Archiv
Blödeleien #2: Schleimende Reime #1: Vom und von „asen“
Leben 145 – Freitag, 30.11.07
Als am Stuttgarter Wasen
fünf Hasen
in der Zeitung lasen:
Neues von Vettern und auch ihren Basen,
von ätzenden Säuren und laugenden Basen,
von Moskitostarts auf Flughafen-Basen,
da wollten sie alle mit Mündern und Nasen
auf Wiesen und Rasen gerne mal grasen,
Blümelein pflücken für tönerne Vasen,
und dem Mondlaufe folgen mit all seine Phasen,
und träumen vom Bürgersteigkanten Abfasen,
vom Ritt auf Kamelen zu wüsten Oasen,
von Kreuzworterätsel lösenden Asen,
und vom Dreschen sinnloser Meeting-Phrasen.
© Ulf Runge, 2007
Botschafter in Afrika: L oder J?
|
Leben 144 – Donnerstag, 29. 11.07
Bei einem meiner früheren Arbeitgeber hatte ich das Glück, auf ein Vorbereitungsseminar für die Management-Laufbahn gehen zu dürfen. Glück, nicht weil ich durchfiel, sondern aufgrund der Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen durfte. Glück auch, weil ich hierdurch aufmerksam wurde auf so spannende Themenbereiche wie Transaktionsanalyse und Kommunikation. Was will ich hier nun berichten? Das Seminar fand ich einem Hotel im Schwarzwald statt, wir waren ungefähr 16 Teilnehmer, dann waren da Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Personalabteilung, und für mich am wertvollsten war ein sehr sympathischer Psychologie, der uns immer wieder in Theorieeinheiten und Gesprächsrunden Gelegenheit gab, um uns selbst und den Umgang mit anderen zu reflektieren. Zusätzlich gab es Rollenspiele, die im wesentlichen dazu dienten, uns auf den Prüfstand zu nehmen, herauszufinden, wer den geeignet sei, Manager zu werden, ohne dass wir wirklich wussten, welcher Typus gesucht war, der Knallharte oder der Einfühlsame? Die härteste Übung, an die ich mich erinnern kann, war ein fiktives Gespräch, das ich als junger Chef mit einem älteren Mitarbeiter, gespielt durch den Psychologen, zu führen hatte. Ich sollte diesem inzwischen auf dem Arbeitsmarkt relativ chancenlosen Mitarbeiter klar machen, dass seine Leistung inzwischen unter aller Kanone war, und dass meine Geduld auch am Ende sei und ich ihn jetzt kündigen würde. Der Widerstand meines Gegenübers war heftig, er zog alle Register, zunächst die Mitleidstour von wegen Arbeitsmarkt, Familie, sozialer Ruin usw. Ich fühlte mich extrem schlecht während dieses Gesprächs, und das merkte er wohl auch, fing dann Metakommunikation mit mir an, wie ich mich denn wohl fühle, wenn ich junger Spund einen alten Hasen vor die Tür, ob ich denn wirklich so ein knallharter Hund sei, ich würde doch nur machen, was das obere Management von mir erwarte. Als er mich dann fast weich geklopft hatte, überraschte er mich durch eine aggressive Tour: Ich könne seine Arbeit gar nicht beurteilen, ich hätte meine Hausaufgaben hinsichtlich Führung und Beurteilung nicht gemacht, da könne ich mich aber schon einmal auf ein nettes Gespräch mit dem Betriebsrat gefasst machen, da solle ich mich mal ganz schön warm anziehen. Dieses Seminar bleibt mir aber hauptsächlich aufgrund folgender Begebenheit in Erinnerung. Vier von uns durften aktiv mitspielen, ich war bei den anderen, die zuschauen durften. Die vier Teilnehmer saßen jeweils einzeln an Tischen, die wiederum jeweils drei Meter voneinander in einem Rechteck angeordnet waren. Wir Zuschauer saßen in genügend Abstand im Hintergrund. Die Teilnehmer hatten nun die Aufgabe, aus vier fiktiven Personenbeschreibungen eine Person auszuwählen, die für eine fiktive Aufgabe am besten geeignet war. Zu jeder Person erhielten die Teilnehmer also ein Blatt Papier mit Lebenslauf und einer Beschreibung der Kenntnisse und Erfahrungen. Eine einfache Übung, sollte man meinen. Nachdem die vier Teilnehmer sich