Mein Schreibetagebuch: “Leben”

Schön, dass Du hier liest!

Im Gleis

mit 3 Kommentaren

Leben 128 – Dienstag, 13.11.07

Ich hechte zum Zug, bin noch rechtzeitig genug da, um nicht auch noch durch die komplette Erste Klasse laufen zu müssen, betrete den Zug, der, wie fast jeden Abend, Kreuzungseinfahrt hat. Kreuzungseinfahrt! Ist das nicht ein schöner Begriff?

Man stelle sich mal vor, da käme jetzt eine Kreuzung hereingefahren, eventuell von einer Wanderbaustelle, die auf dem Rücken einen Rucksack mit Thermosflasche und Pergamentpapierbroten hat…

Kreuzungseinfahrt bedeutet für meinen Zug, dass ein anderer Zug noch mal vorher über seine Gleise rüber muss, bevor er dann rausfahren darf. Aber der Gegenzug verspätet sich heute, später werde ich wissen warum, aber eben erst später, und deshalb dürfen wir heute fast pünktlich raus.

Auch eine „Aufnahme von Anschlussreisenden“ ist heute nicht angesagt, und auch diese hat wider Erwarten nichts zu tun mit einem Fototermin, den man für einsame Vagabunden arrangiert.

Der Zug ist gut gefüllt, und da ja jeder alleine sitzen will, auch ich übrigens, sind alle Reihen in den Großraumwaggons mit mindestens einer Person belegt. Oftmals finden sich auf den dann vermeintlich freien Sitzen sogenannte prohibitive Gepäckstücke,sozusagen die Sonnenliegestuhlhandtücher der Bahnreisenden. So gehe ich weiter durch den Zug und überlege, wo ich mich denn nun dazusetzen möchte, frage mich, ob die Person neben mir mehr Platz beanspruchen wird, als ihr eigentlich zusteht, das fängt dann an mit dem Kampf um die Mittellehne, so wie im Kino oder Theater, es folgen bisweilen – versehentlich natürlich – Ellenbogenstöße, so ganz leichte, fast nicht spürbare, sozusagen gehaucht. Unbemerkt von sich selber schiebt der Nachbar seinen Rucksack auf meine Füße, was ich natürlich ignoriere und ihn damit verunsichere. Nach langen Minuten des gegenseitigen Taxierens von der Seite, die Augen bleiben dabei brav schön geradeaus gerichtet, fällt meinem Nebensitzer ein, dass er meine Zwangslage nun ja zufällig bemerken könne und entschuldigt sich geflissentlich dafür.

Ich überlege also immer noch, wohin ich mich setzen möchte. Laufe weiter. Hoffe, dass die Person neben mir nicht so arg riechen wird nach einem anstrengenden Tag, hoffe, dass, wenn sie dann doch unangenehm riechen sollte, dass dann wenigstens ein wohlriechendes Eau de Irgendwas in der Luft liegt, hoffe, dass ich selber heute nicht so transpiriert habe, dass meine Anwesenheit zu Befremden führt, hoffe, dass mein Deo hält.

Ich betrete den letzten Wagen, muss mich jetzt entscheiden, habe Glück. Es wird eine friedliche Fahrt werden, keine Spielchen um Sandkastenförmchen sind zu erwarten.

In der Luft hängt ein Telefonat, eine gehört werden wollende Stimme teilt uns hier großraumwagenbeschallenderweise mit, dass der neue Laptop ja fantastisch flach sei, einfach geil, und das Design und überhaupt. Mein Augen scannen die anderen Mithörer ab. Belustigte konzentriert-in-das-Buch-guck-Blicke sind hier ebenso zu finden wie einfach nur wissende Blicke, wissende Blicke, die sich auf das nahende Funkloch freuen „Hallo. Verstehst Du mi…? Hallo, Du ich glaube, das ist jetzt ein Funk… Was hast Du? Ja, Funkloch!“ Wissende Blicke, die darauf vertrauen, dass jeder Accu irgendwann einmal leer ist. Wobei, wir sitzen hier in unmittelbarer Nähe von Steckdosen.

