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(Mögliche) Schlagzeile von morgen
Leben 137 – Freitag, 23.11.07
T-Straße. Zusammengebrochener Mann stirbt auf Gehweg an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Die Passanten auf der belebten Strasse nahmen keine Notiz von ihm, so dass er ganz ohne Hilfe blieb.
Ich war nicht so in Eile wie sonst, aber mehr als fünf Minuten Puffer hatte ich nicht. Ich entschied mich für den kürzeren Weg zum Bahnhof, entlang der T-Straße. Egal, wie ich mich entscheide, ich muss durch das Rotlichtviertel. Sieben Minuten entlang an Sexkinos und Sexshops, oder nur fünf Minuten in der T-Straße, vorbei an Sexkinos und Bordellen, eng an eng.
Wer hier läuft, hier in der T-Straße, hat es eilig, wird schon mal angesprochen, ob er es sich nicht ein bisschen „gemütlich machen“ wolle.
Oder hat es nicht eilig, sucht was Bestimmtes…
Oder man ist eine arme Kreatur, abgefüllt mit Alkohol, vollgepumpt mit Drogen, am Leben gescheitert, um Cents und Euros bettelnd, in der Hoffnung, durch die nächste Nacht zu kommen. Auf dass sie nicht so kalt werde. Auf dass es nicht regne. Auf dass kein Wind aufkomme.
Ich wähle T-Straße, gewinne dadurch zwei Minuten, bin auf halbem Weg zum Bahnhof, sehe einen Mann am Boden liegen, Seitenlage, eine leere Schnapsflasche neben ihm, den abgebrochenen Flaschenhals hält der der Bärtige fest in der Hand.
Er blutet nicht, er hat sich nicht übergeben, von Sinnen liegt er da, die Leute gehen um ihn herum, an ihm vorbei. Das ist hier nichts Besonderes, will heißen, das gibt es hier täglich, bitte nicht aufregen, das ist normal. Schau Dir das Elend an, Napalmbomben, Landminen, hungernde Gesichter, schau es Dir an, und es wird normal…
Ich gehe auch vorbei. Warum? Warum nicht?!
Bitteschön! Wie soll ich denn da helfen. Der ist doch viel zu schwer für mich. Wer hier unterwegs ist, in diesem Viertel, in dieser Straße, mit der Flasche in der Hand, der WILL sich doch besaufen, erniedrigen. Der ist doch am Ende. Fast. Der ist fertig mit der Welt. Und mit sich. Sowieso. Was soll ich da helfen? Und wie?
Ich merke, wie sich meine Schritte verlangsamen, ich denke, ich werde noch den Zug verpassen, wenn ich so weiterzaudere. Was soll das? Soll ich etwa zurücklaufen? Sei doch nicht albern, sage ich zu mir. Warum willst Du gerade heute helfen? Warum denn nicht schon früher einmal?
ICH WILL GAR NICHT! sage ich zu mir, laufe wieder weiter, schneller, denke, ich könnte die Polizei anrufen, die sollen mal nach ihm gucken, wofür gibt es denn die Polizei? Hier ist sonst so viel Polizei unterwegs, zu Fuß, im Streifenwagen, nur heute, wenn’s mal wichtig wäre…
Fehlanzeige! Aber die gehen hier sowieso regelmäßig Streife. Und kalt ist es heute auch nicht. Kein Regen. Der Mann da auf dem Gehweg, der hat sozusagen noch Glück, irgendwie…
Ich verwerfe meine Gedanken, weiß ja nicht mal genau die Hausnummer, wo es passiert war, pkay, das nächste Mal werde ich die Polizei rufen, aber helfen, stehen bleiben? Meinen Zug versäumen wegen so einem?
Schuhe anziehen. Ich kann mir doch nicht jeden Schuh‘ anziehen!!!
Glückes Schmied. Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich habe genug mit mir zu tun. Warum soll ich mich um hier um einen Wildfremden kümmern?
Heiß! Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß! Nächstes Mal gehe ich die K-Straße. Das kostet mich zwei Minuten. Aber nicht die Ruhe…
Die morgige Meldung? Sie wird mich nicht tangieren. Ich bin erst in drei Tagen wieder hier in der Stadt. Dann wird die arme Kreatur von der T-Straße schon eine Nachricht von vorgestern sein. Oder hoffentlich auch nicht.
Und auf der Titelseite der B-Zeitung werden wir statt dessen Fußballer, Sternchen, Schauspieler oder Enthüllungen lesen. Und sehen…
© Ulf Runge, 2007


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