die Profile der Kandidaten durchgelesen hatten, sollten sie nun bestimmen, wer von diesen Bewerbern als Botschafter nach Afrika sollte. Nichts leichter als das, dachte ich mir, da hier ja niemand jemandem verpflichtet ist etwa wie im richtigen Leben, würden die sich spätestens nach fünf Minuten einigen. Interessanterweise wurden drei der vier Bewerber als am besten geeignet vorgeschlagen, so dass sich doch nun eine Diskussion entsponn, wer denn am besten geeignet sei. Jeder stellte die Vorzüge seines Favoriten sehr ausführlich vor, und so langsam fing es an zu knistern. Die Sachebene war fast nicht mehr zu erkennen, die Argumente wurden lauter. Die Teilnehmer schüttelten nur den Kopf über die Argumente ihrer Mitstreiter bzw. Kontrahenten, und wir Zuschauer waren zunächst belustigt und dann empfanden wir eine merkwürdige Stimmung, als seien wir hier deplaciert. Nach gut 30 Minuten heftigen Diskutierens, und 30 Minuten können verdammt lang sein, wenn eine Situation eskaliert und man am liebsten Mäuschen spielen möchte und abhauen, nach also einer guten halben Stunde, fragte dann einer der Teilnehmer, er kapiere nicht so ganz, warum denn Kandidat A nach Afrika solle, der spreche weder Englisch noch Französisch! Er solle jetzt mal nicht unsachlich werden und mal lieber genau hinsehen, er sei doch wohl noch des Lesens mächtig, oder, dann solle doch mal im den dritten Abschnitt den ersten Satz zur Kenntnis nehmen, da stehe doch, dass er in London und Marseille studiert habe und selbstverständlich diese Sprachen spreche. Wo das denn stehe? Lesen könne er! Da! Die Augen müsse man halt aufmachen! Jetzt stand der eine auf, für wenige Sekunden dachte wir, jetzt setzt es Dresche, jetzt muss man einschreiten, die prügeln sich jetzt hier, aber dann… … dann nahm der eine seinen Zettel und gab ihm dem anderen, und der andere las den Zettel des ersten, und dann schwiegen sie. Ein Grinsen huschte über die Gesichter, entschwand, die Erkenntnis, hier und jetzt über das Miteinander etwas gelernt zu haben, dass „Miteinander reden“ beim Zuhören anfängt und sich beim Nachfragen fortsetzt, diese Erkenntnis drang für alle Beteiligten im Raum unvergesslich tief in die persönliche Erfahrungswelt ein. Da hatten also alle vier Teilnehmer verschiedene, und eben auch widersprüchliche Profile über die Kandidaten ausgeteilt bekommen. Jeder war aufgrund der ihm vorliegenden Informationen felsenfest sicher, dass es nur einen geeigneten Kandidaten geben könne. Nur diesen einen, alles andere musste Schwachsinn sein… Was wir daraus lernen können? Fragen stellen statt vermuten. Erst einmal beim Gegenüber etwas Sinnvolles vermuten. Nicht gleich eine eigene Meinung aufgrund vielleicht unvollständiger Wahrnehmung haben wollen. Das kann unser Miteinander für alle etwas einfacher, harmonischer machen. Das kann Missverständnissen und Missgunst einen Riegel vorschieben. Das kann Kriege vermeiden helfen. Warum ich das hier und heute berichte? Ich empfehle allen, mal folgenden Link aufzurufen, und zwar einmal dem Firefox-Browser und dann mal zur Abwechslung mit dem Internet Explorer. Viel Spaß dabei. Zum Abschluss noch eine Liste von Büchern, die ich seinerzeit als besonders wertvoll empfunden habe und die heute noch für mich Helferlein-Charakter haben: Kommunikation: Miteinander reden 1 – Störungen und Klärungen Miteinander reden 2 — Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung Miteinander reden 3 — Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation
Transaktionsanalyse: Thomas A. Harris / Amy Bjork Harris: Ich bin o.k. – Du bist o.k / Einmal o.k. – immer o.kEric Berne: Spiele der Erwachsenen: Psychologie der menschlichen Beziehungen |
© Ulf Runge, 2007
