Äppelwoi

Leben 122 – Montag, 05.11.07

Apfelwein darf zukünftig nur noch so heißen, wenn er aus Weintrauben gewonnen wird. So will es die EU beschließen.

Dass hinter dieser Neuregelung ein Generalangriff auf unsere Sprache und mehr noch, auf unser tägliches Leben, steht, mag nicht allen so klar sein, wie etwa mir. Aus wohlunterrichteten Kreisen, die sich zukünftig auch nicht mehr so nennen dürfen, da sie mit Geometrie aber auch überhaupt gar nichts am Hut haben, aus diesen gerade mal noch heute so genannt werden dürfenden Kreisen, verlauten folgende, noch undementierte Gerü/ichte:

Im traditionellen Kölner Goudakäse-Roggenbrötchen muss zukünftig mindestens 50% Geflügel mitverwertet werden, damit sich der „Halve Hahn“ auch weiterhin so nennen darf.

Wurstsalat darf zukünftig nur noch dann so heißen, wenn er zu mindestens 50% nitratbelastete Freilandsalate enthält.

Das Radler darf zukünftig nur dann als solches getrunken werden, wenn es mindestens 5% Kettenöl enthält.

Leberkäs muss zukünftig aus Käse hergestellt werden. Sonst nichts!

Salatdressing – egal welcher Geschmacksrichtung – muss zukünftig 5% textile Anteile enthalten.

Das in Bayern beliebte Fleischpflanzerl darf zukünftig nur noch rein vegetarisch serviert werden.

Tafelspitz darf nur noch Hund enthalten, zu mindestens 50% natürlich von der namensgebenden Rasse.

Apfelstrudel darf nur aus Wasser hergestellt werden, das in den letzten 3 Stunden vor dem Verzehr in einem Wasserstrudelungsgerät in Bewegung gehalten wurde.

Die beliebte Bayerische Dampfnudel darf zukünftig nur noch aus Spätzleteig hergestellt werden, wobei auch hier zu beachten gilt, dass dieser ab sofort zu mindestens 25% Hausspatzenfleisch enthalten muss.

Ja und der Kaiserschmarrn muss in Zukunft die neue EU-Richtlinie enthalten, und zwar auf hauchdünnem Marzipan aufgedruckt…

Doch die Pläne der EU gehen über diese kulinarischen Gaumenfreuen hinaus!

Baumschulen werden sich damit abfinden müssen, dass für jeden Jahrgang mindestens ein echter Schüler mit in die nächste Klasse geschleust werden muss, anderenfalls wird der Titel „Baumschule“ aberkannt. Die Kultusministerkonferenz will jetzt kurzfristig reagieren durch Einrichten des Studienschwerpunktes „Baumlehrer“.

Sehr spannend stelle ich mir schlussendlich die Kampfabstimmung für das Apfelwein-Gesetz vor, etwa, wenn per Hammelsprung abgestimmt wird, d.h. die Abgeordneten alle raus müssen aus dem Plenarsaal; jeder Tür wird eine andere Auswahlmöglichkeit zugeordnet; beim Wiederreingehen wählt nun jeder genau die seiner Entscheidung zugeordnete Tür. Ob die EU hierbei darauf bestehen wird, dass die Abgeordneten dabei durch die Tür springen? Oder wird sie sogar darauf bestehen, dass es sich um Hammel handelt, die hier abstimmen?

Und was bleibt den Apfelwein-Herstellern und –Trinkern? Etwa die Genugtuung, dass sie sowieso nichts mit Apfelwein am Hut haben? Weil es für sie Äppelwoi ist? Ein Prosit auf die Bürokratie, die uns auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens einstimmt. Wer über Apfelwein diskutiert, geht auf keine Demo, politisiert nicht über Berlin, Birma, Pakistan.

© Ulf Runge, 2007

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  1. 5. November 2007 um 10:31 | #1

    Hahaha, grossartig, lieber Ulf, habe laut gelacht. Klasse, wie du diese vielen Beispiele findest und umsetzt. Danke!lgr Andrea

  2. Ulf Runge
    5. November 2007 um 22:53 | #2

    Liebe Andrea,

    danke schön für Dein Feedback.
    Schön, wenn’s gefällt…

    LG, Ulf

  3. 7. November 2007 um 19:24 | #3

    Stelle gern einen weiteren Leckerbissen zur Verfügung:
    Den in der Pfalz allseits bekannten SAUMAGEN!!!
    Was der wohl beinhalten muss, um seinem Namen gerecht zu werden?
    Nun… da Schweine so ziemlich alles fressen, dürfte die Phantasie wohl keine Grenzen kennen… :-)

    Schöne Grüße aus der Pfalz.

  4. Ulf Runge
    8. November 2007 um 00:19 | #4

    Liebe Claudia,

    danke für den SAUMAGEN!

    Ich setze noch etwas Badisches drauf: Schupfnudeln, wobei ich deren alternative Bezeichnung hier nicht zum Besten gebe :-)

    Herzliche Grüße zurück aus dem Badischen…

    LG, Ulf

  5. 8. November 2007 um 08:22 | #5

    Da kann ich mich nicht beherrschen, in der Schweiz gibt es „Bärendreck“ zu essen, ich meine, seit der Bär ausgewandert und mittlerweile tot ist, wahrscheinlich nicht mehr oder was denkt Ihr?
    ;-)

  6. Ulf Runge
    9. November 2007 um 00:35 | #6

    Ja, Bärendreck, lecker, das ist Lakritze, oder?
    Ansonsten: Zu Bärenangelegenheit schweige ich mich aktuell aus.

    Oh, da fällt mir eine Gestalt aus den griechischen Sagen ein, die Pampelmuse. :-)

    LG, Ulf

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