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Archiv für Januar 2008

Eisbärnadeln

31. Januar 2008 Ulf Runge 2 Kommentare

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Foto: © Schemmi / PIXELIO

Leben 200 – Donnerstag, 31.01.08

Es war Krieg. Nach Monaten verbaler Attacken, nach Feuergefechten an der Grenze, war der große Krieg ausgebrochen. Die ganz schlimmen Waffen waren noch in ihren Arsenalen, doch es war nur eine Frage der Zeit…

Von Deeskalation keine Spur. Bedrückt ging der junge Soldat zum Schichtbeginn in die Schreibstube, grüßte seinen Hauptfeld und wartete auf Anweisungen. Es galt jetzt einige frisch hereingekommene Fernschreiben ins Deutsche zu übersetzen. Offizielle Kriegssprache war die des Hauptverbündeten. Und es war an den jungen Leuten, die das in der Schule gelernt hatten, das Dolmetschen zu erledigen für die Älteren.

Beim Übersetzen wurde dem jungen Soldaten der Ernst der Lage immer mehr klar. Es schauderte ihn bei dem Gedanken, dass da draußen an der Front die Panzer rollten, dass es Tote gab. Hier vor den Toren der großen Stadt Nölk spürte man noch nicht so viel, dass jetzt der Wahnsinn Normalität war. Betreten gab der junge Soldat seinem Hauptfeld die übersetzten Schriftstücke, als das Telefon klingelte.

„Eisbärnadeln? Alle? Dann muss ich mal gucken, ob ich da noch welche findet. Jawoll, Herr Oberstleutnant!“ Was denn Eisbärnadeln seien, wollte der junge Soldat wissen. Die bräuchte man im Lagezentrum, um sie in die Wandkarten hineinzustecken. Um zu markieren, wo sich die Divisionen befinden, die eigenen und die des Feindes.

Eisbärnadeln! So recht konnte er sich noch nicht vorstellen, was das wohl war, als sein Hauptfeld mit bestimmt 20 Kunststoffschächtelchen wieder auftauchte, in den die Eisbärnadeln verpackt waren. Im Prinzip sind das Stecknadeln, bloß ein bisschen größer. Und mit vielen bunten Köpfen. Dachte der junge Soldat bei sich.

Wieder klingelte das Telefon. Wieder war der Oberstleutnant dran. Wo denn die Eisbärnadeln blieben. „Jawoll, Herr Oberstleutnant!“ brüllte sein Hauptfeld, als er auflegte.

„Kommst Du mit? Du warst doch noch nicht im Lagezentrum, oder?“ Nein, das war er nicht, und so ging er mit. Eisbärnadeln tragen helfend. Gespannt. Mulmig. Was würde ihn da erwarten. Je näher sie an das Lagezentrum kamen, desto mehr Menschen waren unterwegs. Brachten Dinge. Holten was ab. Waren in Eile.

Sie betraten das Gebäude, vorbei an den MG-bewaffneten Wachen, nachdem der Hauptfeld die gerade gültige Parole von sich gegeben hatte. Der junge Soldat hatte irgendwas von „Gefräßiges Eichhörnchen“ verstanden, war sich aber nicht wirklich sicher.

Der Hauptfeld drückte die Klinke. Es sah hier aus, wie… ja wie bei den Fluglotsen. Und wie in einem Hörsaal. Auf jeden Fal hatten sie beide Klappe zu halten, man lauschte einem der Herren, der aufgeregt über die Lage sprach. Ein General. So sah er irgendwie aus.

Sie stellten ihre Eisbärnadeln ab, der Oberstleutnant nickte kurz mit dem Kopf, er bedeutete ihnen, sich jetzt wieder zu verdrücken, als ein anderer junger Soldat mit einem Fernschreiber auf den General zustürmte. „Alpha Zulu 18“ rief der General erfreut, und tosender Jubel brach aus. Sämtliche Anwesende begannen sich zu umarmen, gerade so wie in der Neujahrsnacht, und in Sekundenschnelle waren Sekt und Gläser organisiert.

Der Hauptfeld bedeutete seinem jungen Soldaten, dass sie beide jetzt wohl besser zurück gehen sollten.

