Als Merkel noch Max hieß – oder: Drei IT-Geschichten
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Foto: © Andreas Preuß / PIXELIO
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Leben 170 – Mi 02.01.08 Es war die Zeit, als Merkel mit Vornamen noch Max hieß und Tschaikowski Cajkovski geschrieben wurde. (Sorry, diesen Fußballkalauer konnte ich mir nicht wirklich verkneifen.) Erste Geschichte. Da saßen wir an unseren PCs, die damals noch recht dumm waren, und Terminals hießen. Da war nichts mit Speichern auf DVD oder Festplatte, der Speicher stand irgendwo in Holland. (So sagten wir damals. Jetzt hoffe ich nur, dass das Ijsselmeer auch wirklich in Holland liegt, halt so wie der Chiemsee in Bayern…) An unseren Datensichtgeräten, so hießen die Terminals auf Handbuchdeutsch, programmierten wir wichtige Dinge. Programmierer programmieren immer ganz wichtige Dinge. Und weil sie dem Braten nicht trauen, ob jemand ihre Arbeit Ernst nimmt, machen sie hier und da mal einen kleinen Fehler rein, dann erfahren sie, ob auch jemand das Programm benutzt. Aber das ist eine andere … … zweite Geschichte. Obwohl, eine lustige. Ich hatte gerade mein erstes Programm in meiner ersten Firma beim Kunden abgeliefert und war natürlich gespannt wie ein Flitzebogen, wie der Auftraggeber es denn nun „finden“ würde. Irgendso ein „Aber, super!“ hatte ich schon erwartet. War es doch mein Erstling. Wobei, eine „Geburt“ war es dann doch schon gewesen. Aber das ist eine… … dritte Geschichte. Natürlich war ich nicht fertig geworden. Programmierer werden nie rechtzeitig fertig. Nein, nicht wegen des Programmierens. Das geht fix. Auch nicht wegen des Testens. Das geht am besten, wenn das Programm bereits in Praxis ist, da erhält man ja unheimlich viel Feedback. Nein, am längsten dauern so Sachen wie: „Wie nenne ich mein Programm?“ „Nehme ich Sterne oder Pluszeichen als Rahmen für die Kommentare?“ „Wie kann ich das Programm noch ein bisschen komplexer gestalten, damit es außer mir niemand versteht?“ Also, ich war nicht fertig. Der Kunde ruft an, wo das Programm bleibe. Dazu musste es auf ein Magnetband gezogen werden. Das waren damals so runde Dinger, die man immer im Fernsehen ruckeln sah, wenn man von Computern und Mondlandung berichtete. Ab Werk waren die Bänder nicht zu gebrauchen, man musste sie vor Benutzung formatieren. Und so funktionierte das: Woche 1: Kunde ruft an. Der Herr X. ist morgen wieder im Haus. Dann ist der Herr X. also wirklich wieder im Haus, nimmt ein fabrikneues Band, tut es in ein Postpaket und gibt es am späten Abend zur Post. „Ist noch nicht bei Ihnen eingetroffen? Ja, ja, die Post! Morgen ist es bestimmt bei Ihnen.“ Dann packt der Kunde aus, merkt das Problem, reklamiert, man entschuldigt sich vielmals. Woche 1 ist rum. Woche 2: Das bereits rudimentär existierende Programm (der Name steht schon fest!) wird auf ein frisch formatiertes Band gespielt. Leider gibt es verschiedene Schreibdichten, und leider wählt man eine, von der man weiß, dass der Kunde die bestimmt nicht kann. Postweg. Telefonate. „Verstehen wir aber gar nicht!“ Welche Schreibdichte denn der Kunde könne. Ach so, das habe man leider anders in Erinnerung. Woche 2 ist rum. Das Programm fertig. Sprich die 10 unabsichtlichen und die 2 absichtlichen Fehler sind drinnen. In Woche 3 erkrankt dann irgendwelches Personal, am Ende von Woche 3 bringt man das Band persönlich beim Kunden vorbei, Flasche Wein dabei oder so. Egal. Kunde glücklich. Programm fertig. Der Test in Praxis kann beginnen. So jetzt bin ich wieder bei meiner zweiten Geschichte. Das Programm, mein Erstlingswerk war also ausgeliefert. Und nichts! Gar nichts! Keine Anerkennung. Keine Fehlerreklamation. Da ich noch nicht sehr erfahren war, vermutete ich den unwahrscheinlichen Fall, dass mein Programm restlos fehlerfrei war (bis auf die zwei absichtlichen) und zur höchsten Befriedigung des Auftraggebers schnurrte. Ich hatte inzwischen weitere Auftraggeber mit meiner Arbeit beglückt, als mein Chef mich nach drei Monaten zu sich rein bat. Der Kunde meines Erstlings habe soeben angerufen. „Und? Die sind zufrieden, oder?