Rückrufliste

Für meine Kolleginnen und Kollegen zum Nikolaus 2007
(und für alle, die mit mir telefonieren müssen
und für alle, die hieran Spaß haben…)

Nikolausteller

Foto: © Claudia Hautumm / PIXELIO

Leben 150 – Donnerstag,06.12.07

„Sie haben mich angerufen!“

Sage ich, als am anderen Ende eine freundliche, verbindliche Ich_muss_hier_sitzen_und_meinen_Spruch_runtersagen_Stimme zu vernehmen ist.

Rückrufliste. Wie jeden Morgen, an dem der Bürowahnsinn seinen Lauf zu nehmen gewillt ist, habe ich die Jacke abgelegt, war auf’m Klo, hab mir die ÖPNV-Finger gewaschen, einen Espresso geholt, mein Tagebuch geöffnet, warte darauf, dass der PC endlich oben ist, sitze am Schreibtisch, entriegele das Telefon, ein rotes Licht leuchtet: Rückrufliste.

Irgendjemand hat also allen Ernstes geglaubt, er würde mich hier zwischen gestern Abend um sechs und heute früh um halt neun erreichen. Oder überhaupt jemanden hier. Irgendeine Person, die irgendwie helfen kann. Die irgendwas weiß.

Die Stimme am anderen Ende, nachdem sie also ihr Was_kann_ich_für_Sie_tun_Sprüchlein heruntergebetet hat, nachdem ich mein Sie_haben_mich_angerufen entgegnet habe, diese Stimme also schweigt nun, man spürt das Denken in der Leitung, dann sagt sie: „Das wird wohl unser Herr X. gewesen sein, so genau lässt sich das jetzt nicht mehr feststellen, leider ist Herr X. noch nicht im Haus, er wird sich noch einmal bei Ihnen melden.“

Aha. Na, gut. Rückrufliste. Da sind noch mehr Nummern in der Liste, ich starte den nächsten Versuch.

Marion hat versucht, mich zu erreichen. Ich wähle ihre Nummer, doch sie geht nicht ran. Wohl noch zu früh.

Als nächstes eine Nummer in Wiesbaden. Hm, was die wohl von mir wollen? „Ja, richtig, wir haben gestern versucht, mit Ihnen zu telefonieren.“ Ob ich schon mal was von total sicherer Kapitalanlage in denkmalgeschützte Objekte gehört habe. Ja, klar, denke ich mir, total sicher, biste Dein Geld schneller los alsde denken kannst. Nein, bleib höflich, denke ich so zu mir, oute mich der Dame in der Leitung gegenüber unwissend, und kann dann dieses ungewollte Beratungsgespräch nur durch eine Hypothek auf die Zukunft abwiegeln, indem zu verstehen gebe, dass ich die nächsten zwölf Monate wohl kein Interesse haben werde. „Na, dann melden wir uns in einem Jahr noch mal bei Ihnen.“ Ob das okay, ich Blödmann sage ja, und in einem Jahr werden die mich wirklich wieder anrufen, da bin ich sicher. Warum habe ich nicht 120 Monate gesagt?

Inzwischen leuchtet die rote Lampe wieder, Marion hat angerufen. Ich rufe sie zurück. Besetzt. Ich drücke auf die Rückruftaste, dann werde ich mit Marion verbunden werden, sobald diese aufgelegt hat.

Sie hat wohl. Mein Apparat wählt Marion an, und während ich warte, dass sie nun rangeht, sehe ich, dass Marion mich parallel dazu auch gerade anruft. Ich lege auf, und Marion tut nicht nur das gleiche, sondern auch dasselbe.

Ich versuche es noch mal, Marion ist dran, endlich, sie sagt: „Du hast mich angerufen!“ Ich verneine, sage bestimmt: „Nein, Du hast mich angerufen! Gestern abend.“ Ihr Anruf sei nur ein Rückruf auf meinen von gestern Mittag gewesen. Hm, ich überlege. „Tut mir leid“, sage ich, „aber ich weiß jetzt wirklich nicht mehr, was ich gestern von Dir wollte.“ „Nicht so schlimm!“, beschwichtigt sie mich, „Dann melde Dich halt, wenn’s Dir wieder einfällt.“

