Danke, lieber Föderalismus
Leben 104 – Donnerstag, 18.10.07
Lieber Föderalismus,
heute möchte ich mich mal bei Dir bedanken. Ohne Dich gäbe es nicht so viele öffentlich-rechtliche Radio- und Fernsehsender, die den Privaten die Frequenzen wegnehmen. Die Gebühren könnten zwar mit weniger öffentlich-rechtlichen Sendern billiger sein, aber wir würden dann noch mehr Werbung sehen, genau an den Stellen, bei denen sich der Drehbuchautor und der Filmregisseur vorgestellt haben, dass man jetzt eine Nadel auf den Boden fallen hören könnte: Und genau da schreit Dich eine Werbefratze derart ungenießbar an, dass Du beschließt, erst mal aufs Klo zu gehen. Ohne Radio Bremen hätte es nie den Beat-Club gegeben. Ohne die archaischen Strukturen im Südwesten hätte es nie einen Südwestfunk in Baden-Baden gegeben. Danke.
Ich möchte mich auch bei Dir bedanken, dass ich seinerzeit, als ich meinen Studienplatz von München nach Stuttgart wechseln wollte, nicht in Bremen oder Berlin mein Vordiplom gemacht habe. Das hätte ich mir damals nämlich dann irgendwo hinschieben können, das hätten die Stuttgarter nicht anerkannt. Danke.
Ohne Dich gäbe es nicht die Rechtschreibreform. Und die reformierte Rechtschreibreform. Und auch nicht die reformiert-reformierte. Schade, dass es keine Duden-Verlag-Aktien gibt. Ich hätte gekauft. Ganz sicher. Ohne Dich würde die Deutsche Sprache so langweilig aussehen wie der Mittellandkanal. Danke, dass unsere lebendige Sprache durch die Possen der Unrichtigschreibreform noch spannender geworden ist, für die, die sie noch nicht beherrschen, als da sind:
Erstens, alle die, die Deutsch nicht als Muttersprache haben.
Zweitens, alle die, für die Deutsch die erste Fremdsprache ist, also alle Österreicher, Schweizer, Südtiroler und Deutsche.
Danke.
Ohne Dich gäbe es auch nicht so viele Schulbuchverlage, Schulbuchautoren und Schulbücher. Es gäbe nur einige wenige. Nicht unbedingt bessere. In der Vielfalt liegt ja die Chance für das Besondere, für das besonders Gute. Aber das müsste dann von den vielen Verantwortlichen in den vielen Ministerien und Behörden auch erkannt werden. Danke auf jeden Fall für die vielen Arbeitsplätze, die uns so erhältst, in der Schulbuchwirtschaft und in der Ministerialbürokratie.
Lieber Föderalismus, danke auch, dass Du uns vor dem Zentralabitur verschonst, wie in den gestrigen Nachrichten zu vernehmen war. Nachdem aktuell jedes Bundesland sein eigenes Zentralabitur einführt, das sich ja unbedingt von dem der Nachbarländer unterscheiden muss, das fängt ja schon bei Heimatkunde an, wenn das kein Grund ist, ich weiß es nicht. Also, jedem das seine, das eigene Zentralabitur. Und wenn alle dann fertig sind, ihre lokalkolorierten Abiture durch die Schulflure zu bringen, dann machen wir auf Deutsches Zentralabitur. Da können sich dann wieder die Kultusminister aus den deutschen Landen intensiv treffen und streiten, nachdem an der Sprache ja erst einmal nichts weiter kaputt gemacht werden kann. Und dann, aber wirklich erst dann, dann klopfen wir mal bei den deutschsprachigen Nachbarn an, ob die was von uns lernen wollen.
Einheitliche Bildungsstandards soll es aber demnächst geben in Deutschland. 58 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, 17 Jahre nach der Wiedervereinigung, im Jahre sieben nach PISA fangen wir an, einheitliche Bildungsstandards erarbeiten und einführen zu wollen. Und das mit brutalstmöglichem Schneckentempo.
Lieber Föderalismus, bleib so wie Du bist. Wenn es Dich nicht gäbe, wir Deutsche würden Dich neu erfinden. Bestimmt. Vorher würden wir eine Bund-Länder-Gemeinden-Kommission einsetzen, die die Deharmonisierung der Schulferien, der ARD, der Autokennzeichen, der Fernstraßenverkehrsschilder, der Fußballbundesliga, der Raucherzonenmarkierungen auf Bahnhöfen, zum Ziel haben würde.
Danke.
Dein Ulf
© Ulf Runge, 2007
Hinweis: Dieser Beitrag ist gleichzeitig auf BlogSenf, dem gemeinsamen Blog von Anna, Heike, Renate und mir veröffentlicht worden. Welchen Senf meine Mitbloggerinnen und erst recht die BlogSenf-LeserInnen dazu abgeben, kann man hier nachlesen:


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