Und erstens kommt es anders als man zweitens denkt…
Leben 112 – Dienstag, 30.10.07
Um es kurz zu machen, man soll nicht über die Dinge unken, die da gleich passieren können.
Man muss sich das mal vorstellen: Es war Spätherbst 2002, die Mehdorn-Bahn hatte sich einiges einfallen lassen, um dann ab Dezember die Kundschaft kräftig aufzumischen. In diesen Wochen vor einem historisch negativen Tarif- und insbesondere Fahrplanwechsel (Wegfall der Interregios, das waren mal so blaue Züge des Nahverkehrs mit fast der Bequemlichkeit und Reisegeschwindigkeit von Intercity-Zügen, ach was soll’s, darüber schreibe ich ein ander Mal), in diesen Wochen also, fuhr die Bahn nachweislich unzuverlässig. Wer weiß warum, ich vermute mal, weil die Lokomotiven weniger häufig gewartet wurden, um Geld für einen kurz bevorstehenden Börsengang zu sparen, aber das ist ja reine Spekulation; definitiv ist nur: Zugausfälle, Verspätungen und liegen gebliebene Züge, das war im November 2002 auf meiner Strecke Normalität.
Und dann sitzen wir im Zug, abends, eine einzige (in Zahlen: 1) Station, bevor wir aussteigen wollen und müssen, weil wir da wohnen, unsere Freizeit verbringen wollen, da bin ich doch so blöd und sage: „So, bis jetzt sind wir ja schon mal gut durchgekommen. Jetzt fehlt uns nur noch ein Lokschaden.“ Nicht lange, genauer gesagt, nach ca. 2 Minuten, fehlte er uns nicht mehr. Der Rest ist Taxi.
Doch das alles wollte ich eigentlich nicht schreiben.
Aber, wer über „Nichts trifft den Planenden so sehr wie der Zufall“ schreibt, der sollte sich darüber im Klaren sein, dass das auch so etwas ist wie unken. War ich mir aber nicht.
Fuhr also am Donnerstag mit dem Auto, weil, es war eine Ganztagsklausur im Taunus angesagt. Mit der Bahn eine Weltreise, mit dem Auto eine feine Sache. Bin gut in der Zeit, habe mich noch nicht verfahren, was ich auf dieser Strecke mindestens einmal gerne mache. An der Ampel stehenderweise bemerke ich so etwas wie Dampf, Kühlerdampf, schaue aufs Armaturenbrett (Ihr lieben jungen Führerscheinprüflinge, welchen Ausdruck bringt man Euch heute bei, doch nicht Armaturenbrett oder, da denkt Ihr doch an Wasserhähne im Bad, oder?) und entdecke, dass nicht der Benzintankanzeiger ganz oben ist, was leider viel zu selten der Fall ist, nein, es gibt da noch einen Zeiger, den ich tunnelblickenderweise natürlich nie wahrnehme, weil der steigt höchstens auf die Mitte, also der ist IM ROTEN BEREICH!
Ich denke an ganz viele Wörter, die mit Sch… beginnen oder mit F…, z.B. Scheibenkleister und „Fackeln im Sturm“. Rechts ran, Motor aus, gewartet. Männlich nachgedacht. Es ist nicht Sommer, es ist kühl, wozu brauche ich einen Kühler, selbst wenn der jetzt im A…, äh Eimer sein sollte. Fahrtwind!!! Jawoll, der Fahrtwind, der würde es bringen, von wegen anhalten und so. Motor an, Anzeige leicht unter dem roten Bereich, weitergefahren, zweispurige Schnellstraße ohne Strandstreifen, und der Dampf schwillt an, und ich schalte den Motor aus, lasse die Mistkarre, oh, was schreibe ich da, lasse sie also ausrollen, es geht den Berg nach oben, will den Motor wieder anmachen, so eine blöde gelbe Lampe verrät mir was von „CHECK“ und verweigert dem Motor die Arbeitsaufnahme. Lokführerstreik, aber nur bei den Kühlern und so. Mist!!!
Ich habe ja so einen Dusel, eine Ausfahrt kommt, ich rechts ran, ausrollend, gedanklich und mit dem Hinterteil im Sitz mitschiebend, von Fahren ist nicht mehr die Rede, der Motor springt ja nicht mehr an.
Schwein gehabt.
Jetzt den ADAC anrufen. Jetzt ist die Situation gekommen, in der man weiß, warum im ADAC ist. Jetzt kriegt man sozusagen seinen Beitrag wieder raus,
Da – obwohl ich schwer gebeutelt bin und dringend um Hilfe suche – fällt mir die Diskussion um das ALG 1 (Arbeitslosengeldgesetz 1) ein, dass man die Arbeitslosenversicherung nicht mit einer Kapitalversicherung verwechseln dürfe, sie sei eine Risikoversicherung, man habe nicht das Recht, aus seinen Beiträgen abzuleiten, dass man einen Anspruch auf Rückzahlung habe.
In diesem Augenblick verwischen sich bei mir die Grenzen zwischen Risiko- und Kapitalversicherung, ich will nur Hilfe. Habe lange genug bezahlt…
Der Wagen sei in spätestens 60 Minuten da. Wir vergleichen noch einmal meine Handynummer. Dies ist einer der Augenblicke, in denen man genießt, dass das Handy richtig schön aufgeladen ist. Es ist. Glücklicherweise.
Der kurzärmlige Ulf (wir hatten das schon) sichert die Pannenstelle ab, zieht sich zum ersten Mal diese Sicherheitsweste über; damit wirke ich selber schon wie ein Offizieller, ja Kleider machen Leute, doch mir wird es dann doch etwas zu frisch, ich ziehe zu meiner eigenen Verwunderung eine langärmlige Jacke über. Ja, das Leben!
Der nette Herr von ADAC, der nach 50 Minuten eintrifft, hat eine ähnliche Diagnose wie ich: Der Kühler ist leer, weil kaputt, er kann bestätigen, dass die Information aus meinem Serviceheft, dass in zwei Kilometer Entfernung eine für mich geeignete Werkstatt sei, richtig ist, und schleppt mich freundlicherweise ab. Da es fast ausschließlich bergab geht, habe ich gut zu tun, die Bremse ohne Motorunterstützung so zu bedienen, dass das Abschleppkabel schön straff bleibt.
Die Markenwerkstatt, bei der ich hier lande, ist wohl ein alteingesessenes Unternehmen, aber keine Markenwerkstatt mehr für mein Auto. So wie meine Werkstatt zu Hause auch. Der Hersteller muss eine ziemlich harte Provisionspolitik mit seinen Händlern betreiben. Das nur am Rande.
Besonders positiv zu vermelden sei hier noch folgendes:
Ein sehr freundlicher Mitarbeiter des Autohauses fährt mich zu meinem geplanten Ziel, so dass ich nur gut 2 Stunden zu spät bei meinem Workshop ankomme. Und weil der Taunus so schön ist, zeigt er mir noch eine neue Route zu meinem Ziel, die nicht unbedingt kürzer ist, aber schöner, waldiger…
Mein Auto habe ich dann am nächsten Tag abholen dürfen, repariert.
Jetzt frage ich nur noch: „Wer repariert mein Girokonto?“
© Ulf Runge, 2007

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