Botschafter in Afrika: L oder J?
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Leben 144 – Donnerstag, 29. 11.07
Bei einem meiner früheren Arbeitgeber hatte ich das Glück, auf ein Vorbereitungsseminar für die Management-Laufbahn gehen zu dürfen. Glück, nicht weil ich durchfiel, sondern aufgrund der Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen durfte. Glück auch, weil ich hierdurch aufmerksam wurde auf so spannende Themenbereiche wie Transaktionsanalyse und Kommunikation. Was will ich hier nun berichten? Das Seminar fand ich einem Hotel im Schwarzwald statt, wir waren ungefähr 16 Teilnehmer, dann waren da Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Personalabteilung, und für mich am wertvollsten war ein sehr sympathischer Psychologie, der uns immer wieder in Theorieeinheiten und Gesprächsrunden Gelegenheit gab, um uns selbst und den Umgang mit anderen zu reflektieren. Zusätzlich gab es Rollenspiele, die im wesentlichen dazu dienten, uns auf den Prüfstand zu nehmen, herauszufinden, wer den geeignet sei, Manager zu werden, ohne dass wir wirklich wussten, welcher Typus gesucht war, der Knallharte oder der Einfühlsame? Die härteste Übung, an die ich mich erinnern kann, war ein fiktives Gespräch, das ich als junger Chef mit einem älteren Mitarbeiter, gespielt durch den Psychologen, zu führen hatte. Ich sollte diesem inzwischen auf dem Arbeitsmarkt relativ chancenlosen Mitarbeiter klar machen, dass seine Leistung inzwischen unter aller Kanone war, und dass meine Geduld auch am Ende sei und ich ihn jetzt kündigen würde. Der Widerstand meines Gegenübers war heftig, er zog alle Register, zunächst die Mitleidstour von wegen Arbeitsmarkt, Familie, sozialer Ruin usw. Ich fühlte mich extrem schlecht während dieses Gesprächs, und das merkte er wohl auch, fing dann Metakommunikation mit mir an, wie ich mich denn wohl fühle, wenn ich junger Spund einen alten Hasen vor die Tür, ob ich denn wirklich so ein knallharter Hund sei, ich würde doch nur machen, was das obere Management von mir erwarte. Als er mich dann fast weich geklopft hatte, überraschte er mich durch eine aggressive Tour: Ich könne seine Arbeit gar nicht beurteilen, ich hätte meine Hausaufgaben hinsichtlich Führung und Beurteilung nicht gemacht, da könne ich mich aber schon einmal auf ein nettes Gespräch mit dem Betriebsrat gefasst machen, da solle ich mich mal ganz schön warm anziehen. Dieses Seminar bleibt mir aber hauptsächlich aufgrund folgender Begebenheit in Erinnerung. Vier von uns durften aktiv mitspielen, ich war bei den anderen, die zuschauen durften. Die vier Teilnehmer saßen jeweils einzeln an Tischen, die wiederum jeweils drei Meter voneinander in einem Rechteck angeordnet waren. Wir Zuschauer saßen in genügend Abstand im Hintergrund. Die Teilnehmer hatten nun die Aufgabe, aus vier fiktiven Personenbeschreibungen eine Person auszuwählen, die für eine fiktive Aufgabe am besten geeignet war. Zu jeder Person erhielten die Teilnehmer also ein Blatt Papier mit Lebenslauf und einer Beschreibung der Kenntnisse und Erfahrungen. Eine einfache Übung, sollte man meinen. Nachdem die vier Teilnehmer sich die Profile der Kandidaten durchgelesen hatten, sollten sie nun bestimmen, wer von diesen Bewerbern als Botschafter nach Afrika sollte. Nichts leichter als das, dachte ich mir, da hier ja niemand jemandem verpflichtet ist etwa wie im richtigen Leben, würden die sich spätestens nach fünf Minuten einigen. Interessanterweise wurden drei der vier Bewerber als am besten geeignet vorgeschlagen, so dass sich doch nun eine Diskussion entsponn, wer denn am besten geeignet sei. Jeder stellte die Vorzüge seines Favoriten sehr ausführlich vor, und so langsam fing es an zu knistern. Die Sachebene war fast nicht mehr zu erkennen, die Argumente wurden lauter. Die Teilnehmer schüttelten nur den Kopf über die Argumente ihrer Mitstreiter bzw. Kontrahenten, und wir Zuschauer waren zunächst belustigt und dann empfanden wir eine merkwürdige Stimmung, als seien wir hier deplaciert. Nach gut 30 Minuten heftigen Diskutierens, und 30 Minuten können verdammt lang sein, wenn eine Situation eskaliert und man am liebsten Mäuschen spielen möchte und abhauen, nach also einer guten halben Stunde, fragte dann einer der Teilnehmer, er kapiere nicht so ganz, warum denn Kandidat A nach Afrika solle, der spreche weder Englisch noch Französisch! Er solle jetzt mal nicht unsachlich werden und mal lieber genau hinsehen, er sei doch wohl noch des Lesens mächtig, oder, dann solle doch mal im den dritten Abschnitt den ersten Satz zur Kenntnis nehmen, da stehe doch, dass er in London und Marseille studiert habe und selbstverständlich diese Sprachen spreche. Wo das denn stehe? Lesen könne er! Da! Die Augen müsse man halt aufmachen! Jetzt stand der eine auf, für wenige Sekunden dachte wir, jetzt setzt es Dresche, jetzt muss man einschreiten, die prügeln sich jetzt hier, aber dann… … dann nahm der eine seinen Zettel und gab ihm dem anderen, und der andere las den Zettel des ersten, und dann schwiegen sie. Ein Grinsen huschte über die Gesichter, entschwand, die Erkenntnis, hier und jetzt über das Miteinander etwas gelernt zu haben, dass „Miteinander reden“ beim Zuhören anfängt und sich beim Nachfragen fortsetzt, diese Erkenntnis drang für alle Beteiligten im Raum unvergesslich tief in die persönliche Erfahrungswelt ein. Da hatten also alle vier Teilnehmer verschiedene, und eben auch widersprüchliche Profile über die Kandidaten ausgeteilt bekommen. Jeder war aufgrund der ihm vorliegenden Informationen felsenfest sicher, dass es nur einen geeigneten Kandidaten geben könne. Nur diesen einen, alles andere musste Schwachsinn sein… Was wir daraus lernen können? Fragen stellen statt vermuten. Erst einmal beim Gegenüber etwas Sinnvolles vermuten. Nicht gleich eine eigene Meinung aufgrund vielleicht unvollständiger Wahrnehmung haben wollen. Das kann unser Miteinander für alle etwas einfacher, harmonischer machen. Das kann Missverständnissen und Missgunst einen Riegel vorschieben. Das kann Kriege vermeiden helfen. Warum ich das hier und heute berichte? Ich empfehle allen, mal folgenden Link aufzurufen, und zwar einmal dem Firefox-Browser und dann mal zur Abwechslung mit dem Internet Explorer. Viel Spaß dabei. Zum Abschluss noch eine Liste von Büchern, die ich seinerzeit als besonders wertvoll empfunden habe und die heute noch für mich Helferlein-Charakter haben: Kommunikation: Miteinander reden 1 – Störungen und Klärungen Miteinander reden 2 — Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung Miteinander reden 3 — Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation
Transaktionsanalyse: Thomas A. Harris / Amy Bjork Harris: Ich bin o.k. – Du bist o.k / Einmal o.k. – immer o.kEric Berne: Spiele der Erwachsenen: Psychologie der menschlichen Beziehungen |

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