„Warum haben die gejubelt?“ wollte der junge Soldat wissen und richtete seine Augen auf den Hauptfeld. „Ganz einfach, der Gegner hat eine Atombombe auf Nölk geworfen, und damit ist der Krieg für uns aus!“

Gut, dass es nur eine Übung war. Dachte der junge Soldat. Ansonsten wär keine Zeit zum Jubeln geblieben…

© Ulf Runge, 2008

Was hätte ich dafür gegeben…?

30. Januar 2008 Ulf Runge 23 Kommentare

Sax

Foto: © Günter Z. / PIXELIO

Leben 199 – Mittwoch, 30.01.08

Was hätte ich als 12jähriger nicht dafür gegeben, so etwas zu erleben, wie ich es gerade eben (wieder einmal) erleben durfte?

Der Reihe nach. Sitze. Schreibe. Höre. (Ja, ja, wieder seinen Lieblingssender, das wird aber mal langsam langweilig. – Ist aber auch egal, sage ich nur, es könnte auch auf einem anderen Sender als SWR1/RP passiert sein. Uhps, jetzt habe ich schon wieder schleich geworben.)

Höre. Diesen Ohrwurm. Es gibt viele von diesen Ohrwürmern. Über die Jahre werden es mehr. Aber das heißt nicht, dass man sie zu fassen bekommt. Ich wippe mit mit dem Song, summe meinen Wumbaba-Text mit, und dann, ja richtig, das ist dieser Song mit der gigantischen Saxophon-Stelle.

Kenny G. würde sich jetzt einen darüber kaputt lachen. Ich weiß. Aber diese Stelle hat es mir angetan. Jetzt endlich will ich wissen, von wem das Lied ist.

Wie gesagt, als 12jähriger hätte ich mir gewünscht, zack, zack, zack, den Künstler (Billy Ocean) und den Titel (Carribean Queen) herauszufinden (über http://www.swr.de/swr1/rp) , das Lied gleich nochmal zu hören (yeah, das ist mein allererster youtube Link, den ich auf hier meinem Blog einstelle, und dann finde ich das auch noch als live-Aufnahme, was mir sowieso viel lieber ist. Und noch ein Click, ich finde den englischen Text („beacuse“ soll sicher „because“ heißen).

Ab jetzt kann meine Wumbaba-Trällerei einstampfen und richtig mitsingen. Wow!

Sage noch jemand, der Fortschritt sei alles bloß Mist. Isser nicht!

© Ulf Runge, 2008

P.S.: Wer das Lied kennt und nicht mag, die/der höre doch mal wenigstens kurz 2:48 rein. Da beginnt diese tolle Saxophon-Sequenz.

P.S.: Wumbaba? Lesenswert und schön illustriert von Michael Sowa: Axel Hacke, „Der weiße Neger Wumbaba“

Was Ihr wollt! (need some help from my friends)

30. Januar 2008 Ulf Runge 22 Kommentare

Leben 198 – Mittwoch, 30.01.08

Was Ihr wollt!

Das ist die deutsche Übersetzung von einem Shakespeare-Opus. Warum ich diesen Titel gewählt habe?

Warum ich im Untertitel nach Hilfe gerufen habe?

Liebe Freundinnen und Freunde meines Blogs, ich brauche Eure Hilfe.

???

Nein, nicht das mir nichts einfiele. Aber. Ich würde gerne wissen, was Euch bewegt. Worüber ich schreiben soll.

???

Warum diese Anwandlung? Ich möchte am Samstag auf einer Poetry Slam auftreten. Und für mich ist Ehrensache, das ich das gleiche Thema nicht zweimal präsentiere. (Mal sehen, wie lange ich „Ehren“mann bleibe.)

Ein Thema für Samstag habe ich schon. Das bleibt noch geheim.

Wer mir sagen möchte, worüber ich schreiben, texten, sprechen soll: Bitte hier eine Spur hinterlassen. Den Hinweis. Oder eine Aufforderung, per Email Kontakt aufzunehmen.

Danke.

Herzliche Grüße,
Ulf Runge

© Ulf Runge, 2008

Danke, liebe Frau aus R!

