Freude auf den Winter
Leben 121 – Freitag, 02.11.07
Als wetterignoranter Schreibtischtäter, der zwischen Wohnung, Auto, Zug und Büro hin- und herpendelt, der an den überwiegend trockenen und freundlichen Abenden und Wochenenden der vergangenen Wochen fast keinen Anlass fand, den Herbst als solchen zu begreifen und den nahenden Winter zu ahnen, als derartiger homo non-meteorologicus sitze ich nun hier, stelle fest, dass ich zeitläuftebedingt immer noch nicht alle Uhren auf Winterzeit umgestellt habe, und mich heute Abend zum ersten Mal intensiver mit der gewordenen Jahreszeit auseinandersetze.
Ich freue mich. Z.B. aufs Schlittschuhlaufen. Obwohl ich dieses Jahr kein einziges Mal in die Inliner gestiegen bin, freue ich mich wie ein König darauf, dass nun die Saison wieder beginnt, dass ich wieder auf Kufen übers Eis gleiten darf, wobei gleiten ist vielleicht eine Nummer zu elegant formuliert, laufen und rutschen passt hier besser. Auch wenn ich mir vorstellen kann, dass es besonders erhebend sein muss, über zugefrorene Seen und Flüsse zu fahren, die Natur in ihrer Stelle genießend, locker-leichte Schneeflocken um die Nase stübend, so ist für mich doch kein Widerspruch, Freude daran zu gewinnen, bei Disco-Musik und Disco-Beleuchtung ausgelassene Runden auf dem Kunsteis zu drehen.
Nachdem nun die Winterreifen montiert sind und der Eiskratzer und die Abdeckplane für die Scheiben wieder in Betrieb genommen wurden, das Blumenbeet abgeräumt ist und morgen noch die Bäume geschnitten sein wollen, steht nun noch eine für mich sehr schmerzliche Umstellung an: Langarmhemden! Ich hasse Langarmhemden! Kaum habe ich sie an, wollen die Ärmel auch schon hochgekrempelt sein. So bin ich halt.
Ich hasse Langarmhemden, habe ich soeben geschrieben, aber das meine ich natürlich nicht so. Wenn man sieht, wie gut es einem geht, dass man die Wahl hat, ob man frieren oder schwitzen möchte, eine Qual der Wahl auf sehr hohem Niveau, und das dann vergleicht mit dem Schicksal der Menschen, denen die Natur, die entfesselte Natur, die womöglich durch den Menschen so wild entfesselte Natur, die womöglich durch den ungebremsten Konsum der wohlstandverwöhnten Menschen so entfesselte Natur, denen diese Natur die Familie weggenommen hat, die Freunde, die Freude, die Wohnung, all ihr Vermögen, und zuletzt womöglich die Hoffnung, wenn man das für Sekunden in der Tagesschau sieht, bevor dann die unsrige Wetterkarte kommt, und zu unserem Missvergnügen Temperaturen vorhersagt, die für die Jahreszeit zu kalt oder zu warm sind, leichte Niederschläge oder frostige Scheiben, wenn man also sieht, wie gut es einem geht, dann ist man ganz schnell still bei der Frage nach langärmligen Hemden.
Jetzt werden wir wieder überall aufgefordert werden zu spenden, Reinerlöse, die direkt für einen guten Zweck weiterverwendet werden, werden uns angepriesen, die Telefone werden besetzt sein, in Laufschrift wird für Sekunden unser Name auftauchen, dahinter ein Euro-Betrag, oder wir werden das mit der Laufschrift nicht wollen, egal, wir werden die Hoffnung haben, irgendwo auf dieser Welt die Not ein wenig lindern zu können.
Bis morgen abend werden wir einen Schulranzen packen, einen alten ausrangierten, gefüllt mit uns empfohlenen Geschenken für die Empfänger dieser Aktion. Irgendwo wird dieser Schulranzen dann hoffentlich etwas Freude spenden, ein Tropfen auf einen heißen Stein, aber bloß weil der Stein so groß und heiß ist und vom Wasser nicht genügend da ist , nur deshalb aufs Löschen verzichten? Nein!