Jetzt wird es spannend, die Ohren der Mitreisenden werden lang und länger, spitz und spitzer: Der Handtascheninhalt wird akustisch über uns ausgebreitet, nach dem Pflanzendüngemittel ist dann allerdings Schluss, weitere Geheimnisse werden der Öffentlichkeit bis auf weiteres nicht zugänglich gemacht.

Aus unerfindlichen Gründen handelt sich dann doch bei diesem Telefonat um ein endliches, bei dessen Ende sich die Blicke der Wissenden noch einmal treffen, froh, ob der nun zu erwartenden Ruhe, ein wenig traurig über die Unvollständigkeit der Handtascheninhaltsbeschreibung.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, das Telefonat wird noch einmal fortgesetzt, die Fetzen „Im was? Ja, im Boot!“ sind das letzte, was hier ausgetauscht wird, dann bleibt es ruhig, selbst als der Zug eine heftige Verspätung einfährt. Wobei, die fährt er nicht ein, die steht er besser gesagt ein.

Nach langsamer Fahrt kommt der Zug dann unverhofft außerhalb des nächstens Bahnhofs zu stehen, für Scheibengucker bietet sich die Chance, in einen anderen, ebenfalls hier unerwartet eingeparkten Zug herüberzusehen.

Höchst informative Nachrichten werden jetzt folgen, dafür ist die Bahn bekannt, davon leben ja unzählige Comedians, meine Lieblingsnummer ist die von Bastian Sick, der mit dem Dativ, der dem Genetiv sein Tod ist, diese Nummer über die Bahn, die ist so, ich sag mal rattenscharf, dass ich gebrüllt habe vor Lachen. Mittlerweile berät Herr Sick allerdings die Bahn, möglicherweise sind das auch schon die neuen Texte, die man inzwischen hier und heute hören kann.

„Zugführer bitte bei Lokführer melden!“. Nicht wie im Supermarkt „Die 11 bitte die 20“, was ja bedeuten könnte, dass gerade schwerbewaffnete Räuber im Büro des Filialleiters stehen. Nein, ein ganz harmloses, Transparenz schaffendes „Zugführer bitte bei Lokführer melden!“ zischt hier durch den Zug. Vielleicht will ja Status machen. Vielleicht gefällt ihm die Powerpoint-Folie auf Seite 7 bezüglich der Verspätungen nicht, das muss der Zugführer aber bitte noch mal nacharbeiten.

Wir stehen weiterhin. Jetzt steigert sich der Informationsgehalt im Äther ins Unermessliche: „Die Einfahrt kann sich noch verzögern wegen Personen im Gleis.“ Das ist ja ein ganzer Roman, der hier vor den Fahrgästen ausgebreitet wird.

Obwohl wir stehen und es offensichtlich ist, dass sich die Einfahrt bereits verzögert hat, lässt diese Nachricht noch einer Eventualität Raum, die uns Fahrgästen möglicherweise jetzt noch nicht so klar ist. Es besteht ja immerhin noch die Möglichkeit, dass es zu keiner Einfahrt kommen wird, so dass das Hilfsverb „kann“ voll und ganz zu recht hier seine Anwendung findet.

„Personen im Gleis“ – Das ist eine Aufgabe, ungleich schwieriger zu lösen als die des Koblenzer Kampfmittelräumdienstes vom vergangenen Sonntag, als es galt, eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg mit abgebrochenem Zünder zu entschärfen. Nein, „Personen im Gleis“, das ist höllisch schwierig. Neben dem Gleis oder gar auf dem Gleis, klar, da schickt man jemanden hin, und dann sagt man: „Bitte, könnten Sie mal eben den Zug da durch lassen?“ Aber „im Gleis“? Da fragt man sich, durch welchen Voodoo es diese Menschen geschafft haben, sozusagen voll und ganz Teil des Gleises zu werden.