27. Januar 2008 Ulf Runge 8 Kommentare

Müde nach der Promenade

Foto: © Bolliger Hanspeter / PIXELIO

Leben 197 – Sonntag, 27.01.08

Ich ließ sie vor. Hielt mein Auto an. Sie schob den Rolli mit ihrem Kleinkind über die Straße, rüber zu dem großen Parkplatz, an dem ich jetzt auch einparken wollte.

Anstatt sofort meinen Parkschein am Automaten zu holen, nahm ich erst einmal den Brief, um ihn zum Briefkasten gegenüber zu bringen. Sah dabei wieder die rollischiebende Frau. Sie öffnete das Auto neben meinem. Aus R. Sie war aus R. Besser gesagt, ihr Auto.

Während ich zum gelben Kasten ging, hat sie wohl Kind und Rolli verstaut.

Am Briefkasten entledigte ich mich meines Briefes, und dann sah auf dem Weg zum Parkscheinautomaten wieder diese Frau. Von genau diesem Apparat kam sie gerade zurück und sie benahm sich irgendwie, ja merkwürdig.

Was macht die am Automaten, wenn sie eigentlich losfahren will? Fand ich irgendwie witzig. Witzig sage ich manchmal, wenn ich etwas nicht einordnen kann. Ich konnte das also nicht einordnen.

Wenn ich auf diesem großen Parkplatz verweile, ist für mich immer eine recht billige Angelegenheit. Drückt man auf die grüne Taste, ohne was zu zahlen, darf man für 30 Minuten parken. Ich parke immer für 30 Minuten. Höchstens. Auch wenn’s länger dauert.

Heute wusste ich, dass ich länger brauchen würde. So kämpfte also schon der 30-Minuten-Ulf mit dem Sei-doch-nicht-so-geizig-Ulf. Die beiden wollten noch wenige Sekunden kämpfen, die Frau aus R fuhr gerade ab, da sah ich ihren Parkschein am Ausgabeschlitz eingeklemmt. Noch eine Stunde war da drauf. Das ist aber mal toll, dachte ich so bei mir. Winkte der Frau aus R noch dankend hinterher. Aber sie war mit Losfahren beschäftigt, sah mich nicht.

Darum, liebe Frau mit Rolli und dem Kleinkind und dem Wagen aus R, falls Sie es sind, die vergangenen Mittwoch ihren Parkschein wieder eingeschlitzt hat, ich bin es, der ihn gefunden hat. Und ich möchte Ihnen hiermit herzlich „Danke!“ sagen. Nicht wegen der paar Cent, die ich gespart habe. Sondern wegen dieser freundlichen Geste.

Warum ich nicht selber auf die Idee käme, meinen Parkschein am Ausgabeschlitz für die oder den Nächsten einzuklemmen? Ganz einfach. Ich habe immer nur diese kostenlosen 30-Minuten-Scheine…

© Ulf Runge, 2008

Wahlen in Hessen und Niedersachsen abgebrochen

27. Januar 2008 Ulf Runge 9 Kommentare

Wahlraum

Foto: © Stephanie Bröge / PIXELIO

Leben 196 – Sonntag, 27.01.08

Hannover, Wiesbaden, Sonntag, 27.01.08, 13:24. Eigenbericht. Ein Skandal unerhörten Ausmaßes ist soeben bekannt worden. Da es angeblich in Niedersachsen um nichts mehr gehe, haben sich unabhängig voneinander die CDU-dominierte Gemeinde „Derharzistschwarz“ und die SPD-Hochburg „Amliebstenwärichrot“ in Eilanträgen dafür entschieden, das Bundesland zu wechseln.

Bei Bekanntwerden dieser Umstände kam es überall im Land zu tumultartigen, bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Der zunächst erwogene Einsatz der Bundeswehr wurde abgebrochen, das es hier ja um „G8 oder G9“ gehe, die Soldaten aber nur mit G3-Gewehren älterer Bauart ausgestattet seien.

