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Leben 99 – Mittwoch, 10.10.07 – Pack die Badehose ein … (Teil 2)

So sitze ich in dieser frühherbstlichen Nacht, ohne Blick auf die Sterne, der bleibt mir verwehrt durch den riesigen, grünen Bierschirm. Ich hole meine Kladde heraus, Hemingway hatte keinen Laptop, nein, nur sein berühmtes Notiz-Tagebuch, das soll aber auch ein für allemal ein Bezug zwischen Hemingway und mir sein, sorry. Keine fremden Federn. Aber vielleicht ein bisschen Lebensgefühl nachempfinden dürfen…

Ich schlage meine Kladde auf, notiere meine Erlebnisse von heute, sortiere meine Gedanken, als der Chefe vor mir steht, die Speisekarte in der Hand. Da ich vermute, dass die Gastronomieführer-Tester ihre Notizen unauffälliger machen als ich mit meiner Kladde, bin ich ziemlich sicher, dass die Wiederaufnahme der Bedienung im verwaisten Außenbereich nur meiner Person zuzuschreiben ist, nicht aber der Existenz auf dem Tisch herumliegenden Büromaterials.

Lass irgendwo etwas Müll rumliegen! Du kannst darauf warten, dass sich in Minuten, dann Stunden und Tagen hier eine Müllkippe entwickeln wird. Ähnlich erging es mir. Ich war sozusagen das erste Bonbonpapier, dann war der Bann gebrochen, die Nachbartische füllten sich. Nachdem ich meine Bestellung aufgegeben hatte, vertiefe ich mich in meine Notizen. Rund um mich herum ein erhöhter Stimmpegel, ich nehme gedämpfte und doch angeregte Unterhaltungen wahr.

Hinter mir wird Englisch gesprochen, jetzt sind wir sogar international hier. Erst einmal Ende der Notizen, jetzt stehen Wasser und Rotwein vor mir. Ich lasse den Blick schweifen, immer wieder laufen Menschen die Straße entlang, alle Nase lang kommt ein Auto vorbei, und Fahrräder, erstaunlich viel Fahrräder sieht man hier. Und immer wieder Menschen, die hier entlang schlendern. Schaufenster bummeln. Wann habe ich zum letzten Mal einen Schaufensterbummel gemacht? Ich weiß es nicht. Geschlossene Geschäfte haben mich ehrlich gesagt noch nie gereizt.

Mein Salat kommt, ich sitze mittlerweile fast eine Stunde hier, merke, dass ich jetzt doch über meinem T-Shirt etwas drüber brauche, ziehe meine Jacke an. Auf der anderen Seite treffen sich unversehens zwei Paare. Sie kennen sich, sie sind sehr freundlich zueinander und doch ist es irgendwie, sagen wir mal mitteleuropäisch: Die beiden Männer geben sich die Hand, wobei sie versuchen, die größte gemeinsame Entfernung durch ausgestreckte Arme zu erreichen. Die beiden Frauen umarmen sich herzlich, Küsschen links, Küsschen rechts, und wieder einmal frage ich mich, weil ich es einfach nicht behalten kann, warum wissen alle, außer mir, wo die erste Seite ist, auf die man sich küsst? Der Rest ergibt sich ja dann durch laufendes Wechseln der Wangen, das kriegt man dann schon hin. Nachdem die beiden Frauen sich ausgewangt haben, Küsschen-Begrüßung der Männer durch die Frauen, freundlich, höflich, aber dann nicht ganz so herzlich.

Ich werde mir das nie merken können, welche die erste, die richtige Seite beim Wangenkuss ist, denke ich mir, und merke, dass hinter mir Begriffe wie „no garlic“ und „vegetarian“ fallen, mit denen der ratlose Kellner nichts anfangen kann. Ich helfe, die Sache zu klären, genieße weiters meinen Salat und bemerke am Nachbartisch zur Linken zwei Frauen, die auf mich wirken, als hätten sie jetzt Feierabend, abends um neun. Als sie ihre Bestellung aufgeben, wird es lustig, sie scheinen hier Stammgäste zu sein, sie flachsen mit dem Chefe, was er Ihnen denn noch gutes zu essen und trinken anbieten könne. Sie entscheiden sich schließlich für Dolce, ich kommentiere die Situation mit einem Kichern.

„Was es da zu Kichern gäbe!“dreht sich die Dame zu meiner Linken um, ihr ernstes Gesicht hellt sich auf zu einem spitzbübischen Grinsen. Und so entspinnt sich, über zwei Tische hinweg, eine kurzweilige, launige Unterhaltung. Meine Vermutung, die beiden Damen würden jetzt wohl einen sozusagen Feierabend-Absacker zu sich nehmen, kommentieren sie mit Lachen. Sie seien zum Kölsch Walk hier, das seien 11 Kilometer Walking oder Nordic Walking. Ich erzähle ebenfalls von meinem morgigen Start, dass ich über den Erwerb der neuen Badehose hier zu diesem Italiener gefunden habe, während die beiden mir berichten, dass sie heute schon mal hier waren, deshalb habe Chefe sie auch so überschwänglich begrüßt.

