Archiv
Fünf Minuten früher – So geht es!
![]()
Foto: © Rolf van Melis / PIXELIO
|
Leben 177 – Dienstag, 08.01.08 „Ja!“ denke ich mir. „Du lernst dazu. Langsam, mühsam, aber Du lernst dazu. Aus gestern, zum Beispiel. Theoretisch habe ich gestern nicht nur einen, sondern zwei Züge verpasst. (Praktisch allerdings auch.) Weil ich wieder mal nicht fertig wurde. Weshalb ich sogar mit dem Wagen in die nächstgrößere Stadt fahren musste, um eine noch einigermaßen vertretbare Verbindung zu erreichen. Heute läuft das schon wieder so. Noch dies gemacht und jenes angefasst. Aber nein, nein, nein! Heute setze ich ein Stopp-Signal! Den ersten Zug lasse ich jetzt bewusst sausen (ich hätte ihn nur mit hängender Zunge erreicht oder auch nicht und außerdem ohne…- na ja, davon dann später mehr). Im Gegensatz zu gestern fange ich jetzt aber nichts Neues mehr an, so dass ich ganz entspannt den nächsten Zug bekommen werde. Mit Sicherheit. Und darüber schreibe ich dann meinen heutigen Blog-Beitrag. Über das Gelassenen-Sein, über das Gelassener-Werden, über das Fünf-Minuten-früher-Losgehen.“ Denke ich so bei mir, bin gerade dabei die Wohnung zu verlassen und mache unterbewusstseingesteuert meinen letzten Taschentuch-Schlüssel-Ausweis-Portemonnaie-Handy-Check. Portemonnaie? Wo ist mein Portemonnaie? Zum letzten Mal hatte ich es, verflixt, wann hatte ich es denn nun wirklich das letzte Mal in der Hand? Gestern Abend im Zug, bei der Fahrscheinkontrolle. Aber danach noch einmal? Ich werde unsicher. Im Auto liegen gelassen! Bestimmt habe ich es im Auto liegengelassen. Weil, in der Wohnung kann es nicht sein; die üblichen verdächtigen Plätze sind wohlaufgeräumt, ein Ergebnis der Jahresendrallye 2007 „Schöner wohnen“. Ein Emergency-Programm spult in meinem Kopf ab: Gestern im Zug vergessen. Nein, beklaut worden. Auf das Autodach gelegt und losgefahren. Im Auto auf den Boden geschleudert, als ich die Kurve zur Hauptstraße sportlich genommen habe. Im Rucksack. Oder doch an meinen Lieblings-Portemonnaie- und Brillen-Verstecken? Rucksack! Ich räume ihn aus. Das Ergebnis ist mir vorher schon klar. DA KANN ES NICHT DRIN SEIN! Ich durchwühle den Rucksack, packe ihn komplett aus, wieder komplett ein. Ein Gedanke noch am Rande: Der zweite Zug ist natürlich weg. Die Geschichte schreibe ich jetzt nicht mehr. Vom Gelassensein. Wäre unglaubwürdig. Die Message „Ich habe mein Leben im Griff!“ würde ich, erschüttert durch diese morgendliche Geldbörsen-Suche, umkehren müssen. Es müsste heißen: „Es, das Leben, hat mich im Griff!“ Rucksack-Kontrolle – wie erwartet – ohne Befund abgeschlossen. Ich suche weiter in der Wohnung und im Auto herum, denke mir, wie wäre es mit einem Rucksack quality check und durchsuche jetzt auch Bereiche, die ich sonst nicht benutze. Da gibt es z.B. eine Falte, die eigentlich keine Tasche ist, und deshalb von mir auch nicht … DAS PORTEMONNAIE! Wie ist es möglich, dass es dorthin gekommen ist? (Man beachte das Subjekt im vorangegangenen Satz. Hinweis: Subjekte sind üblicherweise die Handelnden. Es, mein Portemonnaie, hat sich hier ungefragt in die Rucksackfalte verkrümelt.) Doch was schreibe ich heute nun? Über Ordnung? Eigentlich wird sie immer besser. Bis auf das Portemonnaie. Das Thema ist eigentlich ein anderes: Was muss ich abends vorbereiten, damit ich morgen durchstarten kann? Beim Bund haben wir so etwas „Alarmstuhl“ genannt. Die Wäsche für den morgigen wurde so auf einen Stuhl beim Bett drapiert, dass man bei Alarm und zwar im Dunkeln die Klamotten in Nullkommanix angezogen hatte. Ob das dann auch geklappt hat, so ohne Licht? Na ja, aus heutiger Sicht kann darüber lächeln… Also für morgen früh baue ich mir heute abend meinen Taschentuch-Schlüssel-Ausweis-Portemonnaie-Handy-„Alarmstuhl“. Und wenn ich es schaffe, mir das anzugewöhnen, dann … jetzt muss ich erst mal gucken, wann der erste Zug fährt, so um vier denke ich, nein, das schaffe ich dann wohl nicht. Ist auch nicht notwendig. Aber keinen Zug mehr verpassen, das wäre richtig gut. © Ulf Runge, 2008 |
Der Bleistift und der Radiergummi – und das Protokoll
![]()
Foto: © Kurt Michel / PIXELIO
|
Leben 176 – Dienstag, 08.01.08 Sie saßen im Meeting. Zu Beginn stellte sich die Frage, wer denn Protokoll schreiben solle. Alle hatten gute Gründe, warum sie nicht dafür in Frage kämen, als sich zwei noch nicht geäußert hatten, der Bleistift und der Radiergummi. „Ich werde das wohl oder übel übernehmen müssen, der Radiergummi ist ja nicht mal in der Lage, auch nur einen gescheiten Satz zu schreiben.“ sprach der Bleistift. Der Radiergummi hingegen war zum einen froh, dass man ihn von der lästigen Aufgabe des Protokollschreibens nun entbunden hatte, zum anderen wurmte es ihn schon, vom Bleistift so heruntergeputzt zu werden. „Ich erkläre mich bereit, das Protokoll Korrektur zu lesen!“ bot sich der Radiergummi an und erntete dafür einhellige Anerkennung. Nach der Besprechung schrieb der Bleistift zum einen ärgerlich, weil er es mal wieder tun musste, das Protokoll, zum anderen schwoll ihm die Brust, weil niemand das so gut vermochte wie er. Als der Radiergummi nun den Protokollentwurf las, wurde er ärgerlich. Hatte der Bleistift doch geschrieben: „Zu Beginn der Besprechung einigten sich die Anwesenden darauf, dass nicht der Radiergummi, sondern der Bleistift das Protokoll schreibt, weil der alleine das kann. Überflüssiger Weise bot der Radiergummi dem Bleistift die Korrektur des Protokolls an.“ Und das tat der Radiergummi, so gut er konnte: „Zu Beginn der Besprechung einigten sich die Anwesenden darauf, dass der … Radiergummi das Protokoll schreibt, weil der alleine das kann. Überflüssiger Weise bot der … Bleistift die Korrektur des Protokolls an.“ © Ulf Runge, 2008 |


Angemerktes