Inzwischen hat sich die EU-Kommission eingeschaltet. Nach der Liberalisierung der Telekommunikations- und Energie-Märkte müsse nun auch die Politik zu ihrem Recht kommen. Es könne nicht sein, wenn jemand in Hessen wählen wolle, ihn nur deshalb zu diskriminieren, weil die Person ihren Wohnsitz etwa in Sachsen habe. Beim Strom könne man ja inzwischen auch frei wählen.

Aus Politikerkreisen sind inzwischen harsche Stimmen zu vernehmen. Hier werde dem Föderalismus das Wasser abgegraben. Bis zu einer endgültigen Entscheidung hierüber sind die Wahlen ausgesetzt, vermutlich in ein einsames Waldstück. Ebenso darf bis dahin das Bundesverfassungsgericht weder gekocht noch gegessen werden.

© Ulf Runge, 2008

Versprechen

26. Januar 2008 Ulf Runge 4 Kommentare

pict3019.jpg

Soeben sehe ich, dass mein (kostenloser) Speicherplatz bei WordPress,
dessen Ausnutzung bisher bei 10% von 50 MB lag,
nun bei 0% von 3 GB liegt.

Entweder hat da jemand was für mich (heimlich) gekauft,
dann sag ich mal herzlich „Danke!“

Oder die Regularien haben sich geändert.
Wenn also nicht doch noch ganz schnell unerwartete Rechnungen eintreffen
(die Rechnung für das Blitzlichtfoto vor einigen Tagen ist immer noch nicht da… – vielleicht war ja doch kein Film drin)
dann werde ich vermehrt eigene Fotos hier einstellen…

Versprochen!!!

© Ulf Runge, 2008

Über den Klimawandel – ein unbequemer Beitrag

26. Januar 2008 Ulf Runge 22 Kommentare

Klimaerwärmung: So endet unsere Gletscherwelt

Foto: © Bolliger Hanspeter / PIXELIO

Leben 195 – Samstag, 26.01.08

Um das vorwegzuschicken: Ich finde es einen Skandal, dass sich die USA auf Dauer so lange verschlossen haben, irgendwelche Kyoto oder sonstwas Protokolle zu unterschreiben. Und nicht verpflichten wollen, weniger Energie zu verbrauchen.

Und um das ebenso vorwegzuschicken: Ich finde, wir haben nicht nur wegen des offensichtlichen Klimawandels, sondern auch wegen der Endlichkeit der fossilen Rohstoffe, die wir leider verfeuern statt sie für medizinische Zwecke zu verwenden, ich finde also, wir haben die Pflicht, weniger von allem zu verbrauchen. Und in diesem Sparenwollen und -müssen die Chance zu sehen, für unsere Volkswirtschaft einen Innovationen zu entwickeln.

Aber dieser Radiobeitrag hat mich doch überrascht. Prof. Wolfgang Behringer, Historiker und Geschichtsprofessor an der Uni Saarbrücken, wird hier zu seinen Erkenntnissen über das Klima der Menschheitsgeschichte befragt. Wer mehr Hintergrundwissen erhalten möchte zu diesem prominenten Thema, die/der clicke jetzt mal hier drauf. Ich war auf jeden Fall überrascht, was man über die klimatischen Lebensverhältinisse der letzten vier Jahrtausende zu wissen glaubt.

Gut Ohr!

© Ulf Runge, 2008

Vom Fechten

26. Januar 2008 Ulf Runge Kommentieren

fencing at kings road london

Foto: © Herbert Dazo / PIXELIO

 

Leben 194 – Sonntag, 26.01.08

„Schauspieler müssen ja auch fechten können! Das ist Prüfungsfach. An der Schauspielschule.“ Höre ich mich sprechen.

„Warum das denn?“

„Na, ist doch logisch. Wegen der Motorik. Sag ich mal.“

„Glaub ich nicht. Wann fechten die denn auf der Bühne, im Film?“

„Alle Filme sind voll von Fechtern!“ übertreibe ich lächelnd.

„Ein Fall für Zwei: Fechter, aber natürlich. Sabine Christiansen: nur Fechter!“

„Die macht das doch gar nicht mehr. Außerdem sind das bei der doch Laien-Schauspieler!“ grinse ich mir einen.