“ entfuhr es mir. Er holte zwei Cognacschwenker herbei, schenkte uns ein, wir stießen an, dann sagte er mit ruhiger, fast väterlicher Stimme, dass ihm das noch nie passiert sei. Der Kunde sei schon lange unser Auftraggeber, aber so fassungslos habe er den Organisator bei denen noch nie erlebt. Wir hätten jetzt eine Woche Zeit mal zu überlegen, warum denn seit Jahren alle Programme bei denen mit 80 K (was auch immer das sein mag) Speicher auskämen, nur meines könne man nicht starten. Sie hätten mal versuchsweise das Zehnfache an Speicher zusammengekratzt, erst dann sei ein Arbeiten möglich. Erst jetzt fiel mir die Blässe im Gesicht meines Chefs auf, und der letzte Schluck Cognac war sozusagen der Kick-Off für eine sehr arbeitsintensive Woche. Eine harte Woche, doch auch die ging vorbei, und ob ich es geschafft habe, auf 80 K runterzukommen, weiß ich nicht mehr so genau, irgendwie habe ich es überlebt. Wann immer man dann später in der Firma über „historische Projekte und Programme“ redete, mein Programm war mit Sicherheit dabei. Es war also die Zeit der Terminals, um auf die erste Geschichte zurückzukommen, und die Großrechner und ihre Speicher standen (in dieser ersten Geschichte) am Ijsselmeer (hoffentlich in Holland). Und dann eines Abends, so kurz nach sechs, ging nichts mehr, die Leitung war tot. Mittendrin in der Arbeit, Stunden geistiger Anstrengung womöglich unwiderruflich verloren. Wir riefen in Holland an, nein, nein, die Systeme würden alle gut laufen. Keine Probleme. Dann kann es nur das Netz sein, dachten wir. Anruf in Stuttgart. Nein, nein, alle Leitungen seien okay, alle Maschinen funktionierten einwandfrei. Ratlos sahen wir uns an. Was konnte die Ursache sein? Nun muss man wissen, dass mehrere Datensichtgeräte an eine gemeinsame sog. Steuereinheit angeschlossen waren, und wo die stand, da hatten wir null Ahnung. Wir gingen zum Empfang, und der Sicherheitsdienst ging mit uns eine Etage höher in den Technikraum. Unterwegs trafen wir noch Reinigungspersonal, das mit viel Elan und einem ohrenbetäubenden Staubsauger den Teppichbodendreck gleichmäßig durch die Luft wirbelte. Die Tür zum Technikraum stand auf, die Steuereinheit war stromlos, ihr Anschlusskabel lag neben der Steckdose. In selbiger wiederum steckte das Kabel, das zum Staubsauger gehörte. Na ja, so war das. Das ist halt eine alte Geschichte, die so oder ähnlich heute bestimmt nicht mehr passieren könnte. © Ulf Runge, 2008 |


Wunderbar beschrieben.
Nee, nä. Also, das klingt ja wirklich wie die Blondine, die mit Tipp-Ex die Tippfehler auf dem Bildschirm übermalt.
Dagegen ist meine Geschichte ja gar nix, haha.
Ich wundere mich allerdings immer wieder, dass auch die hochkomplizierteste Technik letztlich nur an einem Stecker hängen kann.
Sehr schön geschrieben.
Übrigens: das IJsselmeer liegt tatsächlich in Holland.
LG
Barbara
Lieber Refu,
merci vielmals,
liebe Grüße, Ulf
Liebe Barbara, das wahre Leben ist oft unverkäuflich als Drehbuch für eine Soap: Unrealistisch! Konstruiert! Ja, das Leben!
Hochkomplizierteste Technik, die nur an einem Stecker hängt? Mag sein. Aber wie machen das die Raumfahrer?
Danke für Dein Kompliment.
Holland? Wirklich? Habe ich ein Glück! Danke.
Liebe Grüße, Ulf
Schöne Geschichte und so hilfreich, denn diese Seite hat schon einen gewissen Seltenheitswert, zumindest für (jüngere) Leute die seit ca. einer halben Stunde wissen möchten, was denn nun wohl ein “Datensichtgerät” ist bzw. war. Zuerst ist man erfreut, daß die Datenkrake sogar ca. 13000 Treffer auswirft und dann hat man es nur mit seltsamen Patentschriften und sonstigem Datenmüll zu tun… Schließlich bin ich hier fündig geworden und meine Wissensgier ist befriedigt. Werde gleich morgen mal im Elektrofachhandel ein “LCD-Datensichtgerät” kaufen, denn solch ein schönes Wort könnte doch den schnöden Monitor vortrefflich ersetzen. Da könnte der Fachhandel bestimmt auch gleich einen höheren Preis für verlangen…
Gruß, Marc
Lieber Marc,
da freu ich mich aber, wenn ich zu Erhaltung und Verbreitung
ausgestorbener Wörter meinen Beitrag machen durfte…
Liebe Grüße,
Ulf
Hallo Ulf,
eine sehr schöne Geschichte die wir so, oder auch etwas anders, schon selbst erleben durften
Manche Putzkräfte sind eben so gründlich, dass sie auch die Stecker und Tasten aller Geräte mit abwischen müssen. Musste auf jeden Fall lachen und bedanke mich für diese Geschichte
Grüße
Daniel
Lieber Daniel,
schön, dass Dir die Schilderung gefallen hat.