Doodle
|
Leben 143 – Donnerstag, 29.11.07
Mein Lieblingssender, SWR1 Rheinland-Pfalz, macht auf seiner Homepage auf Doodle aufmerksam. Hier der Artikel des SWR. Hier der Link zu Doodle. Doodle ist eine Terminplanungs- und Abstimmwerkzeug, sagt der SWR. Am besten Mal ausprobieren. Genau das tue ich hier und jetzt. Ich habe eine Miniumfrage entworfen. Klicken Sie doch bitte mal hier drauf. Und sagen Sie mir doch bitte, wie häufig Sie sich bei mir hier einfinden. Es wäre schön, wenn Sie Ihren wirklichen Namen hier eingeben könnten. Wenn Sie anonym bleiben wollen, ist das selbstverständlich auch okay. Danke für die Teilnahme an diesem kleinen Spaß. © Ulf Runge, 2007 |
An internet that doesn’t sleep
| Leben 142 – Mittwoch, 28.11.07
Er schrieb. Er verschrieb. Sich. Oder doch nicht? Gerade eben hatte er gepostet. Er hatte „Festburggemeinde“ geschrieben. Das war doch Blödsinn, oder? Heißt es nun „Festburggemeinde“ oder „Festeburggemeinde“? Natürlich „Festeburggemeinde“, da war er sich sicher. Die Suchmaschine sollte Klarheit bringen. Zunächst aber wollte er mal nachsehen, wer – womöglich – ebenso falsch lag wie er. Und gab den vermeintlich falschen Begriff ein: „Festburggemeinde“. Ohne das entscheidende „e“. Und? Suchergebnis: Eine Fundstelle! Da war also noch jemand so unsicher wie er … … Und er las, wen und was er gefunden hatte… … Es waren keine dreißig Minuten vergangen, seitdem er gepostet hatte, und schon hatte das Internet weltweit Kunde gegeben von der falsch geschriebenen Gemeinde. P.S.: Der Titel „An internet that doens’t sleep“ ist adaptiert von „a city that doesn’t sleep“ aus Frank Sinatras “New York, New York”. © Ulf Runge, 2007 |
|
Web |
Ergebnisse 1 – 1 von 1 für festburggemeinde frankfurt. (0,05 Sekunden) |
Meinten Sie: festeburggemeinde frankfurt
|
… 28.11.07 – Skandinavische Weihnachtsmärkte in Frankfurt am Main … nach Preungesheim in die Kirche der Festburggemeinde, An der Wolfsweide 54. … |
Meinten Sie: festeburggemeinde frankfurt
Intermezzo – Mittwoch, 28.11.07 – Skandinavische Weihnachtsmärkte in Frankfurt am Main
|
Wer dieses Jahr genau wie voriges Jahr und vorvoriges Jahr zum Schwedischen Weihnachtsmarkt in Frankurt am Main gehen will, der weiß, da muss ich mir das erste Adventswochenende einplanen, den Freitag Abend, den Samstag oder den Sonntag. Und fahre wie immer in die Evangelische Kirchengemeinde am Dornbusch. Denkste! Was schon beim letzten und vorletzten Mal im Gespräch war, ist nun Wirklichkeit geworden. Der Schwedische Weihnachtsmarkt ist umgezogen nach Preungesheim in die Kirche der Festeburggemeinde, An der Wolfsweide 54. Und die Dornbuschgemeinde? Überraschung! Dort findet am Samstag und Sonntag der Finnischen Adventsmarkt statt. Viel Spaß beim Sehen, Singen, Hören, Schlemmen, Kaufen! © Ulf Runge, 2007 |
Der Goldene Schuss – zurügggebliggd
|
Leben 141 – Dienstag, 27.11.07
Der Projektor war nicht richtig eingestellt. Während der eine Kollege die Fernbedienung zum Justieren drückte, unterstützte ihn ein anderer Kollege tatkräftig mit Worten, und als er zufrieden war, rief er „Schuss“! Ich grinste wissend in mich hinein, und dann outete sich mein Kollege als zu meiner Altersklasse gehörig, indem er was von „Der Goldene Schuss“ murmelte. Ein dritter Kollege, ebenfalls aus unserer Jahrgangskategorie, meinte dann was von „Vico Torriani“, während der zweite nun „Lou van Burg“ einwarf. So, bevor es jetzt vollends kompliziert wird, erst mal für die Spätgeborenen ein historischer Abriss, und dann noch ein kleines Sahnehäubchen. Historischer Abriss: Kurz gesagt, so entstand die Schweiz, und in Erinnerung an diesen mutigen Mann führte das ZDF dann den Goldenen Schuss ein, um endlich eine Antwort zu finden auf