Unerhörtes! - Berliner Impressionen, Teil 1
Leben 101 - Montag, 15.10.07
Pedro hatte es gut gemeint mit uns. Er hatte sich vor längerer Zeit ein Gutscheinheft für Berlin gekauft. Zum Preis von vierzehn Euro fünfzig enthielt es Bonus-Abschnitte im Wert von knapp 1400 Euro. Pedro und seine Familie hatten noch keinen einzigen Gutschein bisher verbraucht. Wann gingen sie schon dorthin, wo die Touris hingehen? Und wenn doch, wann hatten sie schon dieses dicke Buch dabei? Und nun hatte Pedro uns dieses Heft ausgeliehen, will heißen, was auch immer wir an Gutscheinen daraus verbrauchen würden, es wäre okay für ihn.
Der Tag war voller Eindrücke gewesen, es hätte eigentlich genug sein können. Aber nun waren wir schon einmal in Berlin, und da wollte die Zeit auch genutzt sein, oder?
Wir blätterten in Pedros Gutscheinheft. In Schöneberg sollte es noch ein Museum geben, dessen Name uns neugierig machte: Das Museum der Unerhörten Dinge. Bei den Gutscheinen ein Foto mit Erklärung. Auf dem Foto zu sehen waren unterschiedlichste Gegenstände aus dem Alltag, deren Arrangement zunächst mal keinen Sinn ergab. Aus dem Text ging hervor, dass sich das Museum der Aufgabe verschrieben hat, genau diese Dinge in einen neuen Bezug zueinander zu setzen. Enorm kreativer Ansatz, fanden wir.
Wir fanden aber auch, dass wir eigentlich zu kaputt seien, vielleicht wäre morgen doch ein besserer Tag dafür, wenn wir wieder ausgeruht, wobei dann ein genauer auf die Öffnungszeiten offenbarte, dass wir nur noch heute, weil die nächsten vier Tage geschlossen sei.
Okay, wir rafften uns auf, das wollten wir uns nun doch nicht entgehen lassen. In der S-Bahn las ich dann etwas genauer den Gutschein durch, der sogar freien Eintritt bringen würde und darüber hinaus, bei rechtzeitiger Voranmeldung, eine Führung durch das Museum mit dem Direktor persönlich. Schade. Dafür war es natürlich zu spät. Den Direktor konnten wir uns natürlich in den Kamin schreiben. Aber auch ohne ihn erhofften wir uns eine interessante Besichtigung.
Vom S-Bahnhof Yorckstraße bis zur Crellestraße waren es ungefähr 200 Meter, dann fing die gesuchte Straße zwar an, aber sie machte einen leicht unbebauten Eindruck, und da vorne, war sie da nicht schon wieder zu Ende? War das vielleicht nur ein Gag? Gab es das Museum eventuell gar nicht? Merkwürdig kam uns das ja schon ein bisschen vor.
Ob ich denn nicht mal jemanden fragen wolle? Nein, wolle ich nicht, meinte ich. Der kleine Pfadfinder Ulf wollte selber pfadfindern. Was wir denn suchen würden, sprach uns ein netter Herr an, seinen kleinen Hund ausführend. Das Museum der Unerhörten Dinge. Seine Augenbrauen wanderten nach oben, Befremden ausdrückend. Zweiter Versuch: Die Crellestraße würden wir suchen. Da seien wir hier richtig. 5 bis 6 sei die Hausnummer. Da müssten wir noch ein Stück laufen. Aber das sei schon richtig. Bedankten uns. Gingen weiter. Obwohl ich gerne noch ein bisschen mehr gepfadfindert hätte, war nun klar, dass wir ziemlich sicher die besagte Hausnummer finden würden.
5 bis 6. Das alleine machte mich schon stutzig. Irgendwann habe ich mal gelernt, dass links die ungeraden Nummern sind und rechts die geraden, oder umgekehrt, was weiß ich denn! 5 bis 6 hätte bedeutet, dass ein Teil des Museums zur linken, ein Teil zur rechten untergebracht wären, eventuell verbunden über einen Fußgängersteg?
Nach der unbebauten Wildnis erhoben sich auf einmal links und rechts Häuser vor uns, rechts waren Hausnummern in den Vierzigern, gerade und ungerade, größer werdend, und zur Linken Häuser ebenfalls mit Vierzigernummern, gerade und ungerade, kleiner werdend. Aha, so war das also, auf der linken Seite würde am Ende die 1 kommen, auf der rechten dann irgendwann die wirklich höchste Nummer.
