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Archiv für 17. Oktober 2007

102? 102!

17. Oktober 2007 Ulf Runge Kommentieren

Leben 103 – Dienstag, 16.10.07

103. Dies ist mein 103. Beitrag. Wer mitzählt bei meinen Beiträgen, wird sich wundern. Da fehlt doch was. Ja, ich habe mich entschlossen, meinen Beitrag 102 nicht ins Netz zu stellen. Was ist geschehen?

Dieses Schreibetagebuch soll mir ja eigentlich helfen, Spielarten des Schreibens auszuprobieren. Darüberhinaus möchte ich auch unterhalten. Vergnüglich, bisweilen lustig, mitunter ernst.

Das ganze dann bitte auch nicht auf anderer Menschen Kosten. Ausschließlich in einem Rahmen, den zwar jeder für sich selber unterschiedlich definiert, den alle aber als „guten Geschmack“ bezeichnen.

Das gelingt mir nicht immer. Wer schreibt und dann relativ zeitnah veröffentlicht, der geht das Risiko ein, dass die Dinge vielleicht nicht zu Ende gedacht sind, oder ihre Wirkung nicht zu Ende bedacht ist.

Während ich vor längerer Zeit schon einmal aus Gründen des Geschmacks einen Beitrag zurückgezogen habe, ohne darüber Worte zu verlieren, statt dessen einen anderen Artikel als Ersatz eingestellt habe, liegt der Fall heute anders. Liegt mir schwer im Magen.

Die Existenz von 102 wird nicht verschwiegen. 102 wird aber auch nicht veröffentlicht. Nicht hier. Und nicht heute.

Nur soviel sei verraten: 102 ist nicht unpolitisch. Und ich vermute sogar, dass er in höchstem Maße „politisch korrekt“ ist. Aber er ist eben politisch. Zu politisch für das, was ich sonst hier schreibe.

Kann man denn einfach nur unpolitisch sein?

Als Jugendlicher war mein Kopf voll des Dranges nach Musik und Texten mit sozialkritischem Anspruch. Volksmusik? Nein, danke. Hanns Dieter Hüsch, Dieter Süverkrüp, Hannes Wader, Klaus Biermann, Reinhard Mey, Wolfgang Neuss, Dieter Hildebrandt, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Bertolt Brecht, Wolfgang Gruner, (verdammt, nur Männer!) ja überhaupt die Stachelschweine und die Lach- und Schieß: Ja, bitte. Pardon? Ja, bitte. Keine Minute im Radio sollte ohne den Kampf für eine bessere Welt, für mehr Gerechtigkeit, was auch immer, vergehen. Jede Sekunde Tralala-Musik bedeutete einen Verlust für diese Welt. Weil, wer Tralala hört, denkt nicht nach über Krieg und Frieden, Chancengleichheit, oder gar den Club of Rome.

Kann man denn einfach nur unpolitisch sein?

Jedes Wort, das geschrieben wird in den Zeitungen dieser Welt, in den Büchern und Blogs unserer Erde, jedes geschriebene und dann auch gelesen werden wollende Wort, das keinen politischen Kontext enthält, was auch immer das sein mag, darf jedes dieser Wörter als frei von Politik betrachtet werden? Wer Belanglosigkeiten liest, so will ich das mal nennen, wer sich entspannt, wer Sehnsucht hat nach politikfreiem Feierabend, ist so jemand verwerflich?

Richtig ist wohl: Alles zu seiner Zeit. Wer 24 Stunden am Tag für „seine Sache“ kämpft, verkrampft. Wer Ablenkung sucht und findet, wer spazieren geht oder musikhörenderweise vor sich her träumt, der wird wieder die Kraft finden, kreativ und ausdauernd an seinen Zielen weiter zu arbeiten.

Dieser Blog, diese Beiträge hier haben bisher nie den Anspruch gehabt, politisch sein zu wollen. Doch wie gesagt, so ganz unpolitisch mag das ja wohl auch nicht gewesen sein. Nun gibt es für jeden von uns ja wohl Dinge, die liegen uns so am Herzen, dass ein Eintreten für diese Überzeugungen sehr wohl etwas von einem politischen Manifest hat.

(Er redet um den Brei herum. Wann kommt er zur Sache? Jetzt! Oder nein, er holt noch mal aus…)

Wer im Netz schreibt, ist sichtbar. Wer im Netz liest, darf unsichtbar bleiben. Unsichtbar oder anonym.

Wer im Netz schreibt, ohne selber anonym zu sein, geht das Risiko ein, anzuecken, Widermeinung und Widerspruch zu provozieren, was ja gut ist. Es kann aber auch mehr daraus werden, real life, und das ist der Punkt, wo ich beschlossen habe zu streiken.

Wer ein Buch schreibt und Überzeugungen hineinschreibt, der mag öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, was ja dann auch verkaufsfördernd sein kann. Wer ein Buch schreibt, fängt aber keinen Dialog an mit seinen Lesern.

Genau diesen Dialog gibt es beim Bloggen. Der ist gewünscht, sehr gewünscht, und kann sehr fruchtbar sein. Doch jenseits dieses Dialoges, was passiert da? Ich will das gar nicht weiter ausführen, nur soviel sei hier noch gesagt: Es ist ein Unterschied, ob Du als Ulf Runge oder als G. Heim schreibst. Ob Du real bist oder virtuell.

Warum denn nun aber diese ganzen Gedanken?

Eine konkrete Antwort auf genau diese Frage möchte ich schuldig bleiben. Stattdessen erscheint mir folgende Analogie angeraten: Warum denn die Leute nicht alle in den Westen geflohen seien, als damals die Zonengrenze abgeriegelt worden sei, als man „Die Mauer“ gebaut habe? Antwort: Wer „rüber machte“, musste ganz ernsthaft damit rechnen, dass seine Verwandten und Freunde unter Druck gesetzt wurden.

Feigheit vs. Verantwortungsbewusstsein? Muss jeder für sich entscheiden. Muss jeder für sich bewerten.

© Ulf Runge, 2007

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