Camillo Felgens UEFA-Kapp-Vorläufer, den Schmierseifenspielen ohne Grenzen. Lou van Burg und Vico Torriani waren die Geburtsthelfer bzw. Totengräber dieser jedes Mal aufs Neue spannenden Armbrust-Sendung. Assoziation: Ein Postmitarbeiter wird gefragt, ob es nicht langweilig sei, jeden Tag stundenlang Briefe zu stempeln. „Nö, iss ja jedesmal ´n andres Datum…“ Was war der Sinn des Spiels? Die Fernsehzuschauer mussten beweisen, nachdem ihnen Studiogäste das mit dem Armbrustschießen vorgemacht hatten, dass sie erstens Telefonieren können, und das war damals schon ein Ding, weil es gab statt heute 10 Tasten für 10 verschiedene Ziffern seinerzeit nur eine einzige Wählscheibe, und wehe man hat sich da vertan, dann hat man sich verwählt. Erstens also telefonieren, zweitens dann die fünf Wörter „links“, „rechts“, „höher“, „tiefer“ und „Schuss“ kennen und sachrichtig verwenden. Sprachwissenschaftlich rätselhaft, warum sich nicht „linker“ und „rechter“ durchgesetzt haben, sehr wohl aber „höher“ und „tiefer“. Egal wie, man sah auf die Mattscheibe am heimischen Fernseher, sah, dass die Kamera mit einer Armbrust zusammen montiert war, und konnte durch richtungsweisende Befehle den Kameramann oder –frau dazu bringen, die Zieleinrichtung dieser Waffe so zu platzieren, dass das anzusteuernde Ziel eventuell getroffen werden könnte. Ich nehme mal an, dass die Kameraleute keine Danebenschießprämie bekommen haben, heutzutage wär man sich wohl nicht so ganz sicher, oder? Die Popularität dieses Spiels stieg dermaßen, dass die Menschen im Norden wie im Süden gleichermaßen Gefallen daran fanden, dieses Spiel auch im Alltag zu spielen. Leider entwickelte sich daraus in Consumer-Kreisen eine tödliche Variante, aufgrund derer der Bayerische Rundfunk beim ZDF ausstieg und damit die Einstellung der höchst populären Sendung erzwang. So das hätte es jetzt sein können mit dem Goldenen Schuss, aber ich hatte ja noch das Sahnehäubchen versprochen. Sahnehäubchen: Schwer beladen mit zwei erst zwei Stunden später platzenden Plastiktüten voller Prospekte, die er dann fünf Jahre lang aufheben wird und dann ungelesen entsorgen, aber das ist eine andere Geschichte. Nochmal: Schwer beladen kommt er am Telefunkenstand vorbei. Jüngere Menschen denken da natürlich gleich an den Kölner Karneval, an die Blauen und Roten Funken, aber nein. Telefunken hat früher Radios gebaut. Und Tonbandgeräte. Und Fernseher. Und Computer!!! (Ja, die gute alte TR440…) Seitdem der Mensch lebt, versucht er es mit Kommunikation. Schriftlich. Nicht immer erfolgreich, wie immer noch nicht interpretierbare Hieroglyphen beweisen. Mündlich. Nicht immer erfolgreich. Da gibt es einmal noch heute spürbar die Folgen des Turmunglücks von Babylon, und dann natürlich auch das, was den Menschen erst zum Menschen macht: Die Kunst, des Nichtverstehenwollens. Egal wie, der Mensch hat schon immer gehofft, dass er irgendwann mal Maschinen bauen könnte, die ihn auch nicht verstehen. Und genau da war ich jetzt, am Telefunktenstand. Die hatten hier die Armbrust aufgebaut vom Goldenen Schuss. Spracheingabe sollte demonstriert werden. Du sagst „höher“ und die Armbrust bewegt sich etwas höher. So einfach ist das. Eine kleine Menschentraube hatte sich um das Mikrofon gebildet, an dem ein Besucher erfolgreich die Armbrust steuerte. Natürlich fiel bei „Schuss“ kein Schuss, der Computer spuckte nur die Info aus, dass man erfolgreich gewesen war oder nicht. Der Mann war erfolgreich, der nächste ging ans Mikrofon. „Oi bissle no links“ hörten meine Ohren, auch die des Computers, aber der reagierte nicht. „Links hend i gsagd, hasch mi verschdanden?“ Oha, die Armbrust bewegte sich tatsächlich nach links. „Oi bissle zurügg!