Dann ging alles ganz schnell. Das Museumsschild hing wie erwartet über dem Eingang, doch das Museum war nicht wirklich breit. Eine Schaufensterscheibe, daneben eine Glastür. Das wars. Wir blickten hinein und waren irritiert. Am Ende dieses langen Raums saß ein junger Mann mit einem Turban, lesend. Der Raum selber war – ja, wie war er? Parkettfußboden, weiß getünchte Wände, leere weiße Wände, auf dem Parkettboden standen ungefähr 10 vielleicht 12 Säulen, ca. einen Meter hoch, weiße Säulen, und auf diesen Säulen lagen Kopfhörer, schwarze Kopfhörer. Im Museum der Unerhörten (!) Dinge.
Ich schoss ein Foto, ohne Blitz, von schräg außen, ich wollte den jungen Mann nicht provozieren, was auch immer. Das sei ja wohl ein Witz, beratschlagten wir, wobei, jetzt seien wir doch extra hierher gefahren, da sollten wir, also fassten wir uns ein Herz, gingen wieder zur Tür, dort war ein Zettel angeschlagen. Sinngemäß stand da, dass, wenn das Museum geschlossen habe, dann habe es seinen Grund. Das Museum habe nie grundlos geschlossen. Wenn es denn überraschenderweise doch einmal geschlossen sein sollte, so sei der Grund auf einem Zettel rechts von diesem Zettel beschrieben. Und da war rechts ein Zettel. Wir wollten ihn gerade zur Kenntnis nehmen, als der jungen Mann mit dem Turban zu uns an die Tür kam und uns nett anschaute. Auf meine Frage, ob denn geschlossen sei, antwortete der junge Mann, selbstverständlich sei offen.
Wir betraten das Museum. Es waren keinerlei Anstalten zu erkennen, dass wir Eintritt oder gutscheinheftermäßigten Eintritt hätten zahlen sollen. Diese Geschichte kann nicht erzählt werden, ohne etwas mehr über das Museum zu verraten. Ich glaube trotzdem, dass alle, die jetzt hier weiterlesen, eine moralische Verpflichtung spüren sollten, dieses Museum zu besuchen, wann immer sie auch mal in Berlin sind.
„Gewitter über Schöneberg“ war das erste Exponat, das ich meinen Ohren zuführte. Das Grab der Gebrüder Grimm, dann eine bestimmte Schöneberger Straße, von Hanna Weissgerber aufgenommen, eine S-Bahnfahrt von Schöneberg nach irgendwo. Einige Aufnahmen waren mit „NEU“ gekennzeichnet. Aha! Alles irgendwie skurril. Angenehm befremdlich.
Wir waren begeistert, wussten nun allerdings nicht so recht, wie umgehen mit diesen sensationellen Exponaten. Nun, als wir „durch“ waren, konnte ich mir die interessierte Frage nicht verkneifen, ob denn er, der Herr vor mir, der Direktor sei.
Nein, ein freundlicher Blick bahnte sich den Weg in unsere Gemüter, er sei nicht der Direktor, er sei der Stellvertretende Direktor. Ohne eine Wimper oder Augenbraue zu verziehen. Kein Hauch eines scherzhaften Lächelns. Ohne Zweifel, er war wirklich der Stellvertretende Direktor. Was wir heute gesehen hätten, sei eigentlich nicht die ganze, vollständige Ausstellung. Eher eine Sonderausstellung. Die eigentliche sei mit dem Direktor aktuell unterwegs, sozusagen. Und auch bald wieder da. Dann würden auch die Gegenstände aus dem Buch von Pedro wieder an der Wand montiert sein, usw. usf.
Schwer beeindruckt verließen wir dieses Museum. Hin- und hergerissen zwischen Amüsement und Ernsthaftigkeit. Unerhörtes war nicht länger unerhört geblieben, war zu Erhörtem geworden.
Mehr findet sich hier: http://www.museumderunerhoertendinge.de
© Ulf Runge, 2007

Aha, da habe ich wohl nicht aufmerksam genug gelesen. Ich dachte, du nimmst an einem Marathon teil. Hmh …
Im Museum war ich übrigens schon laaaaange nicht mehr. Obwohl es in München genug davon gibt.
Kommentar von Renate — Oktober 15, 2007 @ 11:36
Liebe Renate,
wie gesagt, #100 erzählt ein bisschen was vom Marathon.
Das vergangene Wochenende war ein Berliner Wochenende, ganz ohne Wettkampf
LG, Ulf
Kommentar von Ulf Runge — Oktober 16, 2007 @ 0:19