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Setz Dein Segel nicht

20. Oktober 2007 2 Kommentare

Leben 106 – Samstag, 20.10.07

 

Er sah in den Rückspiegel. Eine hübsche Frau saß da am Lenkrad. Wartete wie er darauf, dass es nun endlich mal grün würde. Die Superverkehrsplaner ließen sich immer wieder neue Schikanen einfallen, den Verkehr künstlich zu verlangsamen. Er sah in den Seitenspiegel. Strahlende Augen sahen ihn an, nein nicht direkt ihn, aber sie guckten in seine Richtung, und als ihre Blicke sich trafen, wechselte er in den Rückspiegel.

Grün! Es war grün geworden. Hektisch legte er den Gang ein, fuhr mit quietschenden Reifen los, Kavaliersstart, was sonst die Halbstarken machen, eigentlich nicht seine Art, nein, er wollte auch nicht imponieren, das war ihm zufällig passiert.

Hinter ihm sah er die hübsche Frau lachen. Sie machte sich wohl lustig über ihn. Schon wieder kamen sie zu stehen. Noch eine rote Ampel. Sie blickten sich an, ihre Augen wichen einander nicht mehr aus. Ein kleiner Auffahrunfall, so ganz langsam, und wir müssten unsere Adressen tauschen, grinste er sich nach innen, wurde sich bewusst, was er da für einen Blödsinn dachte.

Sie fing an, mit dem Kopf zu wippen. Wohl ihre Lieblingsmusik.

Er verstellte seinen Sender, denn was er da hörte, passte absolut nicht zu ihren Bewegungen.

Grün! Gang eingelegt, den Sender nochmal gewechselt, ja, das passte jetzt! „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo, das passte, das Lied mochte er auch. „Setz Dein Segel nicht“, las er von ihren Lippen ab. Sie fuhr immer noch hinter ihm her. Im Gewerbegebiet würde sie wohl abbiegen, während er zur Autobahn musste.

So ein Mist, jetzt ging auch die Tankleuchte an, er musste rechts rein zur Supermarkt-Tankstelle. Adieu, hübsche Frau, fahr noch schön „deinen Weg“.

Schlüssel rum und rausgezogen, Tankdeckel aufgeschraubt, Zapfpistole rein, cool ans Auto gelehnt. Als er merkt, dass sie auch abgebogen war, auch zur Tankstelle gefahren war, an der Zapfsäule gegenüber tankte, auch ans Auto gelehnt war, obercool. Grinsend. Frech-freundlich zu ihm rübergrinsend.

Zufälle? Die gibt es ja nicht. Sie war etwas schneller fertig mit dem Tanken, vielleicht hatte sie auch nur etwas früher aufgehört, wer weiß. Sie ging zur Kasse, als er eiligst beschloss, dass sein Tank auch voll sei, und ebenfalls schnell zur Kasse lief. Er hörte seine Halsschlagader pochen, war total aufgeregt, stand hinter ihr, sog ihr schweres, die Sinne betäubendes Parfüm ein.

„Säule?“ Irgendjemand sprach ihn an. Ja, richtig, die Hübsche hatte bezahlt, und er sollte nur sagen, wo er getankt hatte. Er blickte zu seinem Auto, sah wie sie einstieg, rief der Kassiererin ein hastiges „Drei“ zu, legte einen Fünfzig-Euro-Schein hin, und bekam noch ein paar Münzen raus.

Selten schnell startete er seinen Wagen, fuhr Richtung Autobahn, denn dahin hatte er sie entschwinden sehen. Fuhr mit 80 Sachen die Auffahrt hinauf, etwas schnell für die Kurve, aber wer soll schon hier? Als es ihm heiß und kalt wurde gleichzeitig, Stau!!! Direkt vor ihm, er stieg in die Bremse und rammte den Wagen vor ihm ganz leicht, beim Springreiten sagen sie immer touchieren, ja, er touchierte seinen Vordermann, Vordermann? Von wegen. In diesem Auto saß sie! Er riss seine Wagentür auf, stürmte nach vorne, und sah, dass sie total blass war. Da sie noch ein älteres Modell fuhr, war auch kein Airbag aufgegangen, aber der Gurt hatte wohl das Schlimmste verhindert.

„Das hätten wir auch leichter und früher haben können!“ grinste sie ihn an, nachdem sie realisiert hatte, wer ihr da hinten reingefahren war. Er öffnete vorsichtig die Tür, bot ihr Halt an, und so gingen sie vorsichtig zum Randstreifen.

Erstehilfemäßig, wohldistanziert, berührten sie sich, er voll Sorge, ob sie einen Schock hätte, während ihr heiß und kalt wurde, die Schweißperlen von der Stirn tropften. So standen sie da, nicht wie ein Liebespaar, nicht wie zwei Turteltauben, eher wie zwei Herbergsuchende, einander Wärme spendend in tiefer Winternacht.

Eine Ewigkeit später, also vielleicht nach zehn unendlich langen Minuten, war der Krankenwagen da. Im Krankenhaus riet man ihr, sie solle noch ein bisschen zur Beobachtung bleiben, abends würde man sie dann nach Hause bringen.

Er kümmerte sich um die Autos, um ihres und um das seine. Nur ein bisschen Stoßfänger, sonst nichts. Jetzt hatte er also ihre Adresse. Das war eine wohltuende Wärme, die er gespürt hatte, als er sie in den Armen hielt.

Während sie sich noch etwas ausruhte im Krankenhaus, grinste sie vor sich hin, war zufrieden mit sich, der Trick mit dem Radiowippen lässt die Männer einfach anbeißen, und das geht am besten mit „Bad moon rising“ von CCR. Der war richtig nett, richtig besorgt, und sein After Shave war einfach nur hip! Und seine Stimme. Die hatte was. Und die Augen! So ein Mann!

Sie würden sich wiedersehen, es würde eine schöne Zeit werden. Nur, was hatte er vorhin gemeint mit „Setz Dein Segel nicht“?

© Ulf Runge, 2007

 

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