Kleiner Anfang
Leben 138 – Samstag, 24.11.07
Eigentlich wusste ich eben noch nicht so richtig, was ich heute schreiben werde.
Und dann. Dann glaubte ich zu wissen, über was ich jetzt schreiben will. Aber das vertage ich nun doch, wahrscheinlich „für immer“, weil es morgen oder übermorgen nicht mehr so interessiert. Das wäre gerade so, als würde ich heute die Top Twenty der englischen Charts in der fünften Woche von 1968 kommentieren. Egal!
Also! Soeben erfahre ich, dass ich morgen vormittag einen Termin habe. Suche die Straße im Internet. Sie ist schnell gefunden. Hier hätte das nun enden können, mit dieser Straße.
Aber ein Blick auf die Namen der Seitenstraßen lässt ein Schmunzeln bei mir aufkommen. Gedacht, getan. Mein heutiges Schreibexperiment startet.
Kleiner Anfang
Sehr wahr! Aller Anfang ist schwer, heißt es. Aber mit einem kleinen Schritt, einer kleinen Willensbekundung, ist der Anfang oft vollzogen. Manchmal reicht es, Öffentlichkeit zu erzeugen, und zu verkünden, was man denn nun anzufangen gedenke.
Zäher Wille
Das hört sich jetzt ein bisschen an wie „Kraft durch Freude“. Bevor ich da in ein ungewolltes, mir fremdes Fahrwassser komme, erscheint mir etwas Wiki-Suche angesagt. Da finde ich etwas sehr Interessantes, was mir hier und jetzt nicht direkt weiterhilft, aber vielleicht doch für ein paar amüsante Minuten dienlich sein mag: Liste merkwürdiger Straßennamen
Die von mir gesuchte historische Erklärung, finde ich dann im Stadtarchiv.
Und da steigt in mir ein ganz unangenehmes Gefühl auf. Da entsteht in den Jahren vor 1933 eine Wohnsiedlung, vornehmlich eine Arbeitersiedlung, idealistische Straßennamen sollen eine ganz besondere Stimmung in diesem Viertel erzeugen. Und meine lächelnd glänzenden Augen über diese orginellen Straßennamen verlieren sich in dem Unmut, dass optimistische Parolen der damaligen Zeit selbst heute noch mit einem Beigeschmack verbunden sind. Weil sie missbraucht wurden von der braunen Progagandamaschine.
So positiv der Ansporn auch sein mag, der vom Straßennamen „Zäher Wille“ auf mich überspringt, es gelingt mir nicht, daraus ausschließlich positive Gedanken und Worte zu erzeugen.
So belasse ich es denn hier mit diesen Ausführungen und zähle noch kurz auf, was für außergewöhnliche Namen man sich seinerzeit hat einfallen lassen für diese neue Arbeitersiedlung:
Große Ausdauer
Guter Fortschritt
Frohe Arbeit
Eigene Scholle
Frischer Mut
Starke Hoffnung
Neues Leben
Lichte Zeile
Freie Luft
Gute Erde
Starke Parolen, wertvolle Tugenden. Und doch: Unsere Sprache musste sich dafür entscheiden, sie ersatzlos zu vergessen, oder ihrem Sinn neue, unbelastete Begrifflichkeiten zu geben.
© Ulf Runge, 2007

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