Mein Schreibetagebuch: “Leben”

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Stressige Verwechslung

mit 4 Kommentaren

Leben 140 – Sonntag, 25.11.07

Wieder ein Erlebnis beim Bäcker, wieder etwas zu berichten von der Bäckereiverkäuferin. Diesmal ist eine andere Bäckerei, eine andere Bedienung, von der ich etwas zu berichten habe.

Es ist Samstag, ich habe einen großen Erledigungszettel, und ich bin nicht so ganz sicher, ob der Tag für so viel ausreicht, ein sportliches Programm liegt vor mir, will ich mal sagen. Ich betrete die Bäckerei zügig, bin auch schon gleich dran, frage nach meinem Brot, wobei ich leider nach der falschen Sorte frage, weil, das was die Bäckerin mir jetzt geben will, das will ich nicht, also sage ich, das will ich nicht, nein, ich will das andere da, das heißt ja fast genau so, ja, genau, das will ich!

Die freundliche Verkäuferin, sie bedient mich nicht zum ersten Mal, in einem gewissen Sinn kennt sie mich also, die freundliche Verkäuferin, nimmt mein Brot, das, das ich kaufen will, und sagt zu mir bestimmt, mit langsamer Stimme: „Ihr Deutschen, Ihr seid alle so stressig am Wochenende!“

Sie ist nicht in Deutschland geboren, das mag sein. Sie spricht ein sehr gutes Deutsch. Und sie spricht weiter: „Je hektischer Sie jetzt hier sind, desto langsamer bediene ich Sie!“

Ich? Hektisch? Okay, ich bin sehr interessiert daran, die Bäckerei in ca. 2 Minuten 30 zu absolvieren, um danach gleich zur Apotheke zu eilen, und schließlich in die Nachbarstadt zu fahren und und und. Aber hektisch? Nicht wirklich. ICH BIN NICHT HEKTISCH. Aber ich wirke so, oder?

„Warum seid Ihr Deutschen am Samstag so stressig?“ Okay, ich werde es ihr sagen. Weil ich unter der Woche nicht einkaufen komme, da sind die meisten Geschäfte schon zu, wenn ich nach Hause komme. So muss alles am Wochenende passieren. Und daher meine riesige Erledigungsliste.

Ich wedele mit meiner Liste durch die Luft, sie grinst, sie hat beschlossen mich jetzt maximal langsam zu bedienen, sie spürt, dass sie für die nächsten 60 Sekunden Macht über mich hat, und ich bin ihr gar nicht mal böse, sie hat doch recht, wo soll dieser Tag noch enden, wenn ich jetzt nicht einen dringenden Hinweis bekomme, dass dieser Tag ein erholsamer werden kann für mich, mit vielen Dingen, die ich erledige, aber auch mit vielen guten Begegnungen und Gesprächen, wenn ich es denn nur will.

Ich bezahle mein Brot, bedanke mich, wünsche noch ein schönes Wochenende und beschließe, dass ich jetzt vor allem eins nicht will: Hektisch wirken. Hektisch sein. Oder wie sie es nannte: Stressig.

Und im nachhinein betrachtet muss ich sagen, dass diese „meine“ Bäckereiverkäuferin mir ein sehr schönes Geschenk gemacht hat. Über den Tag hinaus. Nämlich die Chance zu erkennen für zukünftig nicht-„stressige“ Samstage. Oder überhaupt für nicht-„stressige“ Tage, will sagen, da kann ich nicht nur etwas für die Freizeit mitnehmen, das ist erst recht etwas für die Arbeit.

Was für ein Glück, dass ich die Brotsorte verwechselt hatte…

© Ulf Runge, 2007

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Written by Ulf Runge

25. November 2007 um 22:50

4 Antworten

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  1. Lieber Ulf,

    das ist eine schöne Geschichte. Wie schön, dass man immer mal auf Menschen trifft, die einen innehalten lassen…Deine Verkäuferin hat recht, wenn sie sagt, je stressiger der kunde, desto ruhiger ich selbst. Es nützt nämlich rein gar nichts, wenn man sich von stress anstecken lässt, das macht es nur noch hektischer.
    Ich hab in meinem Job glücklicherweise auch täglich die Chance, die Menschen ein wenig “zur Ruhe zu bringen”, wenn sie gehetzt von der Autobahn direkt zu uns zur Skimiete kommen, oder der Skilehrer schon wartet oder der Mann zur Eile drängt, da können wir sehr viel zur Erholung, zum Ruhigerwerden und zum “Runterkommen” beitragen.
    Liebe Grüsse, Andrea

    andrea2007

    26. November 2007 um 08:07

  2. Liebe Andrea,

    ja wenn man das immer könnte, wenn man in Eile ist, zu sich sagen, jetzt erst recht “langsam und ruhig und gut” statt “husch-husch und zappelig und mit bescheidener Qualität”…

    Danke.

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Ulf Runge

    27. November 2007 um 22:50

  3. Es ist schon ein grosser Fortschritt, wenn man sich dessen überhaupt bewusst wird…irgendwann geht es dann in fleisch und blut über… ruhige grüsse, andrea

    andrea2007

    28. November 2007 um 10:07

  4. :-)

    Ulf Runge

    28. November 2007 um 13:38


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