Warnschuss-Arrest für die Sprache

Die Zelle

Foto: © Peter Reinäcker / PIXELIO

Leben 173 – Samstag, 05.01.08

Sprache ist verräterisch. Sie verrät viel über uns, manchmal mehr als wir selber wissen. Viele Menschen benutzen heute noch den Spruch: „Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ Mir hat man mal gesagt, dass dieser Spruch aus der Demagogie von Nazideutschland stammt, seitdem verwende ich ihn nicht mehr. Bisweilen höre ich die Menschen noch vom „Lachen bis zum Vergasen“ reden, was mich dann doch sehr erschreckt.

Aber man muss ja nicht auf die anderen schauen, man kann ja bei sicher selber anfangen. Ich hatte mal eine Klasse von Erwachsenen zu unterrichten, es ging ums Programmieren, es ging darum, dass es auch schon mal in der Praxis vorkommt, dass die realisierte Lösung ziemlich weit weg ist vom beauftragten Arbeitsergebnis, dass man halt auch schon mal „einen Türken bauen“ müsse. Ich lächelte noch in die Klasse hinein, als ein kleiner Schüler in der letzten Reihe aufstand, und mich darum bat, ihm zu erklären, was das denn sei. ER SEI TÜRKE! Ich wäre am liebsten in den Boden versunken, bat um Entschuldigung ob meiner Gedankenlosigkeit, erklärte ihm die Bedeutung des „Türkenbauens“. Hinsichtlich der Herkunft hatte ich Zweifel, ich vermutete die Entstehung so um die Zeit, als die Türken vor Wien standen. Was womöglich falsch war. Wen die gängigen Erklärungen interessieren, kann hier gerne weiterlesen.

Aus der Zeit des Kalten Krieges kommt ein Begriff aus der Soldatensprache, der gerne dann angewendet wurde, wenn man irgendwo eine chaotische Situation vorfand. Etwa wenn Informationen über Sachverhalte widersprüchlich sind. Dann hat man schon mal gerne gesagt, dass das alles (absichtlich) nur „zur Verwirrung der Russen“ sei. Peinlich, wenn einem, also mir, das im Gespräch mit einer in Russland geboren Person rausrutscht.

Ich habe als Kind Negerküsse gegessen, den buchstäblichen Spiegelspruch „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie“ gelernt [Gibt es für die heutige Jugend denn wenigstens einen Ersatz-Satz?], bin erschrocken, als mich ein farbiger Busfahrer in breitestem Schwäbisch begrüßte, und habe erst als Erwachsener gelernt, dass die Lappen Samen sind und die Zigeuner Szinti.

Aus Ausländern und Gastarbeitern sind inzwischen Mitbürger mit Migrationshintergrund geworden. Sprache verändert sich mit den Generationen, aber nicht von heute auf morgen. Ich glaube, die Stifte sind wirklich ausgestorben, die Lehrlinge leben immer noch, und die Auszubildenden werden immer mehr.

Und da es typisch deutsch ist, alles für typisch deutsch zu halten, kann uns ein wenig beruhigen, dass den Spaniern russisch vorkommt, was uns spanisch vorkommt.

So, und jetzt ist das Jahr keine fünf Tage alt und ich glaube, wir haben schon einen ganz heißen Kandidaten für das (Un-?) Wort des Jahres 2008: DER WARNSCHUSS-ARREST.

Ich überlasse es den politisch sich äußernden Menschen, ob sie das, was damit gemeint ist, nun für gut, richtig und notwendig halten, oder nicht.

Ich glaube aber, dass wir aufpassen müssen, dass unsere Sprache nicht in den Warnschuss-Arrest genommen wird. Schon einmal KOCHte die Volksseele, als man ihr dann versprach, BRUTALST MÖGLICHE AUFKLÄRUNG statt finden zu lassen. Für viele Menschen ist diese Phrase zu einem Paradebeispiel für die (Nicht-) Glaubwürdigkeit von Politikern geworden.

Nachdem es um den Bundestrojaner still geworden ist – es gibt Dinge, über die redet man nicht, die tut man -, setzen die Wahlkampfdemagogen zum finalen Rettungsschuss auf die Sprache an. Aus wohlunterrichten Vierecken liegt uns ein Fax vor, das wir schon einmal in Auszügen veröffentlichen. Da es sich um ein Geheimpapier handelt, bitten wir um vertrauliche Behandlung!

Verlängerung der Laufzeit für Atomkraftwerke:
Atomausstiegs-Schmelze.

Reduktion der Beamtengehälter um 10%:
Eigenständiger Tarifvertrag für unkündbar Bedienstete

Streichung der Pendlerzulage:
Primat des Regionalprinzips

Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 20%:
Komplexitätsreduktion bei der Rechnungserstellung

Reduzierung der Personalbemessung für die Polizei:
Förderung der bürgerlichen Zivilcourage

Einführung einer Straßennutzungsgebühr für Personenkraftwagen:
Förderung des eigenverantwortlichen Umgangs bei der Instandhaltung schienenungebundener, terrestrischer Verkehrsinfrastrukturen

Themawechsel. So ganz nebenbei habe ich bei der „Recherche“ zu diesem Thema eine Internet-Seite gefunden, die ich hochinteressant finde: www.trupoli.com. Hier findet man Politiker aus dem Spektrum der bedeutenden politischen Parteien beschrieben, mit Zitaten und Quellenangaben ihrer Äußerungen zu politischen Themen. Die Kommunalpolitik und freie Wählergemeinschaften sind hier nach meinem Eindruck (noch) nicht repräsentiert. Wer aber ganz gezielt nach Äußerungen zu bestimmten Themen sucht, wird hier fündig werden.

Und man kann dort Mitglied werden, Politiker bewerten, politische Netzwerke aufbauen, informiert werden, wann immer irgendjemand bestimmtes irgendetwas neues gesagt hat. Man kann.

© Ulf Runge, 2008

  1. corax
    6. Januar 2008 um 16:12

    Schöner Beitrag. Hat mir gefallen, ich mach mal ein Lesezeichen hier rein.

    Darf ich mal tippen?

    Einmal zur Euphemismustretmühle:

    http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2007/12/27/auf-der-konnotativen-leiter/

    Und einmal zu Trupoli:

    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/194/ein-trojanisches-pferd-im-politischen-web-20

    Glück auf!

  2. Ulf Runge
    6. Januar 2008 um 20:50

    Liebe(r) corax,

    danke für das wohlwollende Feedback.
    Wegen der zwei Links wurde der Kommentar in die “Warteschleife” geschickt, deshalb ist er auch erst seit kurzem zu sehen.

    Link zum Sprachblog: Wow, das ist gut, was da geschrieben wird. Da muss ich mich mal umsehen, das scheint ja ein höchst interessanter Blog zu sein.

    Link zum Spiegelfechter: Ich muss gestehen, es ist mir nicht ganz leicht gefallen, den Link auf trupoli in den Artikel einzubauen. Der Artikels des Spiegelfechters bestätigt die Grundweisheit, dass “no lunch for free” ist, und das erst recht in der Politik.

    Danke für beide Hinweise.
    Ich freue mich auf weitere Kommentierungen.

    Viele Grüße, Ulf Runge

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