Inzwischen hat wieder diese erste Nummer von vorhin angerufen, das rote Licht ist wieder an. Das ist nun wohl dieser Herr X. Sofort rufe ich dort erneut an, und während ich erneute mit dieser Verbindlichkeit in Person zu kommunizieren versuche, fällt mir ein, dass ich Marion auf die Planung vom nächsten Jahr ansprechen wollte, schreibe mir das schnell auf, und dann ist auch schon Herr X. am Apparat. Er will einen Termin mit mir vereinbaren, wir vergleichen die Kalender, ich frage ihn nach den Planzahlen vom nächsten Jahr, Herr X. ist irritiert, ich merke, dass ich in Gedanken schon wieder bei Marion war, egal, ich rette die Situation und erkläre Herrn X. die Verwechslung, das sei heute alles ein bisschen viel für mich, lieber 50 e-Mails lesen, als so ein Telefonchaos …

Wir verabreden uns auf nächste Woche.

Ein letztes Mal wähle ich Marion an, besetzt!

Ich bin sicher, sie wird zurückrufen. Denn ich stehe ja in ihrer …

… Rückrufliste!

© Ulf Runge, 2007

 

P.S.: Und jetzt bin ich ganz neu bei Pixelio und probiere mal aus, wie das ist, wenn man den Text auch einem Kleinod für die Augen schmückt…
Mein Dank an Claudia Hautumm!

Add to Technorati Favorites

  1. 6. Dezember 2007 um 13:00

    Klingt ja schwer nach Telefonterror, lieber Ulf! Tja, das sind die Folgen der technischen Errungenschaften. Vor ein paar Jahren konnte man noch ganz geheim jemanden anrufen. Aber heute … ich sag nur “be careful – big brother ist watching you” ;-)
    In diesem Sinn: happy Nikolausi! Und schöner Gruß vom Ammersee – von Renate

  2. Mo
    6. Dezember 2007 um 13:43

    Lieber Ulf,
    auf dem schönen Bild fehlt eigentlich nur noch ein kleines Mäuschen,
    dass sein Köpfchen hinter der Apfelsine hervorstreckt,
    und einen mit seinen niedlichen Knopfaugen anschaut.
    Das würde mir gefallen. :-)

  3. Ulf Runge
    7. Dezember 2007 um 00:15

    Liebe Renate,
    Du sprichst da einen interessanten Aspekt an, wobei ich Deinen Standpunkt mal umdrehe:
    Früher “musste” man rangehen, um zu sehen, wer dran ist.
    Heute sieht man das, wenn das entsprechende ISDN-Leistungsmerkmal sender- und empfängerseitig aktiviert ist.
    Und wer seine Nummer nicht mitschickt, der darf erst Mal sein Sprüchlein auf den Anrufbeantworter sprechen, oder?
    Liebe Grüße aus dem Rhein-Neckar-Dreieck, Ulf

  4. Ulf Runge
    7. Dezember 2007 um 00:16

    Liebe Mo,
    danke für das Feedback.
    Ich werde das mal an die Fotografin weitergeben ;-)
    Liebe Grüße Ulf

  5. silkandpaper
    9. Dezember 2007 um 10:15

    wunderschön, dein adventskalender. eine schöne idee- und man fühlt sich wirklich wie bei dir wie zu hause am tisch , bei einem kaffeee oder tee und hat das gefühl, man spräche über alles und jenes. auch über traurigen und besinnliches, nachdenkenswertes und die limericks sind köstlich!
    liebe grüße und einen besinnlichen advent wünscht dir MAR

  6. 9. Dezember 2007 um 19:39

    Ja, lieber Ulf, manchmal kann einen die Technik terrorisieren;herrlich Dein Beitrag, also nehmen wir auch das einfach mit Humor und dann kann uns nix passieren. Liebe grüsse Andrea

  7. Ulf Runge
    10. Dezember 2007 um 00:59

    Liebe MAR,
    danke für diesen netten “Rundumschlag”, da freue ich ich sehr.
    Ich wünsche Dir ebenfalls weiterhin eine schöne Adventszeit und freue mich, wenn Du an diesem “Tisch” wieder Platz nimmst. Kaffee und Tee, das lässt sich immer machen ;-)
    Liebe Grüße, Ulf

  8. Ulf Runge
    10. Dezember 2007 um 01:00

    Liebe Andrea,
    schön, dass Dir der Beitrag gefällt.
    Ja, was wären wir ohne die Technik…
    Liebe Grüße, Ulf

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