Mein Schreibetagebuch: “Leben”

Dezember 11, 2007

Gesundheit? Nein, WemahnGes-wiGes!

Straßenbahn

Foto: © rolibi / PIXELIO

Leben 155 – Dienstag, 11.12.07

Mein Gegenüber niest. Die üblichen Nahverkehrsbazillen fliegen durch die Luft. Was einen nicht tötet, macht einen stark, denke ich so bei mir.

Gesundheit-sagen-erzogenerweise setze ich zu „Gesundheit!“ an, will dem – wildfremden – Herrn gegenüber von mir meine Anteilnahme ausdrücken. Doch gerade noch rechtzeitig unterdrücke ich alle akustischen Funktionalitäten meines Klangkörpers, ertappe mich, wie ich ihm unsichtbar zunicke, aber er guckt gar nicht hin, niemand guckt hin, niemand hat meinen Fast-Faux-Pax bemerkt.

Man sagt heute nicht mehr „Gesundheit!“. Man wünscht der anderen Person nichts Gutes, besser gesagt, man zeigt es nicht und sagt es nicht.

Man tut nichts. Man ignoriert, dass das Gegenüber nicht genügend Beherrschung hatte, dass er alles in die Umwelt rausgeschleudert hat, was er so an Viren- und Bakterien-Mix zu bieten hat. Man stellt diese Person aber auch nicht in aller Öffentlichkeit mit einem verbindlich-unverbindlichen „Gesundheit!“, das eigentlich „Reiß Dich mal zusammen, bist nicht alleine hier, will nicht auch noch krank werden!“ heißen müsste, bloß. Bloß gut, dass man neuerdings nicht „Krankheit!“ sagt, um seine Mördergrube zu erleichtern.

In Gedanken werde ich zukünftig sagen: „WemahnGes-wiGes!“ Falls es mir dann doch mal laut rausrutscht, werde ich mich dann als heimlicher „Gesundheit!“-Sager outen, weil „WemahnGes-wiGes!“ steht für:

Wenn man heute noch Gesundheit sagte, würde ich Gesundheit sagen!“

© Ulf Runge, 2007

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6 Kommentare »

  1. Lieber Ulf, interessante Sichtweise. Dass man sich nichts mehr wünscht, ist wohl in den Bergen nicht angekommen,liegt es vielleicht daran, dass man hier “Viva” sagt statt Gesundheit? :-) vielleicht ist das ja auch eine Möglichkeit für Dich, Dein Dilemma zu umgehen :-) Oder wir gründen eine “Man-darf-wieder-Gesundheit-wünschen-wenn-jemand-niest-Initiative”, ich bin dabei:-)Liebe Grüsse Andrea, hatschi

    Kommentar von andrea2007 — Dezember 11, 2007 @ 7:35

  2. Lieber Ulf,
    sehr gut erkannt und schön beschrieben! Mit dem Nicht-Gesundheit sagen ist das so ähnlich wie mit dem Nichtgrüßen.
    Wenn man hier, in Stadtumgebung, aus Höflichkeit unbekannte Menschen grüßt, dann wird man oft wie ein Schwerverbrecher angeschaut und man liest in den Augen seines Gegenübers: “Wie, was heißt hier GUTEN TAG??? Sie wollen mich wohl überfallen, ausrauben oder meine Kreditkarte???”
    Nur ältere Menschen freuen sich darüber und erwidern den Gruß, oft total erstaunt.
    Erstaunlich, oder?
    Guten Tag!
    Gesundheit!
    Anna :-)

    Kommentar von Anna Nuehm — Dezember 11, 2007 @ 11:14

  3. Liebe Andrea,
    jetzt hätte ich natürlich gerne “Viva” übernommen, so wie ich “Sorry” statt “Entschuldigung” sage, und “Merci” statt “Danke”. Und “Servus” für “Tschüs”. Manchmal bin ich halt gerne polyglott.
    Aber bei “Viva” wird meine Umwelt sich denken, der Grufti hat zu lange den falschen Fernsehkanal geguckt…
    Hatschi back, liebe Grüße, Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — Dezember 11, 2007 @ 21:23

  4. Liebe Anna,
    Du hast recht: Wer grüßt, ist verdächtig. Will was, was Verbotenes. Da rufe man besser die Polizei…
    Ohne böses zu denken, aber wir “kennen” uns ja auch inzwischen sehr gut :-) wünsche ich Dir einfach einen “Guten Abend”, “Gesundheit” sowieso und überhaupt!
    Liebe Grüße, Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — Dezember 11, 2007 @ 21:25

  5. Also, ich fand’s schön immer blöd mit dem Gesundheit-Sagen. Niemand sagt Gesundheit, wenn jemand hustet oder an sich herumkratzt, wo ist der Unterschied?
    Oft niest man doch gar nicht, wenn/weil man krank ist (Gesundheit ist relativ), sondern beispielsweise, weil die Sonne an der Nase kitzelt oder etwas durch die Luft schwirrt. Jemandem Gesundheit zu wünschen, bedeutet doch gleichzeitig die Unterstellung von Krankheit, ist doch unhöflich, oder? ;-)

    Ich habe gelesen, dass man sowieso nicht mehr Gesundheit sagen soll, weil, wie bereits gesagt, der andere seine ‘Viren’ verbreitet/n könnte. Es sollte daher umgekehrt sein, nämlich dass der Niesende sich für seine Untat entschuldigen soll. Auch hier: Was ist mit dem Husten?

    Gesundheit für alle!
    Barbara

    Kommentar von Barbara — Dezember 13, 2007 @ 19:56

  6. Liebe Barbara,
    zwei Dinge sage ich, wenn ich geniest habe:
    1. Entweder (very British) “sorry”
    2. Oder “Danke!” dem Wunsche der anderen nach “Gesundheit!” bereits vorauseilend,
    was dann immer wieder zu Gelächter führt.

    Liebe Grüße, Ulf

    Kommentar von Ulf Runge — Dezember 13, 2007 @ 23:50

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