„Klar bei den Krimis: überall Fechter! Peng, peng, alles Fechter.“

„Du musst nur ganz genau hingucken. Ist wie beim Hitchcock. Der war auch in jedem seiner Filme zu sehen. Und so gibt es in jedem Film auch Fechter. Ganz viele Fechter. Meistens irgendwie im Hintergrund. So ganz flüchtig. Und dafür brauchen die das!“

„Woher weißt Du das eigentlich?“

„Der an der Theaterkasse hat mir das gestern erzählt.“

„Und warum hast Du ihn nicht gefragt, warum die das Fechten brauchen?“

Wir grinsen uns an. Beenden das Abendessen.

Bei der Besprechung des Fernsehabendprogrammes landen wir unversehens…

„Was ist das denn?“ Getümmel. Lautes Getümmel. Ohrenbetäubernder Lärm füllt den Raum. Rüstungen und Ritter füllen den Bildschirm.

„Wo gibt es keine Fechter?“ Wir lachen.

„Jetzt will aber doch wissen, ob das generell Prüfungsfach ist.“

Und so sitze ich jetzt hier, gugel nach „Schauspielschule“ und „Fechten“.

Lande zuerst beim Franz Schubert Konservatorium, Wien, das für das Ergänzungsfach Schauspiel, folgende Fächer auflistet:

Sprecherziehung, Dramatik, Bewegungslehre, Fechten, Tanz, Gesang, Schmink-, Masken- und Kostümkunde, Theatergeschichte und -recht, Literaturgeschichte.

Die Hochschule für Schauspielspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin schreibt zum Fach Bewegungsunterrichte:

3. Bühnenfechten

Bühnenfechten stellt sich die Aufgabe, Techniken des Kampfes mit Blankwaffen zu lehren. Dabei werden die beim Fechten innewohnenden Möglichkeiten der körperlichen und geistigen Partnerbeziehung für die Ausbildung von Schauspielerinnen und Schauspielern nutzbar gemacht und trainiert. Die Studentin/der Student lernt dabei, den Widerspruch zwischen kämpferischen Impulsen und der Bewegungskontrolle in eine Einheit zu bringen.

Wieder was dazu gelernt.

© Ulf Runge, 2008

Kurzfristiger Termin

25. Januar 2008 Ulf Runge 9 Kommentare

Leben 193 – Freitag, 25.01.08

Sier sah lange in der Runde herum, die sprachlosen, überraschten Gesichter musterten Sier lange. Sie hatten wohl alle nicht damit gerechnet, so kurzfristig einen Termin bei Sier zu bekommen.

Endlich brach Sier das Schweigen. Eröffnete das Gespräch. „Ich habe Eure Anmerkungen gelesen. Ich möchte mit Euch persönlich darüber sprechen. Und dann wissen, was noch offen bleibt bei Euch.

Eure Unzufriedenheit kann ich verstehen. Dass die Dinge so gekommen sind, wie sind, dafür bin ich nur bedingt verantwortlich. Natürlich fällt alles letztendlich auf mich zurück. Aber was wäret Ihr, wenn Ihr nicht selber für das gerade stehen müsstet, was Ihr tut. Oder sein lasst.So wollte ich Euch. Und so seid Ihr!

Ehrlich gesagt, am liebsten hätte ich mir Euch alle so gewünscht, wie ich bin. Aber was soll ich mit jemandem, die oder der genauso denkt und handelt wie ich?. Wenn ich dann mit Euch hätte sprechen wollen, hätte ich doch schon vorher gewusst, was Ihr antwortet. Das also konnte es nicht sein.

Deshalb habe ich mir Euch so gewählt, wie ich nicht bin. Ich wollte wissen, wie es ist, wenn Dümmere und auch Schlauere als ich unterwegs sind. Hässlichere und Schönere. Und ich wollte wissen, was siegt. Überlebt. Die Gerechtigkeit? Die Lüge? Der Wohlstand? Die Gewalt? Die Unfreiheit? Die Demut?