Und dass Du Ähnliches auch schon erlebt hast.
Hinterher lacht man drüber.
Und hat was zu erzählen.
Liebe Grüße,
Ulf
Lieber Ulf,
was für eine wunderbare Geschichte!
Und ich gestehe, dass sie für mich durchaus Erinnerungswert hat, kann mich noch lebhaft an solche Zeiten erinnern, auch wenn das – mein Gott ist das lange her!
Und ich bin dann wohl ein verdammt alter Knochen…
Lieber Gruß
Michael
Lieber Michael,
nein, Du bist kein alter Knochen.
Bloß weil Du früher beim Telefonieren eine Wählscheibe gedreht hast…
Die Sache mit dem Steckerziehen, um Staub zu saugen, die könnte doch heute auch noch passieren, oder?
Obwohl, wenn ich mein Führerscheinfoto angucke, und wahrscheinlich Du das Deinige…
Das wäre doch eine schöne Idee für ein Stöckchen, oder. Das eigenen Führerscheinfoto posten, und ein paar Gedanken, die einem zur Prüfung einfallen, zur Zeit damals, was auch immer. Wer von uns beiden macht das, Du oder ich?
Oder jemand anders, die oder das hier mitliest?
Gespannt bin.
Liebe Grüße,
Ulf
Lieber Ulf,
klar bin ich ein alter Knochen, nicht nur weil ich mit Scheiben telefoniert und mit Lochkarten programmiert habe.
Das Führerscheinfoto untermauert meine Behauptung noch. Wenn ich dran denke…
Ob das für ein Stöckchen taugt, weiß ich nicht so Recht. Obwohl – warum eigentlich nicht. Entsprechende Fotos und die dazu gehörigen Erinnerungen wären sicher erheiternd. Ich begeb mich am Wochenende mal auf die Suche nach meinem Führerschein.
Lieber Michael,
in unserem Alter, ich sozialisiere unsere Geburtstagsdatümer einfach mal, gibt es Hoffnung.
Durch die Erfindung des biologischen Alters kann man sich jetzt endlich auch mit Hilfe eines objektiven Verfahrens
so jung fühlen, wie man sich fühlt…
Du suchst Deinen Führerschein? Ich habe meinen immer “am Mann”… *lach*
Liebe Grüße,
Ulf
Lieber Ulf,
das biologische Alter ist ja eine netter Erfindung, aber nach einem anstrengenden Wochenende fühle ich mich heute wie 65. Mindestens.
Dass ich meinen Führerschein suche, finde ich jetzt aber nicht zum Lachen, sondern äußerst ernst. Da er mir Mal geklaut wurde (neben anderen Ausweispapieren, der Wiederbeschaffungsaufwand war gigantisch) und ich nicht täglich Auto fahre, habe ich unterwegs in der Regel nur eine SW-Kopie dabei. Das Original ist in einem Dokumenten-Ordner verwahrt, der seit meinem letzten Umzug im Frühjahr aber noch nicht aufgetaucht ist. Es besteht allerdings noch Hoffnung, zwei oder drei volle Umzugskartons stehen noch im Keller…
LG Michael
Lieber Michael,
Du findest Deinen Originalführerschein nicht mehr?
Hoffentlich hast Du den vermuteten Karton noch nicht entsorgt,
weil zu lange nicht geöffnet…
Jugendhafte Grüße,
Ulf
jetzt wird es Ernst mit dem “Lappen”, oh wie peinlich…
Lieber Ulf,
kein Ernst, alles nur Spaß. Und ohne Druck. Da ich ja nun Wochen gebraucht habe, gesteh ich Dir natürlich gerne die gleiche Zeit zu. Und freu mich schon jetzt auf die kleine Weihnachstüberraschung!
Lieber Michael,
ich hab’s gelesen, gesehen, gelacht. Danke, dass Du diese Idee mit dem grauen Lappen aufgegriffen hast.
Ich werde versuchen, eine ebenbürtige Antwort noch in diesem Jahr zu geben. *lach*
Danke für die Erinnnerung!
Liebe Grüße,
Ulf