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Archiv für 19. November 2007

Wenn der Tod den Weg kreuzt…

19. November 2007 Ulf Runge 25 Kommentare

 

Leben 134 – Montag, 19.11.07

Zehn Jahre war es jetzt her. Er hatte gerade seinen Arbeitsplatz gewechselt. Der zweite Tag in seinem neuen Büro. Tausend neue Dinge stürmten auf ihn ein. Er arbeitete sich gerade intensiv in die neuen Gegebenheiten ein. Darüber war es Abend geworden und er war tief versunken in ein Schriftstück, als ein Kollege den Raum betrat. Ein älterer Herr, einer mit Radiosprecherstimme, tief und sonor, tippte ihn väterlich auf die Schulter, sprach mit mitfühlender Stimme, seine Schwiegermutter hätte angerufen, er solle doch am besten gleich nach Hause kommen, man habe angerufen für ihn, sein Vater sei verstorben, heute nachmittag.

Fassungslos dreht er sich zu seinem Kollegen um, blickte ihn stumm an, war des Aufstehens fast nicht mächtig, fassungslos blickte er zum Überbringer der Nachricht, kämpfte mit den Tränen, nahm den Beileid seines Kollegens entgegen, packte seine Sachen, eilte nach Hause, telefonierte mit seiner Mutter, eingeschlafen sei er, ganz plötzlich. Sie war tapfer. Er würde noch kommen heute, gleich losfahren.

Zehn Jahre war es her. Dass der Tod ihn so plötzlich angeschaut hatte, ohne Vorankündigung, einfach da. Nun saß er hier im ICE nach Hamburg, wieder einmal war er unterwegs, um ein letztes Mal Geleit zu geben. Ein sympathischer Kollege, noch viel zu jung, blöde Floskel, natürlich sind junge Menschen zu jung zum Sterben, und auch bei diesem Kollegen war der Tod einfach vorbeigekommen, eingeschlafen war er, erst als er nicht mehr zur Arbeit kam, wurde er entdeckt.

Und nun saß er im Zug nach Hamburg, dachte erneut über das Leben nach, das Sterben, das Leben danach, den Sinn, über das Gute, und das Böse, und dass er nun mit 250 Sachen durch die Tunnel schoss auf dem Weg nach Norden. Kein Herbsttag wie bei seinem Vater damals, diesmal war es früher im Jahr, die Sonne brannte heiß, die Kollegen fuhren im Auto, er hatte sich für den Zug entschieden, er hätte sonst noch früher aufstehen müssen.

Lüneburg. Dort war die Heimat des Kollegen. Dort würde er aussteigen. Lüneburger Heide. Er war fünf Jahre alt, als seine Familie für ein Jahr in die Heide zog, sein Vater hatte endlich die lang ersehnte Stelle in Westdeutschland bekommen. Wilde Johannesbeeren und Stachelbeeren pflücken, über stillgelegte, zugewachsene Bahngleise laufen, im Karmann Ghia der Nachbarin mitgenommen werden zu einem Heidespaziergang mit ihrem Dackel, sich an einen Busch stellen und verschämt dorthin pullern, das stieg jetzt alles in ihm hoch.

Während der Zug nach Norden raste, ging er durch die vielen Winkel seiner Erinnerungen, die Zeit in der Heide wurde wieder lebendig vor ihm.

Dann die Einfahrt nach Lüneburg, eine große Kirche war von den Gleisen aus zu sehen. Aber nein, die Feier, die Abschiedsfeier sollte nicht hier sein, es war noch eine gehörige Distanz mit dem Bus zu fahren, eine halbe Stunde hätte er auf ihn warten müssen, er entschied sich, zu Fuß zu gehen, zog das Jackett aus, die Sonne brannte unerbittlich, der Schweiß rann ihm hinunter. Sein Durst nahm zu und als er endlich fast schon am Friedhof angekommen war, sah er ein Sportgelände, mit Gaststätte, da saßen seine Kollegen, tranken etwas gegen die Hitze und den Durst, sie waren ja alle noch zeitig.

Betreten schweigend schauten sie den Kindern zu, die da den Ball hin- und herbewegten, schreienderweise das Leder kickten. Und sie erzählten über den toten Kollegen, so unfassbar, so plötzlich. Bedauerten seinen Verlust. Viele Menschen waren erschienen, Abschied zu nehmen, gebrochene Eltern standen am Grab, das Weinen wollte nicht enden.

Sie, die Kollegen, sollten doch bitte mitkommen, man habe etwas vorbereitet, in der Wohnung der Eltern. Keine Gaststätte, kein Nebenzimmer, kein Gemeindesaal. Eine herzliche Atmosphäre schlug ihnen entgegen, sämtliche Zimmer der Wohnung waren bald gefüllt, die Sitzmöglichkeiten erschöpft, die meisten standen. Kaffee und Kuchen, irgendwie ging das schon, auch so. Man erzählte über ihn, den Verstorbenen, und er war hier so präsent: Familienfotos an der Wand, persönliche Gegenstände, über die die Familie Begebenheiten zu berichten wusste. Und so lernte er seinen Kollegen, von dem er gerade Abschied genommen hatte, auf einmal kennen wie vorher nicht, gerade so, als würde es Sinn machen, doch noch etwas ihn zu erfahren, als ginge der gemeinsame Weg weiter…

Und dann saß er wieder im Zug, raste mit 250 Sachen nach Hause, wunderte sich über das Leben, und noch mehr über den Tod, der ohne Vorankündigung kommt, und dass die Alten zuerst dran sind und dann die Jungen, das weiß vielleicht die Statistik, im Leben ist es anders. Da gibt es keine Vorherberechnung. Höchstens eine mit negativen Prognosen, krankheitsbedingt etwa. Und überlegte sich, wie er dazu stehe, und dass ihm eigentlich der Lutherspruch ganz gut gefiele, dass er sehr wohl noch einen Baum pflanzen würde, heute, wenn er wüsste, dass es morgen vorbei sei.

Doch das mit dem Vorherwissen, darum ging es ja heute gar nicht. Nein, er würde an seinem heutigen Leben wohl nichts ändern, wenn es morgen vorbei wäre, aber er wollte von jetzt an noch viel bewusster leben, das nahm er sich vor.

Und raste durch den späten Abend. Mit 250 Sachen.

Kam gut an zu Hause. Mitgenommen von der Trauer zwar, aber auch befreit durch das Erinnern und Nachdenken.

Kam also gut an.

Die Geschichte wäre hier eigentlich zu Ende.

Nicht verschwiegen werden aber soll, dass am nächsten Tag, auf genau dieser Strecke, dort wo er gestern noch fuhr, seinem Kollegen das Geleit zu geben, dass auf dieser Strecke dieses fürchterliche Unglück geschah, als ein ICE in wenigen Sekunden die Gleise verließ, der Tod auf einmal gegenwärtig war für ahnungslose Reisende, als auf einmal die Gemeinde Eschede ungewollte Bekanntheit erwarb, von jetzt auf nachher.

© Ulf Runge, 2007

 

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