Und ich wollte, dass Ihr wisst, dass ich genauso sterblich bin und unsterblich wie ihr. Wenn Ihr nicht von mir Notiz nehmt, wer dann? Wenn Ihr Euch nicht in den anderen manifestiert, was soll dann von Euch bleiben?“

Keine Stecknadel wäre jetzt mehr zu hören gewesen, ziemlich betreten schauten die Angesprochenen nach unten.

„Wir können jetzt mal in die Einzelbetrachtung Eurer Kommentare eintreten. Ulf, Du hast da etwas von Re-Enginieering geschrieben.“

An Ulfs Verlegenheit und den Blicken der übrigen Anwesenden war zu erkennen, dass jetzt niemand mehr Bedarf hatte, über Frage 19 zu sprechen.

Sier war darüber erfreut und meinte dann noch: „Ihr wisst jetzt, dass ich so bin wie Ihr.Wie Ihr alle zusammen. Und Ihr wie ich. Doch eins verstehe ich nicht. Warum polarisiert Ihr so? Warum macht Ihr Euch über andere lustig? Über das andere Geschlecht? Über andere Kulturen und Hautfarben? Ihr braucht das Andere, die Anderen, um Euch zu erkennen. Und Euch in mir. Nehmt Eure Schwächen und die der anderen ruhig weiterhin auf die Schippe. Aber vergesst die Achtung voreinander nicht. Die Anderen, das seid Ihr, das bin ich!“

© Ulf Runge, 2008

Like a rolling stone?

24. Januar 2008 Ulf Runge 20 Kommentare

Rolling Stones

Foto: © Ute Bibow / PIXELIO

Leben 192 – Donnerstag, 24.01.08

Ich höre (!) gerne Geschichten.

???

Ja, ja, zuallererst einmal lese ich gerne Geschichten. Und schreibe natürlich auch mit Freude.

Aber wie gesagt, Geschichten vorgelesen zu bekommen. Das hat was. Im letzten Jahr hatte ich das Glück, Axel Hacke und Nils Heinrich vorgelesen zu bekommen. Das war einfach köstlich.

Ich bin mal ganz ehrlich. Hörbücher sind nicht mein Ding. Wenn ich Zeit zuviel habe und irgendetwas den Äther füllen soll, dann bitte Musik. Dann kann ich nebenher noch etwas anderes tun. Schreiben z.B. So wie jetzt. Höre Radio. Schreibe.

Aber etwas im Hintergrund hören, was meine volle Vordergrund-Aufmerksamkeit erfordert? Ich setze mich doch nicht in den Sessel, zuhause, wenn ich was tun könnte…

Wenn ich voll dabei sein soll, mindestens 200%ig, dann muss ich raus, ins Kino, ins Konzert, fernab von Tastatur und Bleistift.

Und nun frage ich mich: Gibt es überhaupt Bedarf, einen Markt, für Vorleser? Ich habe mich ja (mehrfach) als Vorlese-Exote in Poetry Slams hineingemogelt, und werde das bestimmt wiederholen, wenn ich nicht wie letzte Woche Freitag den Termin versiebe, aber ist auch egal.

Um die Frage zu beantworten, ob es hier einen Markt für Vorleser gibt, oder besser, ein bereitwilliges Publikum, habe ich zwei Möglichkeiten zur Antwortfindung:

  1. Ich gugel im real-realen Leben nach Vorlese-Communities in meiner Region. Wer weiß, das wäre ja ein erster Schritt.

  2. Oder ich träume mal. Von Internet-Vorlese-Runden. Müsste mir noch Headset und Webcam beschaffen, ja, ja, aber mal ganz ehrlich, kennt jemand jemanden, die/der von so etwas schon gehört hat?Ich könnte mir das sehr interessant vorstellen. Wir machen Vorlese-Slams. Aus unseren Blogs. Jeder hat ein paar Minuten zum Vorlesen. Und wir wollen nicht besser sein als die anderen. Trumpfen. Übertrumpfen. Nein, das nicht. Aber einfach zum geschriebenen Wort noch unsere Stimme, unsere Gestik rüberbringen. Und hoffen, dass jemand da ist, zum Zuhören. Nicht so nebenher, sondern richtig konzentriert auf uns.

Ist das ein Stein? Den man ins Rollen bringen kann?

© Ulf Runge, 2008