De Endlosz-Ahl

Leben 109 – Mittwoch, 24.10.07

Wie neueste Forschungen ergeben haben, hat es zu Recht seinen Grund, dass die Rheinländer den alten Endlosz, liebevoll „de Endlosz-Ahl“ genannt, fast wie einen Heiligen und Märtyrer verehren. Nicht etwa der ungenannt bleiben wollende ehemalige DV-Leiter eines Pharmagroßhandels muss als Erfinder der großen und kleinen Ziffern gelten, und das heißt, die Geschichtsbücher müssen neu geschrieben werden, nein der Endlosz-Ahl war es, dem die Idee kam, dass die Ziffern es den Buchstaben gleich tun sollten.

Jedem großen Buchstaben ist nämlich das Glück beschieden, sozusagen einen kleinen Bruder bzw. eine kleine Schwester zu haben. (Den Skandal um die Ermordung großen ß, dessen Schreibweise mittlerweile gänzlich unbekannt geworden ist, durch den kleinen Bruder möchte ich aus Gründen des schwebenden Verfahrens hier nicht weiter behandeln.) Das mit dem kleinen Bruder und der kleinen Schwester sollte fortan bei den Ziffern auch so sein, und was tat der Endlosz-Ahl, er erfand sie einfach, die kleinen Ziffern. Bitte aber nicht verwechseln mit den hoch- und tiefgestellten Ziffern wie man sie von Quadratzahlen oder chemischen Formeln kennt. Nein, die kleinen Ziffern haben bis heute noch keine praktische Anwendung gefunden, und wieder einmal zeigt sich hier überdeutlich: Deutschland ist Weltspitze bei Forschern und Entdeckern, und war machen wir draus? Nichts. Lassen sie brach liegen. Hier ist mal wieder der Staat gefordert. Die Rahmenbedingungen für kleine Ziffern sind einfach nicht mehr zeitgemäß. So klar muss das hier mal gesagt werden!

Jahrelang musste ich als Kind auf unserem Klo zu Hause lesen, dass der Druckspüler „pat. pend.“ war. Jahre vergingen und ich machte mir nichts draus. Bis ich dann erfahren musste, dass es sich um die Abkürzung des englischen „patents pending“ handelte. Das heißt, hier hatte mal wieder jemand was tolles erfunden, es war sogar eine brauchbare Anwendung gefunden worden, aber in englischer Sprache, nicht in deutscher, war jahrelang zu lesen, dass der Patentschutz immer noch nicht gegeben war. Ich kann nur hoffen, dass man uns damals einfach nur vergessen hatte, nachdem das Patent dann Anerkennung bekommen hatte, dass man also einfach nur vergessen hatte, den Druckspüler-Deckel bei uns zu Hause zu tauschen gegen einen mit der Aufschrift „pat.“ oder so oder wie die Engländer oder wie auch immer sagen oder schreiben.

Dass es dem Endlosz-Ahl dann in seinem Übermut voll an den Kragen ging, das muss jetzt leider auch hier erwähnt werden. Er wollte unbedingt eine Täto, und zwar, was anderes hätte es sein können, die Zahl Pi, wollte er auf seinem Körper sehen, wohl wissend, dass diese Aufgabe nur durch einen einzigen griechischen Buchstaben (groß oder klein!) oder durch eine unendlich-endlose Zahlenfolge lösbar ist. Der Tätowierer, er war Nebenfach-Mathematiker wie ich, entschied sich für die beweisbar nicht iteriende (das ist nichts Schmutziges, sondern ein wohdefinierter Fachausdruck dafür, dass sich keine Teilzahlenfolgen in der Gesamzahlenfolge wiederholen) Hinterkommastellenzahlenfolge und war bei der 45. Hinterkomma-Stelle angekommen, als ihn mangels Nahrungsaufnahme ein Unterzucker-Koma heimsuchte, aus dem er nie wieder aufwachte.

Und jetzt zum Schluss das Allertraurigste: Der Endlosz-Ahl, angesichts der unvollendeten Beschriftung seines Körpers summte ein letztes Mal voll depressiv die Unvollendete von Beethoven und stürzte sich dann auf Nimmerwiedersehen in das endlose Intervall zwischen 0 und 1, irreversibel. Traurig das Ganze, aber man kann nicht immer nur Fun und Comedy haben, die Kinder wollen doch schließlich auch mal wissen, wie es war, damals, und vordamals.

Wem das alles noch nicht reicht an Wahrheiten über die Geschichte an sich und die Kunst des Tätowierens insbesondere, der schlage mal nach bei Anna Nuehm, insbesondere unter Tattoo 1 und Tattoo 2.

© Ulf Runge, 2007

 

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  1. Anna Nuehm
    24. Oktober 2007 um 14:14 | #1

    Lieber Ulf,
    eine sehr gelungene, wenn auch äußerst dramatische Geschichte über den „de Endlosz-Ahl“, wie ich sie immer schon ein bisschen geahnt, aber nicht wirklich so geglaubt habe!
    Ungeheuerlich, unendlich, endlos!
    Dabei wäre es so einfach gewesen, für den „de Endlosz-Ahl“: einfach einen Punkt setzen!
    Ja, hätte ihm denn nicht einer einen Punkt schenken können???
    Tröstlich ist allein die Tatsache, dass der gute Herr in diesem Intervall immer noch existiert. Er ist ja nicht wirklich weg, nur woanders!
    Puhh, ich fühle mich jetzt auch endlos…

    Liebe Grüße,
    Anna N-d-los

  2. Ulf Runge
    25. Oktober 2007 um 00:05 | #2

    Liebe Anna,
    danke für Deine Würdigung.
    Danke, dass Du das Thema auf den PUNKT gebracht hast.
    Ja, es hätte alles so einfach sein können.
    Aber, so isses, das Leben.

    LG, Ulf

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