Um die Fahrgäste bei guter Laune zu halten, werden jetzt erst einmal Fahrscheine kontrolliert, das lenkt ab, ermöglicht auch die kompetente Kommunikation zwischen Bahnpersonal und Fahrgästen. „Nein, weiß ich nicht.“ „Sollten Sie bitte auf die Lautsprecherdurchsagen am Bahnhof achten.“ „Nein, habe ich keine Ahnung.“ Das sind die vertrauensstiftenden Phrasen, die in zielgruppenorientierten Kursen den Bahnbediensteten nahe gebracht worden sind. Jetzt werden die Früchte dieser Qualifizierungsmaßnahmen geerntet.

Weiterhin kann sich die Einfahrt verzögern gemäß einer Durchsage, die nach wie vor live gesprochen durch die Luft bröselt und immer noch nicht vom Band kommt.

Aha! Inzwischen ist kräftig recherchiert worden, die nächste Ansage lautet, das sich die Einfahrt (weiterhin) verzögern kann, wir sind uns also immer noch unsicher nach fast einer halben Stunde, aber diesmal gibt es zwei Ursachen: „Wegen Polizeieinsatz und Personen im Gleis“. Wir werden allerdings damit alleine gelassen, ob der Polizeieinsatz eine weitere Ursache der (möglichen) Verzögerung ist oder eine Folge der Tatsache, dass es Menschen geschafft haben, „im Gleis“ zu sein.

Die Bahn steigert die Dramatik, es ist jetzt die Rede von einer (real existierenden) Verzögerung, und zwar auf „unbestimmte Zeit“. Nichts genaues weiß man nicht, und genau das beginnen die Handyfonierer vor mir und hinter mir und wo auch immer im Abteil nun der ganzen Welt mitzuteilen.

Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit bewegt sich der Zug neben uns, fährt an und weiter, und dann auch wir, und die Anschlüsse sind weg. Zusammen mit einem anderen Pendler besteige ich ein Taxi, nachdem der nachfolgende Nah- und Anschlussverkehr Verspätungen jenseits von Gut und Böse ankündigt. Als wir zum Ausdruck gebracht haben, dass wir eigentlich zum nächsten Bahnhof wollen, fragt uns der nette Fahrer: „Na, zu früh ausgestiegen?“

P.S.: Allen Personen, die sich heute abend AUF dem Gleis befunden haben mögen, wünsche ich, dass sie keinen Schaden an ihrer Gesundheit genommen haben.

© Ulf Runge, 2007

Add to Technorati Favorites

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Lieber Ulf, herrlich Deine scharfsinnige Betrachtungsweise, da spricht sehr viel Erfahrung rund ums Zugfahren mit, man hat das Gefühl, man sei dabei gewesen…Musste viel schmunzeln…
    Und trotz Deiner humorvollen Schilderung, genau all diese Dinge (und die “Verzögerung ist dabei nicht das schlimmste) sind Gründe, warum ich Zugfahren einfach nicht mag…Liebe Grüsse Andrea

    andrea2007

    14. November 2007 um 08:40

  2. Liebe Andrea,
    danke für Dein Kompliment. Ja, wer Zug fährt, wird halt immer mehr zum Zugfahrer…
    Schön, dass Du Dich sozusagen “dabei” gefühlt hast.
    Schade, wenn Du natürlich nie Zug fährst, wirst Du auch nie in den Genuss kommen, der sich mir werktäglich bietet. Ich werde weiter berichten…
    LG, Ulf

    Ulf Runge

    14. November 2007 um 22:55

  3. Lieber Ulf, ich fahre ab und zu schon Zug, und daher bin ich froh, dass ich Zugfahren nun durch Deine Erzählungen “aus der Ferne” geniessen kann:-)
    Lgr Andrea

    andrea2007

    17. November 2007 um 07:36


Einen Kommentar schreiben