“ erklang es nun, die Stimme wurde lauter, erregter, die Menschentraube größer und belustigter. „Wenn i zurügg sag, dann moi i zurügg!“ Und so weiter und so fort. Ich war nicht ganz sicher, ob dieser Südgermane sich einen Spaß daraus machte und die anschwellende Öffentlichkeit hier genoss, oder ob er davon überzeugt war, dass man seinen Dialekt nur laut genug äußern müsse, dann klappt es auch schon. Das Ende ist schnell erzählt. Zu guterletzt war nicht nur der Südteutone hochroten Kopfes, nein, getoppt wurde das ganze noch von einem, ich nenne ihm mal „Nordlicht“, der ziemlich dialektintolerant rumschrie: „Sie müssen hochdeutsch reden mit dem Computer, verstehen Sie, HOCHDEUTSCH. Links, rechts, höher, tiefer, SCHUSS! Haben Sie das verstanden?“ Warum es dann noch mal zwanzig Jahre gebraucht hat, bis „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ zum Sympathieträger von BW wurde, wissen die Affen von Salem. Pikanterweise wurden die Telefunkencomputer seinerzeit in Konschdanz gebaut, und da spricht man ja sehr wohl einen gepflegten Lokalkolorit…
Hinweis: Bei der Übersetzung vom Hochdeutschen ins Schwäbische habe ich mich dankenswerter Weise des „Schwäbisch Übersetzers“ der FH Wedel bedient.
© Ulf Runge, 2007 |
Stressige Verwechslung
Leben 140 – Sonntag, 25.11.07
Wieder ein Erlebnis beim Bäcker, wieder etwas zu berichten von der Bäckereiverkäuferin. Diesmal ist eine andere Bäckerei, eine andere Bedienung, von der ich etwas zu berichten habe.
Es ist Samstag, ich habe einen großen Erledigungszettel, und ich bin nicht so ganz sicher, ob der Tag für so viel ausreicht, ein sportliches Programm liegt vor mir, will ich mal sagen. Ich betrete die Bäckerei zügig, bin auch schon gleich dran, frage nach meinem Brot, wobei ich leider nach der falschen Sorte frage, weil, das was die Bäckerin mir jetzt geben will, das will ich nicht, also sage ich, das will ich nicht, nein, ich will das andere da, das heißt ja fast genau so, ja, genau, das will ich!
Die freundliche Verkäuferin, sie bedient mich nicht zum ersten Mal, in einem gewissen Sinn kennt sie mich also, die freundliche Verkäuferin, nimmt mein Brot, das, das ich kaufen will, und sagt zu mir bestimmt, mit langsamer Stimme: „Ihr Deutschen, Ihr seid alle so stressig am Wochenende!“
Sie ist nicht in Deutschland geboren, das mag sein. Sie spricht ein sehr gutes Deutsch. Und sie spricht weiter: „Je hektischer Sie jetzt hier sind, desto langsamer bediene ich Sie!“
Ich? Hektisch? Okay, ich bin sehr interessiert daran, die Bäckerei in ca. 2 Minuten 30 zu absolvieren, um danach gleich zur Apotheke zu eilen, und schließlich in die Nachbarstadt zu fahren und und und. Aber hektisch? Nicht wirklich. ICH BIN NICHT HEKTISCH. Aber ich wirke so, oder?
„Warum seid Ihr Deutschen am Samstag so stressig?“ Okay, ich werde es ihr sagen. Weil ich unter der Woche nicht einkaufen komme, da sind die meisten Geschäfte schon zu, wenn ich nach Hause komme. So muss alles am Wochenende passieren. Und daher meine riesige Erledigungsliste.
Ich wedele mit meiner Liste durch die Luft, sie grinst, sie hat beschlossen mich jetzt maximal langsam zu bedienen, sie spürt, dass sie für die nächsten 60 Sekunden Macht über mich hat, und ich bin ihr gar nicht mal böse, sie hat doch recht, wo soll dieser Tag noch enden, wenn ich jetzt nicht einen dringenden Hinweis bekomme, dass dieser Tag ein erholsamer werden kann für mich, mit vielen Dingen, die ich erledige, aber auch mit vielen guten Begegnungen und Gesprächen, wenn ich es denn nur will.
Ich bezahle mein Brot, bedanke mich, wünsche noch ein schönes Wochenende und beschließe, dass ich jetzt vor allem eins nicht will: Hektisch wirken. Hektisch sein. Oder wie sie es nannte: Stressig.
