Geheimzahl – Reise-Trilogie, Teil 2
![]()
|
Geheimzahl – Reise-Trilogie, Teil 2 Leben 165 – Di, 25.12.07 Zehn Minuten Umsteigezeit. Es ist Sonntag früh, kurz vor Acht. Meine Regionalbahn wenige Minuten verspätet, der Anschluss-ICE glücklicherweise auch. Mit zehn Euro in der Tasche ist es nicht besonders professionell, die nächsten dreieinhalb Stunden im Zug verbringen zu wollen. Ich beschließe, noch mal eben zur Post rüberzulaufen, mit der avisierten Verspätung von 6 Minuten für meinen Fernzug ist das Risiko vertretbar. Der Automat, oh Wunder, wenn ich ihn mal brauche, ist frei und betriebsbereit! Leider kann man nicht mehr erkennen, wierum denn die Karte eingeschoben werden muss. No risk, no fun. Ich schiebe die Karte rein, fun verspüre ich allerdings nicht. Hoffe, dass jetzt nicht noch irgendwas dazwischen kommt. Nicht etwa so wie damals in Mainz, als wir dort noch nicht wohnten, und ich am Geldautomaten doch wirklich zu blöd gewesen war. Bevor das Geld ausgegeben wird, kommt ja die Karte raus. Ich will die Karte nehmen, das Geld wird gerade im Fach daneben abgezählt, die Geldklappe ist noch nicht offen, ich will die Karte nehmen, rutsche ab, gebe ihr einen Schubs, die Karte wird vom Automaten wieder eingezogen, auf dem Display erscheint so etwas Lustiges wie: „Transaktion abgebrochen.“ Aus. Vorbei. Auch das bereits abgezählte Geld verschwindet nach einem Knackgeräusch wieder in den Katakomben der Bank. Okay, das war damals ein richtiger Aufreger, weil wirklich sehr ärgerlich, aber ich habe es überlebt. Hat mich einige Telefonate und Nerven gekostet. Jetzt sind es also noch ca. 5 Minuten, bis mein Zug voraussichtlich verspätet abfahren wird, ich werde aufgefordert meine Geheimzahl einzugeben, also war das richtig rum, wie ich die Karte eingeschoben hatte. Ich tippe sorgfältig 4712 ein, wähle den Geldbetrag und warte also, dass sich die Klappe mit der Karte öffnet. Und werde dann wieder höchste Konzentration walten lassen. Was ist das jetzt? Die Geheimzahl sei falsch? Oops! Ich gebe nochmal die 4712 ein, ganz langsam und vorsichtig, der Automat besteht erneut darauf, dass ich was Falsches eingegeben habe. Dreimal falsch eingegeben bedeutet: Karte weg, und kein Geld obendrein. Ich denke noch mal scharf nach. Nee, die 4712 habe ich korrekt eingegeben. Sollte ich etwa …? Jetzt heißt es schnell handeln! Der Automat hat sicherlich auch nur endliche Geduld, mein Zug auch, ich gebe die 8888 ein, die Nummer meiner Kreditkarte. Die sieht mit den beiden roten und orangenen Kreisen oben rechts fast genauso aus wie meine EC-Karte, die einen blauen und roten Kreis hat. Sekunden des Wartens vergehen. Die Brezeln vom Ditsch und eventuell noch einen Kaffee-zum-Gehen kann ich mir inzwischen abschminken, jetzt geht es nur noch darum, den Zug zu bekommen. Mahlgeräusche. Das Geld wird gezählt! Die Karte kommt raus, tatsächlich war es die Kreditkarte. In Deutschland habe ich ihre Geheimzahl noch nie gebraucht, nur gut, dass ich mit ihr schon im Ausland bezahlt hatte. Und meine grauen Zellen sie noch wussten. Die Klappe öffnet sich, ich habe genug Geld für die Reise. Jetzt muss ich nur noch zusehen, dass es auch tatsächlich noch eine Reise wird. Die Anzeige im Bahnhof gibt mir noch drei Minuten bis zur Abfahrt. Wer so eine Situation wie eben herzinfarktfrei durchstanden hat, der darf sich sicherlich auch noch zwei Ditsch-Brezeln kaufen (gesagt, getan in ca. 30 Sekunden), und am Bahnsteig einen Coffee to go gönnen. Als ich den Deckel auf den Becher stülpe, fährt mein Zug ein. Natürlich muss ich ans entgegegengesetzte Ende. Ich betrete den Zug durch die allerletzte Tür, diese schließt wenige Sekunden hinter mir, wir fahren ab… P.S.: Meine Fahrkarte hatte ich online gekauft gehabt. Als Identifikationsdokument die Kreditkarte angegeben. Wenn die also einbehalten worden wäre… © Ulf Runge, 2007 |
RSS-Feed:

Hallo Ulf,
LEBEN pur … immer wieder schön zu lesen, ich mag vor allem diese LEBENDIGEN Berichte von Dir
Danke für die vielen schönen unterhaltsamen Momente im Jahr 2007!
Ulrike
Ulrike Sennhenn
31. Dezember 2007 um 17:53
Liebe Ulrike,
wie schön, von Dir zu lesen. Das hat mich schon umgehauen, auch wenn ich so ganz cool behauptet habe,
dass mich das nicht wirklich überrascht, Berend hat es noch cooler ausgedrückt, also schade, dass Dein Glückshaus Museum wird, aber das Neue wird nur, wenn das Alte sich ändert oder bisweilen unverändert verharren muss…
Danke für die gute Zeit in 2007, danke für das Kompliment mit dem “LEBENdig”, bis bald wieder, liebe Grüße,
Ulf
Ulf Runge
1. Januar 2008 um 23:44