Hier ein Link zur Organisation, die unseren „Alten“ erhalten wird: GAiN.
Friedhofsstimmige Novembersonntage stehen uns bevor, bis uns dann total plötzlich und völlig überraschend die Adventszeit in ihren Bann ziehen wird. Während in den Firmen absolute Hektik ausbrechen wird, um die gesetzten Ziele auch wirklich zu erreichen, werden die Menschen besinnlich den Advent feiern… Nicht wirklich, oder? Weihnachtsfeiertermine werden einander jagen, Geschenke wollen rechtzeitig gekauft und womöglich in Paketen verschickt werden, selbstgemachte Fotokalender und sonstige persönliche Geschenke müssen rechtzeitig fertig werden, wir werden wieder wie jedes Jahr mit Vollgas auf Weihnachten losstürmen, um am Ende der Bremsspur festzustellen, dass das Fest der Besinnung schon wieder vorbei ist, wir werden uns was Gutes für das Neue Jahr vornehmen, einander zuprosten, und die guten Vorsätze spätestens am 3. Januar das erste Mal brechen.
Nicht nur die Tage werden kürzer, auch die Monate!
Vielleicht aber werden wir uns doch die Zeit nehmen für einen Spaziergang durch den Blätterwald, für einen Besuch bei lieben Menschen, für einen Erzählabend bei Kerzenlicht. Vielleicht gelingt es uns ja, ein wenig die Briefschulden abzubauen, oder endlich mal die geschossenen Fotos auch anderen verfügbar zu machen. Mal wieder ins Theater gehen oder einen Spieleabend machen, die langen Abende der kurzen Tage als Chance sehen.
Ich freue mich auf den Winter, nicht nur weil ich weiß, dass hinter ihm schon der Frühling wartet mit zurückkehrenden Zugvögeln und blühenden Krokussen. Ich freue mich auf den Winter, weil er Chancen bietet für andersartige Gemütlichkeiten als der Sommer. Drinnen, in der hoffentlich warmen Stube.
© Ulf Runge, 2007

Hallo Ulf, danke für die Einladung auf Deinen Blog, der ich gerne folge. Was Du über das Langarmhemdenhassen schreibst, hat mich berührt – es ist auch für mich wahr. Erst gestern habe ich zu einer Freundin gesagt, dass ich noch nie so wenig Lust auf Winter hatte wie dieses Jahr. Ich habe meine Meinung geändert. Du hast mich überzeugt
Liebe Grüße
Sandra
Lieber Ulf, auch ich kann die „dunklen“ Tage genießen. Da ist es drinnen so schön gemütlich.
Was mich aber wehmütig macht, ist der Umstand, wie schnell schon wieder das Jahr dahin gegangen ist. Zehn Monate schon vorbei, obwohl es mir so vorkommt, als hätte ich erst vor wenigen Tagen auf der Terrasse meiner Nachbarn gestanden und das Silvester-Feuerwerk fotografiert.
Sie eilt dahin die Zeit, und die Endlichkeit des Lebens wird mir zunehmend bewusster. Das macht mich doch sehr melancholisch.
Lieber Gruß von Renate
Liebe Sandra,
schön, dass Du so schnell den Weg hierher gefunden hast.
Schön, wenn Du jetzt doch etwas Vorfreude auf den kommenden Winter hast.
Danke, dass Du mich sofort verlinkt hast
LG, Ulf
Liebe Renate,
Du hast recht, obwohl die Tage objektiv genauso lang sind wie vor zwanzig Jahren, nimmt das Tempo laufend zu, mit dem wir unterwegs sind.
Wichtig ist, dass wir die gleiche Geduld mit uns haben, die wir von den Jungen einfordern.
Ich wünsche Dir, dass Du neben der Melancholie auch den Erntedankkorb siehst, der sich zunehmend füllt.
LG, Ulf