt, damit auch noch Geld zu verdienen, finde ich es wunderschön, vermeintlich nicht zusammen Passendes neu zu kombinieren, zu Blödsinn, Quatsch, Unsinn. Wer denn von denen, die sagen wir mal älter als vierzig sind, hätte sich denn träumen lassen, dass wir einens Tages allüberall und jederzeit erreichbar sein würden auf dieser Welt? Handy. Kennt jedes Kind heute. Nur mal so.

Unsinn hat nichts mit Sinnlosigkeit zu tun. Die vermeintliche Sinnleere von Unsinn ist unsere Chance für neue Erkenntnisse.

© Ulf Runge, 2008

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