Und im nachhinein betrachtet muss ich sagen, dass diese „meine“ Bäckereiverkäuferin mir ein sehr schönes Geschenk gemacht hat. Über den Tag hinaus. Nämlich die Chance zu erkennen für zukünftig nicht-„stressige“ Samstage. Oder überhaupt für nicht-„stressige“ Tage, will sagen, da kann ich nicht nur etwas für die Freizeit mitnehmen, das ist erst recht etwas für die Arbeit.
Was für ein Glück, dass ich die Brotsorte verwechselt hatte…
© Ulf Runge, 2007
Wünsche
Leben 139 – Sonntag, 25.11.07
Wenn ich einen Wunsch frei hätte, was ich mir dann wünschen würde, werde ich gefragt.
Ich denke kurz nach, sage mir, Du bist Nebenfachmathematiker, da gibt es nur eine Antwort. Ich antworte: „Ich wünsche mir zwei Wünsche…“
Mein überlegener Nebenfachmathematikerblick fällt in sich zusammen, als meine Gegenüberin die einzig wahre, richtige und Musterlösung formuliert: „Ich hätte mir unendlich viel Wünsche gewünscht…“
© Ulf Runge, 2007
Kleiner Anfang
Leben 138 – Samstag, 24.11.07
Eigentlich wusste ich eben noch nicht so richtig, was ich heute schreiben werde.
Und dann. Dann glaubte ich zu wissen, über was ich jetzt schreiben will. Aber das vertage ich nun doch, wahrscheinlich „für immer“, weil es morgen oder übermorgen nicht mehr so interessiert. Das wäre gerade so, als würde ich heute die Top Twenty der englischen Charts in der fünften Woche von 1968 kommentieren. Egal!
Also! Soeben erfahre ich, dass ich morgen vormittag einen Termin habe. Suche die Straße im Internet. Sie ist schnell gefunden. Hier hätte das nun enden können, mit dieser Straße.
Aber ein Blick auf die Namen der Seitenstraßen lässt ein Schmunzeln bei mir aufkommen. Gedacht, getan. Mein heutiges Schreibexperiment startet.
Kleiner Anfang
Sehr wahr! Aller Anfang ist schwer, heißt es. Aber mit einem kleinen Schritt, einer kleinen Willensbekundung, ist der Anfang oft vollzogen. Manchmal reicht es, Öffentlichkeit zu erzeugen, und zu verkünden, was man denn nun anzufangen gedenke.
Zäher Wille
Das hört sich jetzt ein bisschen an wie „Kraft durch Freude“. Bevor ich da in ein ungewolltes, mir fremdes Fahrwassser komme, erscheint mir etwas Wiki-Suche angesagt. Da finde ich etwas sehr Interessantes, was mir hier und jetzt nicht direkt weiterhilft, aber vielleicht doch für ein paar amüsante Minuten dienlich sein mag: Liste merkwürdiger Straßennamen
Die von mir gesuchte historische Erklärung, finde ich dann im Stadtarchiv.
Und da steigt in mir ein ganz unangenehmes Gefühl auf. Da entsteht in den Jahren vor 1933 eine Wohnsiedlung, vornehmlich eine Arbeitersiedlung, idealistische Straßennamen sollen eine ganz besondere Stimmung in diesem Viertel erzeugen. Und meine lächelnd glänzenden Augen über diese orginellen Straßennamen verlieren sich in dem Unmut, dass optimistische Parolen der damaligen Zeit selbst heute noch mit einem Beigeschmack verbunden sind. Weil sie missbraucht wurden von der braunen Progagandamaschine.
So positiv der Ansporn auch sein mag, der vom Straßennamen „Zäher Wille“ auf mich überspringt, es gelingt mir nicht, daraus ausschließlich positive Gedanken und Worte zu erzeugen.
So belasse ich es denn hier mit diesen Ausführungen und zähle noch kurz auf, was für außergewöhnliche Namen man sich seinerzeit hat einfallen lassen für diese neue Arbeitersiedlung:
Große Ausdauer
Guter Fortschritt
Frohe Arbeit
Eigene Scholle
Frischer Mut
Starke Hoffnung
Neues Leben
Lichte Zeile
Freie Luft
Gute Erde
Starke Parolen, wertvolle Tugenden. Und doch: Unsere Sprache musste sich dafür entscheiden, sie ersatzlos zu vergessen, oder ihrem Sinn neue, unbelastete Begrifflichkeiten zu geben.
© Ulf Runge, 2007

Angemerktes