Meine Pasta ist ein Hochgenuss, die Dolce findet bei den beiden nicht uneingeschränkten Anklang, so dass nun doch noch Tirami Su her muss. Wir unterhalten uns noch eine Weile, ich kann nicht umhin, endlich mal wieder einen Tünnes- und Schäl-Witz aus urururalten Zeiten zu erzählen, weil die eine der beiden ist genauso wie ich ein Ex-Imi: Imi bist Du, wenn Du nicht in Köln geboren bist, aber dort lebst, sozusagen ein „Imitierter“ oder „Immigrant“ bist.

Wir trinken noch ein letztes Kölsch, dann ist es Zeit für mich, brav „nach Hause“ zu fahren, immerhin muss ich ja morgen eine gute halbe Stunde vor den beiden starten. Wir tauschen noch unsere Startnummern aus, das war’s, ein schöner, vergnüglicher Abend, auf der kühlen, frühherbstlichen Terrasse des Mezzogiorno geht zu Ende.

Genüsslich gespeist habend kehre ich nach dieser netten Unterhaltung zurück in mein Hotel, in der Hand meine Kladde und eine blaue Plastiktüte, darinnen die neue Badehose. Jetzt konnte Marathon werden, dachte ich …

© Ulf Runge, 2007
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  1. Anna Nuehm
    10. Oktober 2007 um 13:17 | #1

    Lieber Ulf,
    schöne Texte hast du hier versammelt. ich schaue bestimmt öfter mal rein! :-)
    Ein Tipp bezüglich “welche Seite küsst man zuerst?”. Also ich küsse immer zuerst die linke Wange, von mir aus gesehen links, also für den Geküssten ist es die rechte.
    Und das geht so: Das Gegenüber anstarren, leicht hypnotisierend auf die linke Seite schauen, meistens wendet die Person einem freiwillig die passende Seite zu. Wenn nicht, zielstrebig darauf zusteuern, Person am Kragen packen, dass sie nicht entwischen kann.
    Fertig. :-)
    Schöne Grüße,
    Anna

  2. Ulf Runge
    11. Oktober 2007 um 01:30 | #2

    Liebe Anna,
    danke für das Kompliment. Schön, wenn Du öfter hier vorbeischaust.
    Danke auch für die Lebenshilfe mit dem Wangenkuss. Nur was mache ich, wenn die zu küssende Person ein kragenloses Textil trägt?
    Liebe Grüße,
    Ulf

  3. Anna Nuehm
    11. Oktober 2007 um 14:15 | #3

    Lieber Ulf,
    siehst du, heute bin ich schon wieder da. :-)
    Also, entscheidend ist nicht das Textil, sondern das Anstarren! Ganz gezielt und konzentriert auf die linke Wange starren. Das nennt man nonverbale Kommunikation!
    Und was auch wichtig ist: Schnelligkeit! Da zählt die berühmte Hundertstelsekunde an Vorsprung! Denn wenn du den hast, dann bist du Erster!
    Das ist so wie beim Laufen und da kennst du dich ja aus. :-)
    Liebe Grüße aus Aachen, wo der Himmel blitzeblau ist und die Sonne sanft und goldgelb auf die Blätter fällt…
    Heute mal Pöt,
    Anna :-)

  4. 11. Oktober 2007 um 17:11 | #4

    hallo ihr lieben,lustige diskussion ueber das richtige kuessen… kuesst man denn nun eigentlich richtig oder haucht man nur in die gegend? @ulf, wenn Dich DAS schon durcheinander bringt, dann verrat ich Dir hier, in der Schweiz wird 3mal gekuesst und in Dt. nur 2mal. Da steh ich dann schon des oefteren als in die luftkuessender trottel da… lgr andrea

  5. Ulf Runge
    15. Oktober 2007 um 07:21 | #5

    Liebe Anna,

    okay, nonverbale Kommunikation, verstanden!
    So wie die Schlange mit der Maus.
    Anstarren. Und dann ganz plötzlich: Fressen.
    Ich hab’s versucht, es funktioniert wirklich.
    Danke.

    Aachen und schönes Wetter? Musst Du Deinen Blog jetzt umschreiben? Bloß weil ein megakontinentales Hoch auch Aachen nicht verschont? Arme Anna, sag ich da nur ;-)
    Mit pötischen Gruß,
    Ulf

  6. Ulf Runge
    15. Oktober 2007 um 07:37 | #6

    Liebe Andrea,
    es braucht nicht nur gehaucht werden, ich finde eher, dass die leicht angefeuchteten Lippen einen hörlosen Schmatz von sich geben dürfen.
    Ich hab’s jetzt mit 4mal versucht.
    Da erntest Du nur panische Blicke :-)
    LG, Ulf

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